:  plexiq  :
stellen sich der clubtauglichkeit

text: paul litschauer

Nun, Plexiq (sprich Plecksick, nicht Plexique) ist keine neue In-Marke (auch wenn die hübsch designten T Shirts diesen Verdacht aufkommen lassen könnten) oder ein ultraflexibler Kunststoff aus der NASA Forschung, sondern, wie es sich hier eher erahnen läßt, ein musikalisches Projekt. Dieser Terminus trifft die Sache sehr gut, da es sich um einen bandtechnischen Vorstoß in händisch ziemlich unbeackerte Gebiete handelt: Techno, Dub, House, Drum'n'Bass und was sonst noch alles üblicherweise in den Clubs - mehr oder weniger tanzbar programmiert - zwischen DJ Bags und Turntables hin und her pendelt.

naked lunch - das buchMan muß sagen, die Rechnung scheint musikalisch jedenfalls aufzugehen. Sicher wurden schon eine Menge vielversprechende Versuche unternommen, Dance Kultur mit Rock Ästhetik zu verbinden (Cabaret Voltaire, Nitzer Ebb, Meat Beat Manifesto, Swamp Terrorists, Think About Mutation, Pitch Shifter uvm. - chronologische Reihung), doch am besten hat es zu den Zeiten funktioniert, als die Schubladen in Bezug auf Rock und Dance noch nicht so fest gezimmert waren. Vielmehr weckten Pioniere wie DAF, Cabs oder NEP mit ihrer Radikalität das Interesse vieler Musiker für Beats und Elektronik, und, was aus heutiger Sicht wie Crossover aus Rock und Dance anmutet, war früher ein natürlicher Umgang mit "neuen" Technologien. Erst mit der Polarisierung der Jugend Anfang der 90er einerseits auf Grunge und Metal, und andererseits auf Techno wurden dunkle Gräben geschaffen, in denen sich eigentlich nur Nine Inch Nails oder Ministry breitere Akzeptanz (auf der bösen/guten Seite) schaffen konnten. Diese Zeiten sind vorbei, und die Twens haben ihre aufgestaute finstere (oder unaufgestaute bunte) musikalische Vergangenheit zugunsten der lockeren Easy Listening/Dance Kultur in die Mülltonne schlechten Geschmacks geworfen.
Jetzt kommen Plexiq ins Spiel. Diesen "Crossover", der sich auch an den Trends der DJ Szene orientiert, hat es auf nahezu akademischem Niveau in dieser unverkrampften Natürlichkeit scheinbar noch nicht gegeben. Und dabei liegt auch eine Gefahr, an der z.B. Think About Mutation gescheitert sind. Denn es ändern sich diese Trends meist schneller, als daß eine durchaus fähige Band den Sprung in die breite Öffentlichkeit schaffen kann. Es bleibt also noch etwas abzuwarten, ob das einseitig clubverwöhnte Publikum den Brückenschlag zu ihrer rockigen/poppigen Vergangenheit von statten gehen läßt. Oder ob Plexiq als musikalische Kuriosität unter dem stilistischen Einerlei der DJs wieder verschwinden werden.

Wie jede andere Band freut sich Plexiq am meisten über Fragen, die andere Bands betreffen, besonders, wenn sie aus der eigenen Heimatstadt kommen. Haben sie mit Tocotronic Bier getrunken, oder sie nur live gesehen, ganz abgesehen davon daß sie mit einem Heinz Konzert ohnehin besser beraten gewesen wären. Wenn sie schon nicht mit den Absoluten Beginnern das Abitur (dt. für Matura) gemacht haben, waren sie wenigstens gemeinsam in der Hamburger Grundschule? Auch nicht. Aber: die Musik wird ja diese quasi benachbarten Bands natürlich gehörig beeinflußt haben und wenn nicht, gibt es dann eigentlich noch weitere Fragen, wenn man z. B. bei einem österreichischen Jugendradiosender zu Gast ist? Wohl kaum.
Nicht nur allein der Übersicht halber, sondern weil es bei Plexiq jeder verdient hat, als Musiker erwähnt zu werden: Markus Ex: Gesang, Texte, additional Keys. Lars Deutrich: Schlagzeug. Felix Huber: Keys, Electronics. Nils Kacirek: Bass. Teun Leemreijze: Dub FX

