:  guz  :

interview + text: thomas weber

Es ist ein alter Hut: Soloplatten sind nur selten gut.
Ein fast schon gleich alter Hut: GUZ, der Sänger der Aeronauten, stellt die wohlklingende Ausnahme dar.

Warum preßt man Zitronen eigentlich aus? Na klar, um den puren Saft zu gewinnen. Und Olifr M. Guz, kurz: Guz, ist so etwas wie die Essenz der Aeronauten. Nur daß er sich im Gegensatz zum Zitronensaft nicht für den Zahnschmelz, sondern den Ohrenschmelz seiner Hörer interessiert. wellbuilt.net telephonierte mit dem Schweizer Liedermacher.

Es ist nicht gerade leicht Dich zu erreichen. Woran arbeitest Du gerade?
Von unserer eigenen Musik können wir ja nicht leben. Meinen Lebensunterhalt, wie man so schön sagt, verdiene ich mir mit meinem Studio. Da habe ich gerade ein Hörspiel am Laufen. Ich war bis 4 Uhr morgens im Studio und um 8 Uhr haben wir schon wieder weiter gemacht.
Eine reine Auftragsarbeit oder bist du auch selbst irgendwie am Text beteiligt?
Nein. Es ist ein Auftrag für ein Hörspiel-Label. Mein Job dabei ist Toningeneur und etwas produzieren. Der Hall und so weiter. Ich entscheide wer wie brüllt. Es ist ein Krimihörspiel. "Tagebuch eines sentimentalen Killers" von Luis Sepulveda.
Witzig, das habe ich erst vor kurzem gelesen. Wie gefällt Dir das Buch?
Mir persönlich gefällt es nicht. Die Hauptperson ist zu sehr Macho. Ein harter Mann, ein hartes Leben. Er ist ein bißchen traurig, muß deshalb immer saufen und hat Ärger mit Frauen. Das ist doch alles wehleidiges Gejammer. Es ist aber komisch, denn das was man als Toningeneur aufnimmt, muß man ja eigentlich auch mögen. Ich fange öfter Dinge erst dann zu mögen an wenn ich schon daran arbeite.
Kommen wir Deinem neuen Album. Welchen Song magst Du am liebsten?
Mir ist "Rollin & Tumblin" am aller liebsten, weil das knallt. Das hat etwas Brachiales, das mag ich. Meines Erachtens ist es wie die Musik von Jon Spencer, eine Mischung aus Blues und Punk. Es hat einen simplen Text, der sich aus den vier einzigen Bluestexten die es überhaupt gibt ergibt: "Woke up this morning and my baby was gone", "Ich will ficken!", "Ich will sterben!" oder "Ich geh' hier jetzt weg". "Rollin & Tumblin" gehört in die letzte Sparte. Stimmungsmäßig ist es Fabrik, Stahl, Röhren, laut – es hat etwas Hartes. Alles Assoziationen die nicht in meine Wunschwelt gehören, die aber manchmal sehr faszinierend sind.
Das Stück bringt sich selbst auf den Punkt. Es hat – wie das ganze Album - keine Doppelbödigkeiten. Deshalb ist es mir auch am liebsten. Alles geht nach vorne. Alles ist direkt! Es macht einfach Spaß zu singen: "Meine Musik ist Scheiße!" und "Meine Freunde sind ein Haufen Dreck". Außerdem muß vor einem Gitarrensolo ganz einfach geschrien werden. Das ist eine alte Rock'n'Roll-Tradition, die ich wirklich super finde!
Findest Du wirklich, daß es auf "We Do Wie Du" keine Doppelbödigkeiten gibt? Ich denke da nur einmal an "Parisienne People".
Okay, das Stück ist die Ausnahme.
Wie ist es zu diesem Lied gekommen? Ist das eine Selbst-Verarschung?
Nur bedingt. Der Hintergrund ist eine Plakatwerbung für diese Zigarettenmarke – "Parisienne". Kennst Du die?
Die Marke schon, aber diese Plakate gibt es in Österreich soweit ich weiß nicht.
Na egal. Die Plakate sind auf jeden Fall sehr trendig, sehr zeitgeistig und eigentlich auch sehr gut. Die jungen Leute werden etwas klischeehaft so dargestellt, wie sie leben. Und bei diesen "Parisienne People" hab' ich auf einmal gemerkt: "Hey! Die meinen ja mich! Das bin ja ich!" Das war mir vollkommen neu, daß ich eine Zielgruppe bin. Bis jetzt dachte ich bei Zielgruppe immer an Autokäufer oder Leute die ein Haus bauen. Der Song "Parisienne People" ist letztlich die Überlegung dazu, wie wir als Zielgruppe aussehen.
Und "Fuck The Cops"? Auch dazu wäre ein bißchen Hintergrund ganz interessant.
Die Nummer ist relativ unspannend entstanden. "Fuck The Cops" ist eine Reminiszenz an alte Punk-Zeiten. Damals war es einfach absolute Pflicht Feinde zu haben, einen Wert, der das Böse umreißt. Mit ungefähr 18 oder so hat das dann aber nachgelassen. Die Idee zu dem Song kam mir, als ich in einem Klo im Zug eine Schmiererei "Fuck The Cops" gesehen habe.
Mit fünfzehn war es für mich nicht leicht ein Punk zu sein. Ich komme aus einem kleinen Dorf am Bodensee. Als ich versuchte zu rebellieren, zuerst einmal durch Nicht-Gut-Aussehen versuchte den Rebellen raushängen zu lassen, da bemerkte ich ziemlich schnell, daß das auf dem Land nichts bringt. Alle dachten sich nur: "Na ja! Der Oliver. Der hat halt so ne Phase."
Davon handelt "Fuck The Cops" – von einer verpufften Rebellion.

