:  terrorgruppe  : 1 world – 0 future

interview + text: mich

"Wenn wir zum Beispiel ein Jahr lang Probleme mit Futonmatratzen haben, dann kommt eben ein Album raus, wo sich drei, vier wilde Texte mit Futonmatratzen beschäftigen – da haben wir keine Wahl! Wird sich vielleicht nicht so gut verkaufen, aber dann war es das, was uns in dem Moment Spaß macht." Und den hatte auch Michael Koscher im Gespräch mit Johnny Bottrop und Archi "M.C. Motherfucker" Alert von der Terrorgruppe.

Daß die Kreuzberger Punks von der Terrorgruppe, die ihren Proberaum nur 500 Meter von der Mauer entfernt haben, gerne in Europa touren, weiß man. Auch, daß sie nicht wie der starke und mutige Henry Rollins den Bewohnern des Landes der Berge ihre Musik vorenthalten wollen (was bei Rollins auch positiv bewertet werden kann), da sie "in Läden spielen, die mit Haider nichts zu tun haben", hätte man zumindest den Ankündigungen im wellbuilt und im gap entnehmen können. Aber was die Burschen von der Terrorgruppe über Punkrevivals, die Szene, Ideologien und Hamburg denken, kann als Novität durchgehen.

Die Punkszene erlebte, wie Außenstehende beobachtet haben wollten, Anfang der 90er ein Revival, getragen von Bands wie Offspring oder NOFX. "Das hat eigentlich gar nix mit dem Revival der deutschen Punkszene zu tun – Revival in Anführungszeichen, weil es immer eine Szene gegeben hat. Es hat immer Bands gegeben. Es hat immer Clubs und Veranstalter gegeben. Es hat immer irgendwie eine Szene gegeben. Und daß einerseits 94/95 Bands wie Offspring und Green Day groß wurden, aber gleichzeitig auch die deutsche Punkszene in Form von Chaostagen und großen Festivals oder Treffen wieder so zum Leben erweckt wurde, sind eigentlich zwei völlig verschiedene Entwicklungen, die aber irgendwie gleichzeitig gelaufen sind."
Nun gibt es neben der Punkszene auch andere, alternative Ausprägungen oder Szenen in der modernen Pop- und Rockmusik; zum Beispiel jene in Hamburg. "Das ist mehr so Rockmusik und ich meine, Tocotronic haben schon viele Punkeinflüsse, viel Hüsker Dü, und die Sterne – was haben die mehr so – Rockeinflüsse, 60er, 70erJahre. Aber es ist keine Gegenbewegung. Man hat in den 80erJahren diese Neue Deutsche Welle Bewegung gehabt und so schätze ich das auch ein; was gewisse Leute in dem Alter gerne hören an Musik, was ein bißchen mainstreamig ist. Aber mit Punk kann man so was nicht so richtig vergleichen. Weil: Punk ist immer da und Punk ist auch ein bißchen mehr, ist ja immer so ein bißchen eine Bewegung, während andere Sachen immer einschlafen und die schlafen gerade ein."
"Die ganze Hamburger Schule-Dings stammt letzten Endes auch nur von zwei Bands ab: Goldene Zitronen und Kolossale Jugend. Und das waren die ersten Vorläufer von dem, was dann später mit Tocotronic und Sternen richtig bekannt und groß wurde in Deutschland. Das waren ja auch Punkbands."
Ist Punk jetzt noch eine aktuelle Bewegung oder Jugendbewegung, irgendwie eine Revolution oder ein Gegenpol? "Das ist es immer noch, das ist ja das Lustige. Es wird natürlich von den Medien nur alle zehn Jahre wieder wahrgenommen. Dann hast du wieder den sogenannten Punkboom, der blüht uns jetzt in zwei Jahren ungefähr wieder.." "Nein, dauert noch vier Jahre!" "Blink sind gerade am Wiederankurbeln. Du brauchst immer ein paar Hochglanzpunkbands, die dann pressekompatibel sind. Dann geht das Grenze wieder ein bißchen los. Aber die Szene an sich brodelt ja immer. Es ist auch ganz logisch – eigentlich: Was macht ein zwölfjähriges Kid, wenn er zum ersten mal seinen Lehrer, seine Eltern und am besten noch seinen Pfarrer dermaßen auf die Palme bringen will, daß das auch wirkt? Er läßt sich einen roten Iro schneiden und hört wilde Punkmusik. Es funktioniert heute noch und viele bleiben nach dieser ersten Schockerzeit auch dabei, fangen an, Aktivisten zu werden, machen Fanzines oder Bands. Darum ist diese Szene auch immer da oder am Leben."
Sie hat nichts an Aktualität eingebüßt? "Nein – weil’s funktioniert!" "Du bildest dir deine politische Meinung als 12jähriger; du sagst der Nazi da neben mir in der Schulbank ist ein Arschloch. Dann hast du deine erste Punkband und was singst du? Genau das! Daß dich diese Leute ankotzen und genau dafür ist Punk da. Es ist eine Musik, die jeder machen kann, weil sie einfach ist. Auf der anderen Seite kannst du dich einfach hinstellen und rausbrüllen, was dir gerade auf dem Herzen liegt. Darum lebt dieser Punk immer, während gewisse Technosachen, die auch jeder am Computer machen kann, sich immer mit der neuen Software ändern."
"Je mehr neue Breakbeats in der Software sind, umso – was weiß ich – abgefahrener wird Technomusik, Drum and Base und wie der ganze Quatsch heißt. Immer wenn die nächste Software rauskommt, hast du wahrscheinlich wieder eine neue Welle."
