: autechre : kompakt, klar und kompromißlos :

text: ernest meyer

Nach mehrmaligem Aufschub ist nun das neue Autechre-Album erschienen. Nicht wenige haben "Confield" voll Vorfreude erwartet. Ein erstes Probehören gestaltet sich unerwartet schwierig. Und wie es scheint, haben Autechre ihren "one stepp ahead"-Status verloren. "Confield" Track für Track...

"Confield" ist das nunmehr sechste Full-Length Album der Sheffielder Formation Autechre. Zwischen "music" (fünftes Album, Release 13.07.98) und dem jetzigen Longplayer erschienen 2 EPs ("7.1" und "7.2", releasedate 07.06.99), sowie vor kurzem die Peel Session # 2, releasedate: 11.12.00. Und erst in diesem Kontext macht "Confield" Sinn, denn der Longplayer ist die konsequente Weiterführung des auf den letzteren Veröffentlichungen eingeschlagenen up-spins. Deshalb sind Autechre-Einsteiger auch schlecht beraten, sich dem Gesamt-Werk der Band mit "Confield" zu nähern. Zu schwierig und zu verquer gestaltet sich das Album, weshalb sich Neulingen in jedem Fall ein intensives Durchhören der älteren Werke empfielt. Einen besseren Ausgangspunkt stellt etwa die legendäre und unvergessene Platte "Tri Repetae (release: 06.11.95)" dar.

Was auf "Chiastic Slide" (Release: 17.02.97) begonnen hat, nämlich die Freude an der totalen Abstraktion, das modulare Clustern einzelner tonaler Paraphrasen, wird auf "Confield" endlich als eigenes konkretes Stilmittel eingesetzt. Dort wo "7.1" und "7.2" vielleicht noch zu nebulos, zu frei und ohne Beats/Noise waren, positioniert sich "Confield" kompakt, klar und kompromißlos.

Soweit so gut. Eine Frage drängt sich hier jedoch unweigerlich auf: Reicht das? Ist das Album (wie ein englischer Kritiker meinte) ein "statement", und wenn ja, wovon? Wenn ja, könnte es dann ein Statement dessen sein, was heutzutage alles mit modernsten Produktionstechniken klanglich erzeugt werden kann? Bei dieser – wohl eher etwas bescheidenen – Sicht der Dinge handelt es sich auch bei allen auf dem "Musik aus Strom"-Label je erschienenen Tonträger um nichts anderes als "Statements". Diese Herangehensweise an elektronische experimentelle Musik degradiert ja auch alles, was Richard Devine oder Phoenicia je programmiert haben zum Statement an sich. Von Aphex Twin einmal ganz zu schweigen...

Wofür also steht der Name "Autechre" heute? Was macht ihren Sound im Frühjahr 01 aus?

War die Band früher allein auf weiter (elektronischer) Flur (sicher mit ein Grund für ihren einzigartigen Ruf), finden sie sich heute inmitten einer Spielwiese vieler talentierter und überaus ideenreicher Samplingspezalisten und Laptop-Sekkierer wieder.

Bleibt man dabei, "Confield" als Statement zu betrachten, dann handelt es sich dabei wohl am ehesten um ein Statement der eigenen Kompromisslosigkeit. Vielleicht wollen Autechre ja auch ihre intellektuelle/mathematische Freiheit vorstellen. Ganz nach dem Motto "Wir machen was wir wollen und jetzt erst recht". Aber bei diesem "Jetzt erst recht!" sind Autechre bei weitem nicht die ersten (hier drängt sich etwa der Gedanke an "Geometry", das großartige Album von Jega auf).

Aber egal, fangen wir mit dem Probehören endlich an:


"1. VI Scose Poise" Was soll denn dieses laaaaangegezogene Flirren als Intro des ersten Tracks? Oh, es ist der erste Track.


"2.cfern" Asymetrisch und eckig, Bassdrums und plinkplonk Snares scheinen sich um sich selbst zu drehen. Aber klingt das nicht genau wie "Funkstörung"? Die Nummer ist lange und ausführlich, wohlig klingt aber anders...