 

"We Do Wie Do"
( L’Age D’Or/Hoanzl)

Hauptberuflich schreibt Olifr M. Guz (ausgesprochen wie das Ende von "Kukuruz" nur mit "G") Texte für die Aeronauten, eine Schweizer Band, die ob des Erfolges von Tocotronic, den Sternen & Co das verdiente Glück haben ein mittlerweile gar nicht mehr so kleines Publikum beglücken zu dürfen. Zweifelnde oder Interessierte können sich zum Beispiel auf ihrer letzten Veröffentlichung ("Honolulu") von den Qualitäten der Aeronauten überzeugen (lassen)...

Nun muß Zeit und Platz für eine kleine Zwischenfrage sein: Warum preßt man Zitronen aus? Na klar, die Antwort ist absolut logisch. Um zum Saft zu kommen. Guz also ist nichts anderes als der Zitronensaft, die Essenz der Aeronauten – nur daß Guz sich nicht für Euer Zahnschmelz interessiert, sondern für Euer Ohrenschmelz. Und wer - historisch interessiert - auch Guz‘ens Vergangenheit nicht vernachlässigen möchte, der sei an dieser Stelle auf die wunderbare Zusammenstellung seines bisherigen Schaffens, die "Best Of"-Kompilation "In GUZ we trust" (ebenfalls Lado/Hoanzl) verwiesen. Kenner der Materie oder eher am Zeitgeist Interessierte, werden "We Do Wie Du" großartig finden. Das darf hier versprochen werden. Trotzdem: Party-taugliches Highlight auf "We Do Wie Du" stellt das zynisch-treibende "Parisienne People" dar. Es ist der beste Beweis dafür, daß der gute Mann sich selbst nicht allzu voll nimmt. Er kann über sich lachen, er kann über seine Fans lachen, folglich müssen auch seine Fans über sich selbst lachen können. Dann erst dürfen sie über ihn lachen. Der Rest der Platte ist Guz vom Feinsten, kreativer deutschsprachiger Minimal-Pop (abgesehen vom gerade-noch-nicht dümmlichen "Blue Yodel Stomp", der hätte nicht unbedingt sein müssen).

Fazit: Element Of Crime-Frontman Sven Regener liegt mit seinem Fazit, daß ein Mensch, der zumindest einmal am Tag Guz höre, kein schlechter Mensch sein könne, vollkommen richtig. Wer Regener (und meiner Wenigkeit) glaubt und deshalb gleich online bestellen will, der oder die klickt am besten auf den folgenden Link: http://www.lado.de