Punk ist ergo fast schon traditionell. "Stimmt. Irgendeiner hat mir letztens im Interview auch erzählt, Punk wäre eigentlich so etwas wie Blues. Das wäre irgendwann einmal hochgekommen, und das wird es auch noch in 50 Jahren geben. Punk wäre eigentlich so die europäische oder westliche Zivilisationsvariante von Blues – so Südstaaten, Cottonfields irgendwie. Das wäre ein Ding, das sich immer von alleine fortpflanzt und das es immer geben wird." "Nur, daß Punk die wildere Version ist. Und Blues ist nicht besonders interessant – auch nicht für amerikanische Kids. Das hörst du dann irgendwann so über dreißig. Kids haben ihre eigene Musik und das ist hauptsächlich Punk. Es gibt jetzt zwar diese ganze HipHop-Geschichte, die man aber nicht so abgrenzen darf. Weil: Im Grunde genommen machen diese HipHopper auch nichts anderes, als zu versuchen, ihre Pubertät mit durch zu bringen – nur auf andere Art." "Also: Es hat sich auf jeden Fall bestätigt, daß Punk nicht eine vorübergehende Welle war. Und seit zwanzig Jahren hält sich das."
Entwirft und spielt die Terrorgruppe noch immer, schon wieder oder nicht mehr klassische Dreiakkordlieder? "Wir gucken nicht so richtig drauf, ob es jetzt drei oder vier oder fünf sind. Punk hat seine stilistische Mittel und eines ist natürlich, den Song möglichst knapp zu halten, möglichst viel Energie hineinzukriegen und den Song so einfach zu halten, daß die Leute den kapieren, daß er schnell in den Kopf reingeht. Wir sind alles keine Musiker, wir sind Instrumentenbesitzer. Je einfacher Musik ist, desto energiegeladener kannst du sie auch spielen. Je komplizierter sie ist, desto schwieriger ist es, da überhaupt irgendeine Energie hinzukriegen. Da machst du Musik für die Ohren und nicht für den Bauch und genau das ist es, was Punk ausmacht. Auf der anderen Seite sagen wir natürlich, wir haben auch Bock, andere Sachen zu machen. Deswegen spielen wir auch auf Beats und Ähnliches, weil uns das auch gefällt, aber das sind auch nur Musikrichtungen, die ganz gut zu Punk passen. The Clash haben früher wirklich bewiesen, daß Beats und drei Schrammelakkorde sehr gut zusammenpassen."
Also gibt es sie noch - die drei Akkorde. Sind diese drei jetzt ein Markenzeichen für eine seriöse Punkband, wie sie die Toten Hosen nun einmal nicht sind? "Die Hosen haben ein großes Problem: Die arbeiten nur strategisch. Wenn die ein Lied schreiben, dann muß vorher noch in der Generalvollversammlung plus Manager und Plattenfirma erst mal klarstehen, welche Zielgruppen das Lied erreichen sollte und wie viel verschiedene Zielgruppen, wie viele verschiedene Lieder man braucht, um diese auf eine Platte zu packen, damit die Nummer Eins wird. Ich habe gehört: Die Hosen machen Krisensitzung, wenn ihre Platten nur auf Platz Fünf in die Charts einsteigen. Was ist denn das für ein Quatsch? Wir arbeiten anders. Wir machen dann eine Platte, wenn wir genügend Songs haben, die uns gefallen, wenn die Songs auch in die Richtung gehen, wie wir uns ungefähr vorstellen, wie die Platte auszusehen hat, die der Nachfolger von der letzten wird."
Was hat Punk jetzt noch oder schon wieder mit Ideologie zu tun? "Punk wurde irgendwann einmal links, weil ein paar blöde Hippies das wollten. Die Punks wollten ja gar nicht. Wir haben eigentlich von Anfang an immer gesagt: Wir sind weder links, noch rechts, noch schwarz, noch weiß, noch oben, noch unten. Uns geht der ganze Quatsch nichts an. Wir gucken lieber zu und lachen uns ins Fäustchen – darüber, was ihr da alle für einen Mist baut. Irgendwann wurde Punk dann sehr politisiert, also in die normalen Politstrukturen hineingezogen. Da war dann plötzlich Punk einfach links. Auf jeder Antifa-Demo mußte dieses Grüppchen von armseligen Punkern mitschlurfen, wie man das immer so sieht. Und das fand ich eigentlich immer ziemlich daneben; nicht weil ich nicht links bin, sondern weil ich traditionelle Politikstrukturen einfach Scheiße finde. Im Grunde genommen machen sie auch nichts anderes: Selbe Sprüche, selbe Parolen – nur irgendwie auf der anderen Seite. Punk war für mich eigentlich immer ein Zufluchtsort, wo ich sagen konnte, ich kann mir das von außen angucken und kann allen Leuten Scheiße geben und ans Bein pissen, ohne ein Arschloch zu sein. Ideologie – ich weiß nicht, ob es die jemals gab. Die einzige Ideologie, die Punk hat, ist: Leben und leben lassen. Fuck off! Trotzdem eine große Klappe haben, mit wenig Aufwand viel erreichen, mit wenig Aufwand viel Spaß, viel Ärger verursachen, viel Rumkommen – das ist, glaube ich, die Ideologie des Punk. Mit nichts alles Erreichen."