:  skinny puppy - remix dystemper : 

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"Muß man den Leuten denn immer noch sagen, daß das Blut im Kino nur Ketchup ist?" schrieb Dietrich Diederichsen am Karriere-Höhepunkt der kanadischen Formation Skinny Puppy über dieselben als Antwort auf Kritiker, die Skinny Puppy als finster, bedrohlich und sogar jugendgefährdend bezeichneten. Das Abbilden einer jenseitigen Welt voll Haß, Verzweiflung, Ausweglosigkeit und einer alles zu verzehren drohenden Agonie schien beim ersten Abhören der meisten Skinny Puppy-Tracks auch die Antriebsfeder der Musiker zu sein.
Zumal die Texte kaum bis schwer verständlich, meist durch verschiedenste Techniken verzerrt und mehr hervorgewürgt als gesungen/gesprochen waren, konnte sich auch der geneigte Hörer nur schwer in die dunkle Gedankenwelt des Sängers Nivek Ogre versetzen. Denn was hier so leidenschaftlich vorgetragen wurde, war so abstrakt gar nicht: Justiz, Tierversuche, Faschismus, Wehrdienst (!), Krankenversorgung (!!), Drogensucht, gesellschaftliche Zwänge, vergebene Liebe, verschiedenste Krankheiten des Körpers wie des Geistes und viele artverwandte soziale Anliegen wurden mit Effekt-Teppichen bis zur Unkenntlichkeit entstellt. Die Musik tat ein übriges: Collagen unterschiedlichster Geräusche sowie Sprachfetzen, Schreie und dergleichen schoben sich über mehrere Lagen Sequenzer und gelegentlich standen auch mannshohe Gitarrenwände in der Landschaft. Affinitäten zur EBM-Szene der Mittachtziger drängten sich gelegentlich auf, Skinny Puppy erreichten jedoch eine musikalische und emotionale Tiefe, gegen die sich Quasi-Mitstreiter wie Ministry, Frontline Assembly, Revolting Cocks, Front 242, Severed Heads und ähnliche wie Leintuchgespenster ausnahmen. Trotz aller Erdbezogenheit ist auch heute noch jedes konzentrierte Abhören eines Skinny Puppy-Albums ein Trip auf einen fernen, schwarzen Planeten, auf dem das Böse blutig Hof hält und seine Schergen dich überall finden.
Das letzte Album "The Process" wurde nach dem Herointod des Keyboarders Dwayne Goettel 1994 fertiggestellt und beendete die Laufbahn dieser visionären Band.
Die nun vorliegende Remix-Kollektion greift Singles wie auch Album-Tracks des gesamten Bandkatalogs auf, um sie durch den derzeit allseits beliebten Remix-Wolf zu drehen, ohne auf bereits veröffentlichte Versionen zurückzugreifen. Im Gegensatz zu vielen anderen Kopplungen dieser Machart wurde hier allerdings behutsam umgegangen: KMFDM, Autechre, Adrian Sherwood, Rhys Fulber, Neotropic finden sich neben Josh Wink, God Lives Underwater, Deftones, Ken Marshall und Guru (!) als Überarbeiter ein und interpretieren die Tracks mit Respekt, allerdings ohne ihre eigenen musikalischen Vorstellungen in den Hintergrund zu stellen. So kommt Günter Schulz von KMFDM ("ADDICTION") diesmal ganz ohne Gitarren aus, denn seine Sequenzer lärmen ohnehin genug, während Autechre ("KILLING GAME") die
ursprünglich rudimentär vorhandene Rhythmik des Tracks völlig weglassen und "freifliessend" collagieren. Eine ausgezeichnete "Neo-Industrial" Fassung des Tracks "LOVE IN VAIN" steuert Riz Maslen aka NEOTROPIC bei, Rhys Fulber
wagt inzwischen aus "WORLOCK" eine fast schon radiotaugliche Nummer zimmern zu wollen und Adrian Sherwood relativiert die meterdicken Gitarrenlagen auf "TIN OMEN" mit einem harmlosen Drumtrack.
Die Neubearbeitung von "SMOTHERED HOPE" ist übrigens die einzige eines Ex-Band Members, nämlich Nivek Ogre selbst. Neue Seiten werden den Tracks nicht immer abgewonnen, die gelungenen Remixe rechtfertigen aber auf jeden Fall die Anschaffung dieser tonträgergewordenen Verbeugung vor dieser einzigartigen Band.

Folgende Alben wurden von Skinny Puppy veröffentlicht:
BITES 1985
REMISSION 1985
MIND THE PERPETUAL INTERCOURSE
CLEANSE FOLD AND MANIPULATE 1987
VIVIsectVI 1988
RABIES 1989
12 INCH ANTHOLOGY 1990
TOO DARK PARK
AIN?T IT DEAD YET 1991 (LIVE)
BACK AND FORTH 1992 (EARLY WORKS)
THE PROCESS 1994
BRAP 1996 (RARE TRACKS / LIVE)
REMIX DYSTEMPER 1998