:  corgan calls it a day : die Smashing Pumpkins vor dem Ende

Ein Rückblick auf zwölf Jahre Bandgeschichte

text: florian bauer

Der Coup war gut vorbereitet: in einem Interview mit dem US-Radiosender KROQ verlautbarte Billy Corgan den Split seiner Band Smashing Pumpkins. Für viele ein Schock, doch bei genauem Hinsehen ein wohl durchdachter Schachzug. Die Auflösung stand für Corgan nämlich schon vor der Veröffentlichung des letzten Albums "Machina" fest, mit der Ankündigung wurde nur auf den richtigen Zeitpunkt gewartet. Der schien jetzt gekommen und damit das Ende einer der wichtigsten Bands der 90-er Jahre.

Als sich Billy Corgan und James Iha im Juli 1988 mit einem Drum-Computer ans Musizieren machten, konnte noch niemand ahnen, was aus den beiden unscheinbaren Figuren noch werden sollte. Aber die beiden teilten eine Vision, die sie von anderen Zeitgenossen unterschied. Nicht der harte, aber einfach gestrickte Gitarren-Sound schwirrte in ihrem Kopf herum, sondern Billy Corgan begab sich auf der Suche nach Vorbildern in eine andere Richtung. Epische Songs und große Melodien schwebten ihm vor, Pop der nicht mehr aus den Ohren zu kriegen war und trotzdem von der gleichen aggressiven Energie wie die Pixies, Hüsker Dü oder Fugazi getrieben war. In seiner Plattensammlung findet er Black Sabbath und die Ramones, gleich daneben stehen die Hardpop-Chaoten Cheap Trick.
Nach einem Dan Reed Network-Konzert trafen Corgan und Iha die Bassistin D`Arcy Wretzky und von da an ging`s steil bergauf. In Jimmy Chamberlin von der Swing Band J.P. & The Cats fand man schnell den passenden Schlagzeuger und innerhalb weniger Monate waren die Smashing Pumpkins das heißeste Ding der Chicago Rock-Szene. Im Dezember 1990 machten sie sich mit Produzenten-Genie Butch Vig ans Werk und veröffentlichten 1991 das Debüt-Album "Gish", das zwar immerhin 400 000 Einheiten verkaufte, zu diesem Zeitpunkt aber im Schatten eines anderen Debüts stand, das ebenfalls aus Butch Vig`s Stall kam: "Nevermind" dominierte in diesem Sommer einfach alles - der Aufstieg der Smashing Pumpkins war vorläufig verschoben. Mit dem Nachfolger "Siamese Dream" war es 1993 aber endgültig soweit, Amerika nahm Songs wie "Cherub Rock", "Today" und "Disarm" mit offenen Armen in Empfang und auch der Rest der Welt entdeckte den dramatischen Pop – die Smashing Pumpkins waren im Pop-Olymp. Ein Headliner-Slot auf der Lollapalooza-Tour und das B-Seiten-Album "Pisces Iscariot" zementierten ihre Position, die Erwartungen an Corgan & Co waren groß. Doch das epochale Album "Mellon Collie And The Infinite Sadness" erfüllte alle Ansprüche. Der Kontroll-Freak fährt darauf mit der Gefühlsachterbahn, die Stimmungen und Texturen der Songs nehmen dramatische Ausmaße an. Der Erfolg der Singles "Tonight, Tonight", "Bullet With Butterfly Wings" und "Zero" macht "Mellon Collie And The Infinite Sadness" zum meistverkauftesten Doppel-CD aller Zeiten. Danach der große Crash. Bei einem Konzert in Dublin stirbt ein Fan, mehrere werden verletzt und zwei Monate später stirbt der Tour-Keyboarder Jonathan Melvoin an einer Überdosis Heroin, Schlagzeuger Chamberlin wird wegen seiner Sucht gefeuert. Aber die Smashing Pumpkins gehen gestärkt aus der Krise hervor, werden für sieben Grammys nominiert und verkünden, dass die Rockmusik tot ist. James Iha stürzt sich in die Aufnahme einer Solo-Platte, Corgan produziert das neue Album von Hole und beschäftigt sich mit Film-Musik. Auf den Soundtracks von "Batman And Robin" und "Lost Highway" zeichnet sich ein Stilwechsel ab. Der exzentrische Band-Chef spielt mit elektronischen Sounds und Samples, was sich auch auf dem nächsten Smashing Pumpkins-Werk bemerkbar macht. "Adore" geht den Mittelweg zwischen dem traditionellen Gitarren-Sound und Techno-Experimenten, die Fans verstehen nicht ganz, wo sich die Band hinbewegt. Wie sich herausstellt, weiß auch Corgan nicht so ganz, welchen Weg er einschlagen soll. Der verstoßene Schlagzeuger wird zurückgeholt und mit "Machina" ein deutlich rockigeres Album aufgenommen. Aber die Kluft innerhalb der Band scheint immer größer zu werden. Gleich nach den Aufnahmen verlässt Bassistin Wretzky die Smashing Pumpkins, Mellisa Auf Der Maur, eigentlich bei Hole für die dicken Saiten zuständig, wird als Nachfolgerin präsentiert. Das Album "Machina" erscheint im Frühjahr 2000 und bekommt nur mittelmäßige Kritiken. Der große Wurf will den Smashing Pumpkins nicht mehr gelingen, die Auflösungserscheinungen sind nicht mehr zu übersehen. Jetzt endlich spricht Billy Corgan Klartext. Die Smashing Pumpkins sind nicht mehr, obwohl die angekündigte Tour zu Ende gespielt wird und vielleicht auch noch ein Album mit Songs aus den Machina-Sessions erscheinen wird.
Was danach kommt, wird man sehen. Die Musiker werden uns wahrscheinlich in irgendeiner Form im Business erhalten bleiben, auch wenn Schlagzeuger Chamberlin schon eine Rennfahrer-Karriere angekündigt hat.
Das Ende kommt ein bisschen plötzlich, wenngleich nicht gerade unerwartet. Aber wer Corgan kennt, weiß, dass er sich bei all seinen Statements etwas denkt. Und so kann man schon gespannt sein, was der Glatzkopf in Zukunft plant.