:  "Damals, zur Jahrtausendwende" - gewissermaßen ein Plädoyer wider den respektlosen Umgang mit Worten :

Preisfrage: Was war am 9. April 1999?

text: thomas weber

Es tut nichts zur Sache, daß die meisten von uns Millennium noch immer nicht richtig schreiben können. Wozu auch? Außer fürs aufstrebende Bildungsbürgertum hat dieses Wort für absehbare Zeit jegliche Relevanz verloren. Für ein paar Monate war das - nicht selten auch noch falsch ausgesprochene - Wörtchen mit den beiden Doppelkonsonanten medial ständig präsent. Zugegeben, das nervte. Das wird es auch in ein paar Monaten noch tun. Denn gegen Jahresende wird das Millennium noch einmal kurz aufflackern, wenn sich ein paar Besserwisser hervortun wollen und selbstbewußt verkünden, daß das neue Millennium ja eigentlich erst jetzt beginnt ... ... und dann, spätestens im Jänner 2001, wird es endgültig in der Atmosphäre unserer Vorstellungskraft verglühen. Was zuerst mit bunten Bomben und grellen Granaten begrüßt wurde, wird ohne viel Aufsehen verschwinden. Ein trauriges, gnadenloses Schicksal - und doch kein Einzelfall. Denn noch schlimmer als das Millennium (das immerhin ja noch ein paar Monate Schonfrist vor sich herschiebt) hat es den Y2K-Bug und die Jahrzweitausendtauglichkeit erwischt.

Einziger Trost bleibt, daß - ähnlich wie bei vielen erst unlängst ausgerotteten Tierarten - ein paar (ausgestopfte) Exemplare in Museen überdauern werden. Langenscheidt sei Dank auch in unseren eigenen musealen Gemächern. Denn zwischen den glitzernden Buchdeckeln seiner "Edition 2000" des Englisch-Wörterbuchs präsentiert der traditionsreiche Verlag den "Wortschatz zur Jahrtausendwende". Wortsammlern und Phrasen-Nostalgikern erspart Langenscheidt damit das mühselige Archivieren unzähliger Zeitungsausschnitte und staubfangender Zeitschriften:
Irgendjemand muß einem schließlich Auskunft geben können, was das Newsweek-Magazin seinerzeit mit TEOTWAWKI (ausgesprochen: tiou`twaki) meinte. Im "Millenniumswortschatz" erfahren wir, daß sich das Akronym (also die wie ein Wort ausgesprochene Abkürzung) auf Nostradamus’ auf 1999 abzielende Prophezeiung "The End Of The World As We Know It" bezieht.
Es zeugte außerdem von einem mehr als schleißigen Geschichtsbewußtsein, würden wir vergessen, welch geschichtsträchtiger Tag der 9. April 1999 war: Für dieses Datum hatten britische Wissenschaftler den optimalen Zeugungstermin für das millennium baby errechnet. Nicht wenige Hotels stellten dafür eigens eingerichtete Suiten für "Paarungswochenenden" zur Verfügung. Die korrekte Übersetzung für "Paarungswochenende" enthält das Langenscheidt-Team den Nachschlagenden aber leider vor. Vielleicht wäre ein Slang-Wörterbuch dafür die bessere Informationsquelle ...
Abgesehen von den beiden umfangreichen Englisch-Deutsch / Deutsch-Englisch-Vokabelteilen gibt’s als zeitgeistige Draufgabe noch "Die 100 Wörter des 20. Jahrhunderts" und die deutschen "Wörter des Jahres" von 1971 bis 1998. Der Jahrhundertwortschatz (zu ihm gehören u.a. Pop, Sex, Drug, Rock’n’Roll, Beat, Radio, Star und Volkswagen) wird sicher nicht so schnell in Vergessenheit geraten und auch den Wörtern des Jahres (von rebellious und hot pants, 1971 bis Viagra und Rot-Grün, 1998) droht vorerst noch kein museales Schicksal, denn sie sind in Wahrheit nichts anderes als ein alternative{r} (Wort des Jahres 1979, Anm.) Abriß zur Zeitgeschichte.
Nachdem digitale Lexika bislang noch längst nicht so haltbar, praktisch und formschön sind wie viele gedruckte Bücher, hat der Millenniums-Langenscheidt sicher eine höhere Lebenserwartung als die darin abgedruckten Millenniumsphrasen. Mit ziemlicher Sicherheit ist der prächtig glitzernde Kitsch-Band außerdem der Blickfang eines jeden Regals. Und so ganz nebenbei kann man darin ja noch - wie ordinär - einfach nur Vokabel nachschlagen. Schade nur, daß auf Grund des Redaktionsschlusses die Wörter des Jahres 1999 nicht mehr berücksichtigt werden konnten.

Langenscheidts Millennium-Wörterbuch Englisch. Langenscheidt, Berlin 2000. Knapp ÖS 300,- (für Frankophile gibt’s außerdem ein französisches Pendant)