:  boss hog  :
cristina’s own kingdom

interview + text: holger fleischmann

Boss Hog werden gerne als "Best-Looking-Band In The World" bezeichnet. Das liegt zum einen an Jon Spencer, dessen Überportion an Charisma und Sex-Appeal von seiner Blues Explosion hinlänglich bekannt ist. Seine Gattin Cristina Martinez steht ihm in dieser Hinsicht jedoch keineswegs nach. Weder auf den Albumcovers der gemeinsamen Band, noch auf der Bühne geizt sie mit ihren Reizen. Und wäre dem nicht beinahe schon genug, spielen die beiden mit ihrer Band Boss Hog überdies großartigen Rock’n’Roll, der mit zum besten zählt, was Gitarre-Bass-Schlagzeug heute bieten kann. Anlässlich ihres neuesten Werks "Whiteout" stand Band-Leaderin Cristina Martinez Rede und Antwort.

Cristina Martinez und Jon Spencer, das Traumpaar des Underground-Rocks. Gutaussehend, selbstbewusst, zielstrebig. Kennengelernt haben sich die beiden bei einem Jesus & Mary Chain-Konzert Mitte der Achtziger in Washington D.C.. Jon Spencer spielte sich gerade mit seiner damaligen und noch heute legendären Trash-Noise-Kapelle Pussy Galore die Finger in den dortigen Clubs wund. Gemeinsam kamen sie zur Entscheidung, dass Washington für ihre Visionen zu eng, zu klein sei und übersiedelten kurzerhand nach New York. Nachdem Cristinas Gastspiel an der New York University, wo sie Film studieren wollte, nur kurze Zeit dauerte, stieg sie als dritte Gitarristin bei Pussy Galore ein. Doch auch dieses Engagement war nicht von langer Dauer, da sie sich Band-Boss und Gatten Jon nicht unterordnen konnte und ständig das Kommando übernehmen wollte – was Jon nicht zuließ. Dies war sozusagen der Startschuss für Cristinas eigene Band, für Boss Hog. "Jon und ich, wir sind beide sehr starke, ausgeprägte Individuen und brauchen unser eigenes Königreich", sagt Cristina heute. Kaum verwunderlich also, dass Jon Spencer sich nach dem Ende von Pussy Galore nicht mit seiner Mitgliedschaft bei Boss Hog begnügte, sondern sein eigenes, nach ihm benanntes "Königreich", die Jon Spencer Blues Explosion, ins Leben rief.

Sex, Noise & Rock’n’Roll

Zurück zu Boss Hog. Nachdem die Band kurzfristig für einen gecancelten Act im berühmten New Yorker Punk-Laden CBGB’s einsprang und ihr erstes Konzert gab, folgte eine Reihe von Veröffentlichungen am US-Noise-Label Amphetamine Reptile, wo sie in bester Gesellschaft der frühen Helmet und Melvins oder anderen Noise-Bands wie Unsane oder The Cows aufgehoben waren. Mit ihrem aufregenden "post-grunge-blues-sexploitation-noise-rock" erregten sie mehr und mehr Aufsehen und wurden 1995 von Geffen Records, wo bereits befreundete Acts wie Sonic Youth und Beck ihre Heimat gefunden hatten, unter Vertrag genommen. Mit ihrem selbstbetitelten Major-Debut galten sie für kurze Zeit als das "Next Big Thing" am Alternative-Sektor. Doch der kommerzielle Durchbruch blieb aus. Und da Geffen gerade am rationalisieren war und mehr als zwei Drittel ihrer Acts fallen ließ, standen auch Boss Hog wieder ohne Vertrag da.
Seit dem hat sich einiges getan. Jon Spencer avancierte mit seiner Blues Explosion endgültig zum Underground-Star und Cristina brachte einen gemeinsamen Sohn zur Welt, was einen entscheidenden Einschnitt in ihrem Leben darstellte. "Mein Sohn hat mein Leben und meine Einstellung vielen Dingen gegenüber definitiv verändert. Es ergeben sich ganz andere Perspektiven im Leben, wenn du für jemanden verantwortlich bist. Es verändert die Art, wie du bestimmte Sachen machst. Ich bin mir jetzt viel mehr über die Realität, das Leben und meine eigene Situation bewusst. Jetzt, im nach hinein, mit all den neuen Erfahrungen, denke ich etwa, dass ich in die früheren Boss Hog-Alben noch mehr von mir selbst, von meiner Persönlichkeit stecken hätte können." Möglicherweise ist auch ihre Rolle als Mutter dafür verantwortlich, dass das neue Boss Hog-Album "Whiteout" einiges an Aggressivität und Rauheit vergangener Tage vermissen lässt, stattdessen mit noch mehr Glamour, mit eingängigen Melodien und überhaupt mit mehr Pop-Appeal als je zuvor auftrumpfen kann. Cristina meint auf die Frage, warum "Whiteout" zum catchiest Boss Hog-Album ever wurde lapidar: "Ich kann eigentlich keine wirklichen Gründe dafür benennen. Es war auch nicht geplant, es ist einfach so passiert. Es war die richtige Zeit, der richtige Moment für uns, eine solche Platte zu machen."

