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oder "Wenn ihr mit Kanonen auf Spatzen schießen wollt..."

So oder so ähnlich lauteten die letzten Worte von Stahl in einem regen Faxverkehr mit der Abteilung im ORF, die sich Sensationsgeilheit in der Ausprägung "Vera" zu eigen gemacht hat und die gleichlautende Single an ihrer Erscheinung im Jahr 1998 hindern wollten. Es hat nichts genützt: Die Single und in der Folge das dazugehörende Album "Los Sagwas" (pepperland/emv) sind erschienen. Letzteres haben Stahl am 4.3. im Chelsea vorgestellt. Michael Koscher war dabei und hat die sympathischen Burschen aus dem Südburgenland vorher zum Interview getroffen.

stahlStahl sind eine Band, die Geschichten erzählt. Stahl sind aber vor allem fünf Burschen, die ihre eigene Geschichte erzählen: Als Arbeiter in einem Stahlkonzern haben sie geschuftet, sind morgens sehr früh aufgestanden und sind abends nach dem anstrengenden Tag ins Bett gefallen. Der einzige Ausweg, der sich da anbietet, ist – quasi als Flucht vor dem Alltag – die Begebung in den vom Alkohol hervorgerufenen Rauschzustand. Daß das aber alles nur fiktiv sei, erläuterten Fredl Stahl (Sänger) und Michael-Toni Kaiser (Gitarrist): Unsere Band ist ein Konstrukt. Wir sind Stahlarbeiter, die alle vom Arbeitstrott einen leichten Klamsch haben. Das alles ist eine Art Werbegag: Als Selig noch keiner kannte, stand auf den Plakaten " die Rocksensation aus Deutschland" und es waren immens viele Leute auf den Konzerten. Der Prophet im eigenen Land zählt nichts. Für uns reichte es schon, aus Deutschland zu kommen. So entstanden die Arbeiter im Stahlkonzern, die zehn Jahre in Deutschland waren und jetzt wieder zurück sind. Wichtig war uns dabei, daß die Geschichte so skurril ist, daß, wenn man die Burschen sieht, man sofort merkt: Oida, das kann nicht stimmen!
Ergo haben Stahl ein G‘schichtl gedruckt; und das tun Stahl auch auf ihrem Album "Los Sagwas", wo man den Ausführungen über ihr hartes Stahlarbeiterleben lauschen soll, aber gleichzeitig im Titel aufgefordert wird, etwas zu sagen. (Bezeichnenderweise heißt ihre anstehende Tour "Mach’s nich‘ durch Gequatsche kaputt!")
Stahl basieren auf einem Humorkonzept; das Ganze ist eine Art Grauzone, wo die Leute gezwungen sind, sich näher damit zu beschäftigen. Schon verarschen, aber so, daß man es mitkriegt. Nicht auf die brutale Art, sondern ein bißchen mit einem Augenzwinkern.
Mit diesem Augenzwinkern ist wohl auch ihre Beschäftigung mit dem Problem Arbeit (Anm.: Arbeit adelt? Nein, Arbeit schändet!) zu verstehen, die sich durch das ganze Album als eine Art Ariadnefaden zieht und natürlich unweigerlich an Kurt Ostbahns "Arbeit" erinnert. Natürlich ist klar, daß das die selbe Thematik betrifft wie beim Ostbahn Kurti. [Anm.: Stahl werden heuer noch als Ostbahns Vorgruppe auftreten.] Aber es ist so, daß das zum Teil schon autobiographisch zu sehen ist. Wir haben selber wirklich schon gearbeitet und wissen, worum es dabei geht. Unsere Konstrukte basieren auf wahren Begebenheiten.

Viel Arbeit – vor allem am Faxgerät – haben sich Stahl allerdings rund um die Veröffentlichung ihrer Single "Vera" eingehandelt. Ob es keine rechtlichen Probleme mit der Gestaltung des Cover gäbe, wurde beim ORF angefragt. Von dieser Warte meldete sich der Bruder Veras – seines Zeichens Manager seiner Schwester – und drohte mit einer Klage. Das ging dann so hin und her. Fredl hat den Text drei mal umgeschrieben. Man hat uns dann angeboten - denn auch dafür hätten sie Mitarbeiter -, daß diese den Text neu bearbeiten und dann könnten wir auch bei Vera auftreten. Die Single hätte dreimal erscheinen sollen; beim dritten Mal hat es dann geklappt und bislang ist auch die Klage ausgeblieben. Ob Stahl mit "Vera" bewußt ein Zeichen gegen die Verblödung im Fernsehen setzen wollten? Wir wollten da noch ganz schnell handeln, bevor wir selber Opfer werden. So witzig und kritisch die Nummer auch klingt, es ist uns todernst.

Auf dem Album befindet sich auch eine Bonus-Straße mit dem Titel "Tony & Andi", die im rockig aufbereiteten "Steirischen Brauch" Wegas und Goldberger auf den Zahn fühlt. Solche "Sauflieder" haben nun mal ordinäre Texte. Wenn die beim Moik gespielt werden, sagt keiner etwas; wenn eine Rockband so etwas spielt, hält man sie für derb. Jetzt haben wir in so ein Schunkellied einen ziemlich argen Text hineinverpackt. Wenn da jemand sagt, daß der Text "tiaf" ist, dann müssen wir es zugeben.
Los Sagwas ist keineswegs ein stilmäßig homogenes Album. Wir sind alle nicht homogen – wir sind nicht immer gut oder schlecht drauf. Wenn wir einen roten Faden haben, dann ist es der, daß wir stilistisch keine Grenzen haben. Alle Texte stammen aus meiner (Anm.: Fredls) Feder; ich kann nur über das schreiben, was mich wirklich berührt. Da setz ich ein Gefühl damit in Verbindung und wenn das Gefühl über "Vera" eben ist, daß das eher lustig sein soll, dann fällt mir halt eine Punk-Nummer ein. Jeder von uns hat auf dem Album ein Lied, in dem er sich entfalten konnte. Meine (Fredls) Nummer ist "Stark" und das stammt eben von AC/DC – einer Band, die leider total fehlinterpretiert wurde.
Richtig interpretiert wurde hingegen nach Fredls und Michis Ansicht der Terminus "Stahlinisten", der nichts mit Stahls politischer Einstellung zu tun hat. Das ist irgendeine Kreation von irgendeinem Journalisten; sorgt witzig für Verwirrung. Und für letztere sorgt wohl auch der Albumtitel "Los Sagwas", der als Seitenhieb auf "Los Umbrellas" etc. und den ganzen Rattenschwanz der Bravo Hits gedacht ist. Wir wollen überall hint’nach tappen, überall anecken und jeden Zug erwischen. Und da haben wir uns gedacht: "Do hap ma a no aufe!"
Sympathisch, witzig, skurril und mit dem nötigen Selbstvertrauen – so präsentierten sich Stahl auch beim anschließenden Live-Gig; auch wenn die AC/DC-Ärtze-Ostbahn Kurti und vielleicht noch ein Schuß Alkbottle-Rockmischung nicht everybody’s darling sein möge.