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Ein Film von Edgar Honetschläger

text + interview: space.captain

Ein neuer für österreichische Augen ganz außergewöhnlicher Film ist ab 12. Mai im Wiener Filmcasino zu sehen. Nach Erfolgen im Bereich der Bildnerischen Künste (Ausstellungen in New York, Documenta 1997) und seinem Debütfilm Milk hat sich der in Linz geborene Cosmopolit Edgar Honetschläger erneut dem Medium Film zugewandt. Mit sensibler Hand zeichnet er Tarumpfade verschiedener Kulturen wie sie sich im Laufe seiner dort verbrachten Jahre offenbarten. Begegnungen, Beziehungen in wechselseitiger Betrachtungsweise. Der Akteur wird vom Beobachter zum Beobachteten. I am part of the time.

Frei von erhobenem Zeigefinger und moralisierenden Schranken entsteht ein wertfreies Mosaik von Situationen, die sich einzeln betrachtet wieder zu einer Gesamtheit fügen. Spielerisch mit symbolischer Kraft werden Szenen aus dem realen Leben und seinen Schwierigkeiten gezeigt. Der Film bietet aber keine subjektiven Lösungen der Probleme sondern überläßt das dank Empfindsamkeit und Fingerspitzengefühl des Regisseurs und seines Teams dem Zuschauer, der dadurch selbst zum Protagonisten wird. Ein erfrischend unkonventioneller Film, solides Handwerk ohne Schnörkel.

Andreas Probst spricht mit Edgar Honetschläger.

Andreas Probst: Seit unserem letzten Gespräch sind ziemlich genau zwei Jahre vergangen. Neben Deiner Tätigkeit als bildender Künstler hast Du Dich besonders dem filmischen Schaffen verschrieben. Nach Milk im Jahr 1997 läuft nun Dein neues Werk L+R an. Wieder wie Milk eine ost-westliche Allegorie?

Edgar Honetschläger: L+R ist ein filmisches Essay und eher dem Dokumentarfilm zuzuordnen. Im Gegensatz zu den meisten Filmen dieses Genres stelle ich hier allerdings keinen anspruch auf Objektivität. Ich spiele selbst mit, und auf die Protagonistin Yukika Kudo ist ein Großteil zugeschnitten. Sie führt sozusagen durch die Handlung, als Erzählerin.

Wie hast Du das in den Handlungsablauf eingebaut, wie arrangiert?

Nun, ich stelle Fragen, die ihr dem Wesen nach fremd sind, ja sogar auf die Nerven gehen. Aus dem Verständnis heraus, daß der westliche Mensch auf alles Antworten erwartet, was der östlichen Denkweise doch eher fernliegt.

Also so ein Carpe Diem Prinzip?

Genau, das stellt man sich für den größten Teil Asiens vor, aber von Japan erwarten wir schon eher ein westliches Denken. Von uns aus betrachtet funktioniert Japan ja oberflächlich ähnlich wie der Westen.

Eine neue Betrachtungsweise von sogenannter Exotik und unserer eher nüchternen Lebensform?

Darum geht es in diesem Film. Wie nehmen sich beide Teile wahr. Die Handlung ist voll von Stereotypen, die im Grunde lächerlich sind. Exotik ist ja nich nur das alte Japan, auch das neue mit seiner Glitzerwelt und Hightech-Elektronik erscheint in westlichen Augen exotisch.

Wenn zum Beispiel Yukika mit ihrem Boot durch die Kanäle Tokyos fährt, verkörpert sie das tarditionelle Japan und die gegenüberliegende dreistöckige Autobahn das Moderne.

Ja, da kommen wir zu einem entscheidenden Punkt des Films, dem Individuum. Bei der Bootszene sieht man außer Yukika keinen Menschen. Nur die Stadt. Wie geht sie mit ihrer Umgebung um? Yukika sagt ja am Anfang: "Ich empfinde, daß es im Westen viel mehr Regeln gibt als in Japan. Hier leben so viele Menschen unter denen ich mich verstecken kann. Dadurch ist mein Freiheitsdrang ungleich größer."

Du verwendest in Deinen Filmen oft Gegensätze. Metaphern, wie die Milch und den Grünen Tee bei Milk. Nun L+R?

Viele denken, das stehe für Links und Rechts. Dem ist aber nict so. Es geht um das phonetische Problem. Die Japaner und Chinesen können ja das L und R nicht auseinanderhalten.

Welche Bedeutung hat das für Deinen Film?

Nun, das Problem diese L und R auseinanderzuhalten wird ja immer wieder verwendet, um sich über diese Menschen lustig zu machen. Aber es geht dabei nicht speziell um Japan. Es ist ein Film, der sich mit dem Zwischenraum beschäftigt.

Also wie sich die Kulturen gegenseitig betrachten.

Ja, aber nicht nur wie sich die beiden Kulturen gegenseitig betrachten, sondern es geht auch darum, wie betrachten sie sich selbst im Spiegel der anderen.

Du spielst da auf eine Szene am Beginn des Filmes an, den Ausschnitt aus einem alten Propagandafilm. Da geht es darum, wie verhält sich ein Japaner korrekt?

Richtig. Aber aus welcher Sicht eben? Aus der Sicht des damals nationalistischen Japan, oder aus der Sicht des Westens. Schauen wir uns mit den eigenen Augen an, oder betrachten wir uns mit Augen die andere geformt haben.