"Totally Fucking Great!"

Die Tatsache, dass sie für "Whiteout" mit fünf Produzenten zusammenarbeiteten, hatte laut Cristina diesbezüglich auch kaum Auswirkungen. "Die Produzenten hatten keinen großen Einfluss auf die Songs an sich. Die Songs waren bereits totally fucking great. Aber sie haben die Songs oftmals noch einen Schritt weiter gebracht." Ein Produzent alleine, wäre nicht gut genug gewesen, um alle Songs zu produzieren, meint Christaina selbstsicher. Die Gefahr jedoch, dass zu viele Köche den Brei verderben, sieht und sah Cristina nicht. "Mein Job ist es, klarzustellen, egal wen ich als Producer auswähle, dass ich exakt das bekomme, was ich will. Wir wissen, was wir wollen. Wir können eben sogar mit fünf Producer arbeiten und trotzdem kommt immer der Sound heraus, den wir wollen." Blickt man die Liste derer durch, die Hand an "Whiteout" angelegt haben, so verwundert zuallererst die Zusammenarbeit mit dem Schweden Tore Johansson. Denn während die andern Produzenten aus einem ähnlichen Background wie Boss Hog selbst stammen (Sonic Youth, Jesus Lizard, Chili Peppers), ist Johansson vor allem durch seine Tätigkeit mit den Cardigans bekannt geworden. Deren Sound würde man aber nicht unbedingt mit Boss Hog assoziieren. "Man muss genau hinhören, was Tore macht. Üblicherweise arbeitet er in einem ganz anderen Genre. Aber für Boss Hog brachte er im Prinzip das gleiche zustande, wie für die Cardigans und alle anderen Bands, die er produziert. Und das ist ganz einfach, einen schönen Sound aufzunehmen und ihn schön und klar zu halten. Wenn du dir Produzenten anhörst, um einen für dich selbst auszuwählen, dann darfst du nicht einfach nur die Platten hören, die sie aufgenommen haben. Es wird dir nicht gefallen. Du musst dir genau ansehen und anhören, wie sie ihren Job gemacht haben und was sie aus der Musik rausholen können. Die Songs selber sind mein Job."
Neben der Novität erstmals mit so vielen Produzenten zu arbeiten, gab es im Entstehungsprozess zu "Whiteout" eine weitere Neuheit. Mit dem Einstieg von Tour–Keyboarder Mark Boyce hatte man erstmals ein reguläres Bandmitglied an den Tasten von Anfang an dabei. "Der Einstieg von Mark hat Boss Hog sehr stark beeinflusst. Wir schreiben unsere Songs gemeinsam und sein Einfluss brachte wahrscheinlich die größten Veränderungen mit sich. Keyboarder tragen sehr viel zur Qualität der Musik bei, die ich und die ganze Band mag. Wir haben ihm und seinem Keyboard viel Raum und Luft gelassen und dies öffnete die Songs in einer wunderbaren Art und führte sie in völlig neue Richtungen. Die Songs sind viel relaxter und offener, haben weit mehr Dimensionen als früher. Das alles wurde erst durch das Keyboard und Marks eigenem Stil möglich. Er kommt vom Hip Hop- und liebt schwere, fette Grooves und Rhythmen – und das veränderte vieles für Boss Hog", erzählt Cristina. Im Vorfeld zu "Whiteout" wurde gemunkelt, dass sich Boss Hog nun auch verstärkt Elektronik-Elementen bedienen würden. Dies lässt sich nun nach Erscheinen des neuen Albums auch nicht verneinen. Cristina betont allerdings vehement, dass Boss Hog eine ziemlich bodenständige Rock’n’Roll-Band ist, deren Musik von Hand gemacht wird. "Ja, wir loopen die Drums. Das ist für uns aber eher ein Werkzeug, als ein neues Stilelement. Wenn du einen konstanten, durchgehenden Drum-Beat hast, ist dies einfach der beste Weg, einen solchen Beat umzusetzen. Das hat aber mehr mit der heutigen Studiotechnik zu tun, als mit Electronica-Einflüssen. Hollies hätte die Drums genauso gut live einspielen können. Es sind nach wie vor wir Musiker, die spielen. Wir verwenden dafür keine Maschinen."