"3.pen expers" Jetzt geht aber die Post ab, jaja, man hört es gleich, Autechre sind die unbestrittenen Kings des shuffelnden Wildstep! Richtige Hektik kommt aber auch hier nicht auf, der Track quält sich dahin, recht noisig und zuweilen gar zu unmusikalisch.


"4.sim gishel" Athmospherische layer, clicks und cuts und dumb beats fliegen triolisch dahin, das habe ich auch schon mal gehört, vielleicht sogar ein wenig besser, im Umfeld von Richard Devine oder Scott Heren scheinen sie sich nicht gerade leicht zu tun. Früher einmal waren Autechre wirklich die Avantgarde der Avantgarde (man denke nur ehrfurchtsvoll an "basscad" oder "anvil vapre"). Damals (1994, bzw 1995) schienen Tore aufgestoßen, Tore zu neuen, unerkannten tonalen Gefilden (manchmal auch Industrial genannt). Anno 2001 sieht das aber ganz anders aus. Zunächst einmal geht man auf Marktsegmentanalyse, hört sich die aktuellen Grooves an und produziert einen Schnellschuß. Zack! Wir sind wieder da...

Nein, nein. So schlimm ist es nicht! "Confield" ist ein sehr rhythmisches, konstruktivistisches Album, dem man sich nur schwer entziehen kann, "6. bine" ist famos, sehr weit entwickelt, unheimlich spooky und mellow. Jaja, die Briten! Die kochen doch immer ihr eigenes Süppchen (siehe auch Labels wie: WARP, Rephlex, Neo Ouija, SKAM), und das in einem durchwegs positiven Sinne, intensiv gewürzt, also abwechslungsreich und kreativ. Artig ist es auch, daß "ae" nicht und nicht davon ablassen, ihren Tracks schön Namen zu verleihen. Vielleicht ja, um eine Möglichkeit für detailliertere Rezensieren zu bieten? Eigentlich könnte man sich das mit den Track-Namen inzwischen sparen, aber worüber sollten wir denn sonst reden...?


"7.eidetic casein" Oh! Eine Erheiterung. Asiatische Melodieabfolgen heben sich glasklar vom rhythmischen Umfeld ab, "ae"-typische Sounds wirbeln im Stereofeld, auch hier wieder das spulenartig klappernde Aufwickeln von Sound-Events (clicks).


"8. uviol" Abermals drängen sich Vergleiche mit Funkstörung / Chris de Luca / Michael Fakesch auf. Superb gespielte Harmoniewechsel, vielleicht der musikalischste Track auf dem ganzen Album. Auch hier in Einklang mit sehr sehr eckigen minimalistischen Beats, von Autechre zu einer interessanten und beeindruckenden auralen Welt geflochten.


"9. lentic catachresis" Als Abschluß noch was Flottes. Hm, das wird sicher auch keine Maxi-Auskopplung. Vielleicht stammen ja auch größere Abschnitte des Albums noch von den "7.1"- und "7.2"-Sessions und wurden hier neu daruntergehäckselt? Wer kann das schon sagen...?



Summa Summarum: Was bleibt, ist ein flaues Gefühl im Magen. Standen Autechre früher immer als Synonym für "one step ahead", stellt sich heute langsam die Frage, ob die letzten Alben von "Delarosa and Asora" , "While" und "Richard Devine (Lipswitch)" nicht vielleicht doch eine Spur moderner, aufgeschlossener, wenn auch trotzdem sanft in sich ruhend und vereinter erscheinen?


"Confield" wirkt stellenweise unentschlossen und hohl, wirkliches "Improvisations-Feeling" (siehe z.B.. "chichli suite 1997), stellt sich kaum ein. Das manchmal allzu straffe "ae"-Klang-Konzept überragt meist weit den Anspruch des Harmonischen, zerstückelt die ab und an aufkeimende Musik in Fraktale, presst alles in eine übergeordnete Form. Sicher ein Album an dem wir länger kauen werden. Insofern auch wieder gut...


: related links :

www.warprecords.com
www.autechre.nu

: andere hörtipps :

while ("lock", "slip", auf chocolate industries), phoenicia ("randa roomet", auf warp records), Funkstörung (diverse releases auf "musik aus strom"), richard devine ("lipswitch", warp records), Aphex Twin (viele viele geniale Alben auf Warp Records)