Plexiq ist sicher nicht euer erstes Projekt, ihr kommt aus verschiedenen Richtungen?
Nils: Das ist richtig. Felix hat Keys bei den Lovekrauts gespielt, sollte 70ies Soul werden, war aber dann doch ganz rockig, davor war er in der atonalen Band "die Erde". Außerdem gab's dann noch sein Elektronikprojekt "Fong", mit dem Lars, Markus und ich auch schon früher gemeinsam aufgetreten sind. Daher kennen wir Felix eigentlich. Lars hat das Drummers Collective in New York absolviert, Markus 3 Jahre Gesangsunterricht hinter sich und ich spiele seit 12 Jahren Bass.
Wie waren die Aufnahmen? Thomas Fehlmann ist der Produzent, da kann ja nicht viel schiefgehen.
Lars: Genau! Mit George Holt, der hat die technische Seite produziert, im Studio die Knöpfe gedreht, und Ian Burges waren wir eigentlich total zufrieden, die Atmosphäre in dem Studio in Frankreich war ganz locker und wir hatten genug Zeit für uns.
Produzent ist so ein großes Wort, dabei haben wir aber im Endeffekt immer das gemacht was wir wollten, es war so daß wir ihnen gesagt haben: bitte nicht so und so, sondern so und so...
Und eure bandinternen Proben?
Wir haben zwei Räume: Den einen, wo wir aufnehmen und den, wo der Teun seine Bandmaschine hat und dann in der Nacht herumdubbed.
Ansonsten proben wir alles ganz normal: Schlagzeug, Keyboard, Bass, Gesang.
Also alles live eingespielt beim Aufnehmen?
Lars: Ja wenn der Sequencer oder so läuft, krieg ich halt einen Click, aber sonst ist alles live.
Natürlich kann es Leute geben, die dann kommen und meinen das glaub ich euch nicht oder das klingt ja ganz anders... aber das ist dann halt Pech!
Wenn du dir die Platte letztendlich dann durchhörst ganz, wirst du erkennen, daß es eben auch nach "Band" klingt, eben der Bass, der vom Bassisten kommt, oder das Schlagzeug, das eigentlich "hardcore Analog" ist, oder der Keyboarder, der nicht immer quantisiert ist. Klar drehen wir gerne 'rum, aber der Gesamteindruck sollte schon so sein, daß es von einer Band kommt.
Bei diesem Typus Musik ist es heutzutage eher ungewöhnlich, daß ein Sänger dabei ist.
Zuerst haben wir es instrumental gemacht, aber dann schon gemerkt, daß wir einen brauchen, der singt. Wir sind ja eine Liveband, und nicht irgendwelche Knöpfchenschrauber. Und wir wollen jetzt nicht unbedingt "die Rockshow" bieten, jedoch einen Kontakt zum Publikum herstellen. Daher macht sich Markus gut als Bindeglied zwischen Zuschauer und Band. Man darf auch nicht vergessen, daß eine gehörige Portion Pop mit dabei ist, und die mögen wir auch.
Wie auch eure Texte poppig sind?
Markus: Ja, die entspringen mir, nicht gerade die gesellschaftskritischen oder politischen Texte, jedoch nette, phantasievolle, manchmal abstrakte kleine Geschichten.
Wie klappt es live, seid ihr mit der Tour zufrieden?
Lars: Gut! Live lassen wir's gerne krachen!
Bisher haben wir es immer geschafft die Leute zum Tanzen zu bringen, wir haben immer gerockt und es hat Spaß gemacht...
Wenn die Leute zum Tanzen anfangen, das dauert manchmal länger und manchmal kürzer, und dann diese Grenzen zwischen Rockkonzert und Clubmusik auffliegen, das ist es was wir eben wollen. Darum haben wir für unseren Dubmischer ein altes Video Überwachungssystem aus einer Bank auf der Bühne installiert, damit er dann auch mit uns oben sein darf, da er ja vom Publikum aus mischt. Leider hat er sich den Arm gebrochen gestern beim Hardcore Dubben. Als sie ihn bandagiert haben, haben sie ihm 3 Finger zum dubben freilassen müssen.
Heute abend werden wir ihn dann testen, ob's auch so klappt
Bei eurem Label Clearspot sind recht unterschiedliche Bands: Amstrong, Umajets...
Schlagzeuger: Ja die Umajets klingen so wie diese 2 Typen aus den 60ern... Simon und Garfunkel... (Gelächter)
Armstrong gefallen mir sehr gut, ist sehr elektronisch, geht stark in die Trip Hop Richtung.
Und jetzt sind auch 22Pistepirkko dabei!
22Pistepirkko, die waren doch bei einem Major?
Genau, aber die hatten in Resteuropa immer verschiedenste Label und waren nie zufrieden, was damit passiert ist, denn in Finnland kommen die mit ihren Sachen ja weit in die Charts.
Jetzt sind sie bei also uns.
Wir sind mit unserem Label sehr zufrieden, es läßt uns alle möglichen Freiheiten, wir gestalten auch die Covers selbst.
Unserem Label geht es darum, möglichst ambitionierte Musik zu featuren, die Richtung ist dabei nicht ausschlaggebend. Es zählt die Leidenschaft für die Musik.
Keine klingelnde Major Freundlichkeit?
Nils: Nee, Nee das ist einfach ein ganz persönliches Wollen. Zusammenarbeiten, sich treffen, Bier trinken gehen...
Also geht ihr lieber mit denen als mit Tocotronic ein Bier trinken...
Lars: Ja diese Fragen nach Tocotronic oder Hamburger Schule... Sicher, Tocotronic verkaufen zig tausend Platten, aber die sind überhaupt nicht meins! Mit denen mag ich als Schlagzeuger auf keinen Fall verglichen werden.
Was mögt ihr mehr?
Lars: Aus dieser Ecke gefallen mir die Sterne sehr gut. Ansonsten hören wir kreuz und quer.
Gestern haben wir so 'ne Radioshow gemacht und waren verwundert was wir alles gespielt haben... was uns alle nervt ist diese verkrampfte Puristenhaltung, gerade in der elektronischen Musik, von DJs, daß nur ein Stil gespielt wird, alles andere ist nicht progressiv genug oder Scheiße...
Wir stehen dazu, einfach mal 'ne Schweinepop Melodie reinzuhauen, wo’s uns vor lachen fast umhaut, aber dann meinen wir, das muß so sein!