:  naked lunch  :
erst down to earth und dann erst recht

text: thomas weber

SUPERSTARDOM, nachdem die im Titel des Vorgängeralbums so ungeniert zur Schau gestellten Pläne und Ziele der Band doch noch nicht so ganz aufgegangen sind, melden sich die (mittlerweile vier) Klagenfurter mit einem musikalisch überraschend reifem Nachfolger zurück. Denn was nicht ist, das kann bekanntlich ja noch werden. Und so haben sich Naked Lunch nach anfänglicher Läuterung durch die Realität, nein, nicht zurückgelehnt, sondern erst einmal dem Nihilismus hingegeben... ... und sich langsam aber sicher vom krachigen Rock-Trio zum facettenreichen Powerpop-Quartett entwickelt. Angereichert mit Bläsern und feinen Orgelsounds präsentieren die Vier ein Album, mit dem sich auch Thomas Weber mehr als anfreunden kann.

naked lunch - das buch"Nach Liebe süchtig" wäre, meint Bassist Herwig schmunzelnd, thematisch als Albumtitel genauso möglich gewesen, aber dann doch zu sehr "in Richtung Herbert Grönemeyer" gegangen. So ist die Wahl schließlich auf "Love Junkies" gefallen, ein Titel, der "so an die 99,5 Prozent der Weltbevölkerung ansprechen müßte". Außerdem spiegelt er genau die Erfahrungen wieder, die die (wahrscheinlich mutigste österreichische) Band in den letzten eineinhalb Jahren schmerzhaft hat machen müssen. Liebesentzug könnte man die etwas pathetisch auf den Punkt bringen. "Für unsere Ziele haben wir vieles aufgegeben, für diese romantischen Vorstellungen von Rock`n`Roll. Da sind Beziehungen in die Brüche gegangen und so weiter. Was auch immer Heimat letztendlich bedeuten mag, für uns sind das die Orte, an denen wir uns wohl fühlen, die Menschen mit denen wir gerne zusammen sind. Und es hat dann einfach keine Heimat mehr gegeben, an die zurückzukehren möglich gewesen wäre." - Also die Erkenntnis, selbst auch "Love Junkies" zu sein, bewußt geworden durch das, was Sänger und Gitarrist Oliver bildhaft "private Trümmerhaufen" nennt.
Doch dann erst recht! Da wo rückblickendes Selbstmitleid falsch am Platz wäre, beziehungsweise da, wo Selbstmitleid zumindest überwunden scheint, folgt im Interview gleich die nächste Erkenntnis. Nämlich, "daß es das erste Mal ist, daß wir sagen, daß es früher schlechter war" (Herwig). Denn erstens einmal sind 15 000 europaweit verkaufte Tonträger für eine Klagenfurter Band immer noch mehr als nur ein Achtungserfolg, und außerdem ist es "zum Glück jetzt für eine Band längst nicht mehr so wichtig, woher sie kommt. Zwar kommt immer noch der Großteil aller Einflüsse aus dem anglo-amerikanischen Raum, aber Notwist zum Beispiel haben - nicht nur für mich - eines der vielleicht drei besten Alben des Vorjahres gemacht. Und die kommen aus Bayern. Trotzdem wird das annähernd weltweit rezipiert und anerkannt". Die belgischen dEUS, mit denen die Band live ein paar Abende bestreiten wird, sind ein anderer Beweis für die Richtigkeit dieser Aussage. Und so ganz neben bei sind Naked Lunch mehr denn je die Darlings gewisser deutscher Musikmagazine. Visions und das auflagenstarke WOM-Magazin, um nur einige zu nennen. "Und erstmals zeigt sich auch SPEX [Szenebibel, Anm.] an Naked Lunch interessiert."
Sicher ist auch, daß man Naked Lunch diesen Sommer auf einigen größeren europäischen Festivalbühnen sehen können wird, und zwar "nicht mehr um 12 Uhr mittags sondern abends". Was in der Zwischenzeit passiert, das wird man aber nicht einmal aus den Sternen herauslesen können. Wozu auch? Denn, "wie eine Autofirma schon gesagt hat: `Der Weg ist das Ziel´". Und vielleicht kommt er ja doch noch, Naked Lunchs SUPERSTARDOM.