Identifikation Rock

Boss Hog verstehen sich also als klassische Rockband. Als eine Band, die man lieben, mit der man sich identifizieren kann. Als Band, die für dich da sein kann, was Cristina auch in ihren Texten zum Ausdruck bringen will. "Meine Texte entstehen meisten daraus, dass ich ein bestimmtes Gefühl kommunizieren will. Ich versuche dabei, die Sache sehr universell zu halten, so dass jeder, der meine Songs hört, sagen kann: Oh Yeah, ich denke genauso, ich kenne das, das ist mein Song. Die besten Songs kicken nicht nur deinen Arsch, sondern haben auch einen Text, mit dem du dich identifizieren kannst. Und genau das ist es, was ich mit Boss Hog versuche."
Bevor "Whiteout" nun den Weg zu den Boss Hog-Fans finden konnte, musste die Band erst einmal das Label-Problem lösen und fand nach dem kurzen Major-Zwischenspiel ihre Heimat wieder im Independent-Lager. So erscheint "Whiteout" in den Vereinigten Staaten auf "In The Red", in Europa am deutschen Indie "City Slang". "Nach dem Ende mit Geffen habe nicht einmal den Gedanken daran verschwendet, herumzuziehen, um wieder bei einem Major zu landen. Es ist auch niemand an mich herangetreten. Ich wollte die Platte einfach für mich selbst herausbringen. An allen Ecken und Enden gab es soviel zu tun dafür, darum war ich der Ansicht, ein kleines, überschaubares Independent-Label wäre am besten geeignet. Wir befinden uns nun aber auch in einer sehr kritischen Situation. Denn mit dieser Platten müssen wir genug Geld machen, um uns eine nächste überhaupt leisten zu können." Abgesehen davon, dass bei einem Indie nicht schon im vorhinein ein Scheck mit ausreichend Geld für die Aufnahmen ins Haus flattert, kümmert Cristina die ewige "Indie oder Major"-Frage herzlich wenig. "Ich glaube nicht, dass die Kids beim Plattenkaufen darauf achten, auf welchem Label du bist. Sicherlich, es gibt politisch korrekte Ausnahmen, die nur Platten von bestimmten Labels kaufen. Aber mich kümmert das überhaupt nicht. Ich will einfach gute Musik. Für mich geht es darum, meine Platten zu den Leuten, die sie wirklich mögen, zu bringen, egal mit welchem Label. Ich kann aber genauso gut verstehen, wenn Leute der großen Corporate-Musik-Maschinerie fern bleiben wollen. Es ist wirklich schwierig mit einem großen Label zu arbeiten, das wiederum Teil eines riesigen Konzerns ist, der möglicherweise sein Geld rechten Arschlöchern zusteckt."
Auf die letzte Frage, ob eine Band wie Boss Hog eigentlich nur in New York entstehen konnte, antwortet Cristina kryptisch: "New York macht dich süchtig. Alles ist so einfach. Die Stadt ist rund um die Uhr geöffnet und in Bewegung. New York ist einfach die zentralste Stadt der ganzen Welt. Alles trifft sich hier." Und fügt nach einer kurzen Pause hinzu: "New York hat die notwendige Energie, diesen bestimmten Vibe." Cristina und Boss Hog ebenso.

"Whiteout" ist bereits auf City Slang/Virgin erschienen. Die CD enthält diversen Multimedia-Stuff wie Screensavers, einen Video-Clip und ein Video-Spielchen, die Vinyl-Version wartet mit einem Poster von Cristina Martinez auf.