Du gehst ja noch weiter mit Deinen Aussagen. Du willst ja noch mehr aufzeigen.

Es geht natürlich noch um mehr. Der Film beschäftigt sich ja auch mit Demokratie und Freiheit. Was heißt Freiheit? Was heißt Demokratie? Das sind eigentlich meine Themen.

Also auch ein politischer Film?

Ja, ich sehe L+R auch als politischen Film.

Was sind Deine Zugänge zu Japan, um so arbeiten zu können, um das alles herauszufiltern?

Ich habe nur zwei Zugänge zu Japan. Der eine ist die japanische Literatur, und der Film ist ja voll davon. Das ist ein Fenster, das ich aufgemacht habe um die Realität fassen zu können. Der zweite ist Yukika, die für mich wie ein Filter ist, als Trichter dient. Durch sie verjüngt sich mein Blickwinkel auf genau die Punkte, die sie mir eröffnet, weil sie mich darauf hinweist.

Was auf den Film bezogen heißt ...

Sie gibt auf dem Boot immer das Thema mehr oder weniger vor, und meine Antwort ist eine westlich rationale. Ein Versuch das Ganze mit den mir zur Verfügung stehenden Mitteln zu erklären, ohne erhobenen Zeigefinger, ohne Wertung. Ich lasse fühlen. So haben auch die Schnitte im Film eine handlungsverknüpfende Funktion.

Bekommen Deine Schauspieler Anweisungen, wie sie zu agieren haben?

Null, null. Die Leute werden nur von mir ausgesucht. Dadurch steht mir dann später wahnsinnig viel Material zur Verfügung. Ich habe 42 Stunden Videomaterial mit nach Hause gebracht. Dazu noch 10-15 Stunden Archivaufnahmen aus Washington und Japan.

Wie genau hältst Du Dich an Deine Vorgaben im Drehbuch?

Dem Film lag ein Drehbuch zugrunde, daß viel zu didaktisch war. Das sich bei Drehbeginn als zu schwerfällig herausgestellt hat, als zu fiktiv, um es in das umzusetzen was ich mir gewünscht habe. In Wien verbrachte ich dann den Sommer damit, das gesammelte Filmmaterial zu sondieren und die Szenen hin und her zu schieben. Am Schnittisch hat sich der Film dann noch einmal verändert. Wenn vom Drehbuch 10-20% übrig geblieben sind, ist das viel.

Du gibst Deiner Arbeit also die Möglichkeit sich in einem bestimmten Rahmen zu entwickeln, zu entfalten.

Ja natürlich. Der Film muß leben und atmen. Dementsprechend mußt Du dem Film und Dir selbst die Chance geben, daß sich alles von selbst entwickelt und ineinander fügt.

Es ist allerdings ein gewisses Experiment, ein Wagnis, das Du da eingehst.

Schon. Aber eigentümlicherweise hat es funktioniert. Ich glaube, daß die von mir konstruierten Brüche, die den Inhalt verbinden, nicht stören.

L+R beginnt mit dem Aufbau einer paralellen Märchenwelt. Was willst Du damit aufzeigen?

In dieser Anfangssequenz geht es um das verlorene Paradies, um das Nichtmehrzurückholen können eines Zustandes, der einst funktioniert hat.

Anhand eines japanischen Schicksals aufgezeigt. Aber eine Geschichte, die überall auf diesem Planeten passieren kann.

Ja, damit bestätigst Du, was ich vorher schon sagte. L+R ist kein Film nur über Japan.

Trotz aller ernsten Thematik gelingt es Dir immer das Publikum zu unterhalten und keine Fadesse aufkommen zu lassen. Leichtfüßig präsentiert mit Witz und Ironie.

Wie Milk ist L+R kein Film bei dem man in schallendes Gelächter ausbricht. Eher dezenter, leiser unterschwelliger Humor. Ich versuche das Geschehen schnell zu erzählen, um dem Zuschauer aber dann auch wieder Ruhephasen zu gönnen. Die Thematiken sind leicht verpackt um niemanden zu langweilen. Man soll im Kino sitzen, sich wohlfühlen, und wenn der Film zu Ende ist denkt man, eigentlich würde ich noch ein bißchen mehr davon vertragen.

Wenn Du Milk und L+R vergleichen würdest ...

Bei Milk habe ich versucht es allen Leuten recht zu machen. L+R ist ein Film bei dem die Überlegung eine Rolle gespielt hat, für wen ich diese Arbeit mache. Die Grundlage von Milk ist trotz aller Abstraktion mein persönliches Leben und meine Erfahrungen. L+R bedient sich zudem noch anderer Mittel der Themenerschließung.

Du arbeitest in Deinen Filmen sehr viel mit Metaphern. Liegt das daran, daß Dein eigentliches Metier die Bildende Kunst ist?

Ja, das ist völlig richtig. So verschieden beide Filme auch sind, in einem sind sie vergleichbar, der Bildenden Kunst auf der Leinwand. Ich versuche nicht unbedingt mir das Vokabular der Cinematographen anzueignen. Da besteht für mich die Gefahr meine Sprache zu verlieren.

Also bewegte Bilder ...

So ist es.

Danke für das Gespräch und viel Erfolg für L+R.

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