: above the "puls der zeit” : depeche mode :

text: ernst meyer

Mit "Exciter” präsentierten Depeche Mode dieser Tage ihr nunmehr zehntes Studioalbum. Ob sie damit erneut eine Frischzellenkur für ihre Fangemeinde zustandebringen, ist fraglich. Für Ernst Meyer ist diese Veröffentlichung jedenfalls ein willkommener Anlass, um auf das musikalische Werk dieser außergewöhnlichen Band zurückzublicken.

Kurz zur Vorgeschichte (pre 1980): In der Nicholas Comprehensive School von Basildon (40 km östlich von London) besuchen Vince Clarke, Andy Fletcher und Martin Gore dieselbe beziehungsweise die Parallel-Klasse. Schon damals machten die Drei gemeinsam Musik und traten auf Schulveranstaltungen und Partys von Freunden auf, wobei sie meistens Coversongs spielten. Vince begann eines Tages sein (bis zum heutigen Tage) schier unerschöpfliches Kompositionstalent zu entdecken und so kam es, dass sich das Trio bald auf der Suche nach einem imageträchtigen Sänger befand. Im Frühjahr des Jahres 1981 stieß schließlich David Gahan, der bereits ab und zu am Mischpult gesessen war und als Roadie gearbeitet hatte, als Sänger hinzu. Dave besuchte zuvor drei Jahre lang das Southend Art College und las Zeitgeist- und Modemagazine, wie das französische Mode Dépêche. Soviel auch zum Namen der Band, die ihre Gitarren flugs an den Nagel hängte und sich auf damals innovative Synthesizer-Sounds spezialisierte...

Die erste 7”-Single namens "Dreaming of Me” (1981) war bald aufgenommen - kurz nachdem Daniel Miller (Gründer des Labels Mute Records, Anm. d. Red.) den neuen, modernen Sound für sich entdeckte, um ihm, wie Legionen danach, sofort zu verfallen. Auf der B-Seite dieser frühen Perle elektronischer Musik verbirgt sich übrigens einer der allerbesten Songs, die Depeche Mode je aufgenommen haben: "Ice Machine”.

Am Anfang steht das leuchtend rote Cover von "Speak and Spell” (1981), das einen ausgestopften Reiher in Cellophan zeigt, der sich wie vor einem blutroten Sonnenuntergang räkelt. Das bisherige Ende: Das Cover des aktuellen Albums "Exciter” ziert eine schöne Agaven-Art, die ein bisschen Grün in die abgedunkelten, verstaubten Kämmerchen ihrer Fans bringt. Die Liebe zur Biologie ist der Band also als Konstante geblieben, vor allem zur weiblichen - diese Lyrics!!!
Auch bekannt ist, dass Depeche Mode die meisten Videoclips produziert haben, in denen das Auto als zentrales Element fungiert. Mehr noch, auch das Wort "drive” ist untrennbar mit einigen ihrer besten Songs verbunden. Man denke nur an Gassenhauer wie "Never Let Me Down”, "Behind the Wheel” oder "Fly on the Windscreen”: Ohne Automobile wären diese Songs nie entstanden.

Zwei Jahrzehnte, unzählige Anekdoten

Gerüchte nennen in Bezug auf den Lederjackenverschleiß der Jungs phantastische Zahlen. Auch dass sie nie dem platten Profi-Kommerz auf den Leim gegangen sind und keinen Major-Deal unterschrieben haben, rechnen ihnen viele ihrer Fans hoch an. Das liegt aber wohl auch daran, dass sie einen (man glaubt es kaum) 50:50 "Contract, still intact” mit Danny Miller haben. Man teilt sich alles, auch die Verluste!

Nochmal von vorne: Vom Synthpop (manchmal auch "New Romantics” genannt) "Speak and Spell” über das gänzlich unterbewertete, viel zu selten gehörte, "A Broken Frame” (1982), welches deshalb wichtig ist, weil Vince Clark bereits nach "Speak and Spell” den Hut genommen hatte und Martin Gore das Komponieren überließ, bis hin zu "Polit-Songs” ("Construction Time Again”, 1983) reicht das Repertoire. Unerhört viel Ambition für einen Zeitraum von nur drei Jahren. Der 1983 von der englischen Presse aufgebrachte Vorwurf der politischen Agitation rührte wohl überzogener Weise vom legendären Refrain von "Everything Counts” (1983) her, in dem Depeche Mode "Taking from the greedy, giving to the needy” skandierten. Mancherorts verdächtigte man die Jungs sogar ins kommunistische Lager gewechselt zu sein. (Im alles andere als liberalen Thatcher-England konnte das allzu leicht passieren.)

Princess Di is Wearing A New Dress

Aber weiter in der Chronologie: 1984/85 erste Chart-Buster mit "People Are People” (Wochenlang auf Platz 1 der österreichischen Hitparade) und "Master and Servant”, dazwischen füllte man Olympiahallen und nahm "Some Great Reward” (1984) auf. Die wirtschaftliche Depression Englands, das Elend der jugendlichen Arbeitslosen, die Kohlearbeiterstreiks, all das findet sich kaleidoskopartig in diversen Textzeilen wieder. "Is there something to do?” - "Gibt es irgendwas zu tun?” Nein! Eben nicht! In jenen Tagen erreichte die Arbeitslosigkeit ihren Höhepunkt.
"Blasphemous Rumours” erregte gemäß einer "self fulfilling prophecy” genau jene klerikale Debatte, die Depeche Mode ja eigentlich vermeiden wollten: Unsterblich der Refrain: "I dont want to start any blasphemous rumours, but...”
Später dann, gegen Ende der 80er Jahre, wurde es wieder stiller um die Band ("Black Celebration” inkl. "Fly on the Windscreen”, 1986; "Music for the Masses”, 1987). Erst "Violator” (1990) - sicher eines der besten Elektronik-Pop-Alben, die je produziert wurden - brach den Bann erneut. Zu "Black Celebration” sei noch erwähnt, dass sich völlig überraschend ein politischer bzw. medienkritischer Song als Stopper auf der B-Seite findet. "Princess Di is wearing a new dress” - völlig unbeachtet und garantiert nie im Radio gelaufen.

Nach 1990 erschien "Songs of Faith and Devotion” (1993), und erste Gerüchte um Dave Gahans Drogenprobleme wurden publik. Das Album konnte man getrost als uninspiriert und schwach abtun, und das, obwohl oder eigentlich gerade weil die Band versuchte, sich als Edelrocker mit Synthie-Vergangenheit darzustellen. Heul!
Natürlich waren Depeche Mode live immer eine etwas zähe Angelegenheit, zumal drei schüchterne Synth-Popper verschanzt hinter Equipment-Bergen kaum dazu geeignet waren, Jungmädchenhorden zum Schreien zu bringen. Dass es trotzdem geklappt hat, ist einzig und allein Dave Gahan zu verdanken, der immer ganz allein vorne auf der riesigen Bühne gestanden ist. Und hätte er sich nicht wie ein Wirbelwind um die eigene Achse gedreht (getanzt), wären Depeche Mode an Statik live nicht zu überbieten gewesen. Die Einsamkeit Daves war so frappant, dass sich Martin eines Tages vielleicht ganz unabsichtlich, gewissermaßen aus spontaner Solidarität heraus, die Wandergitarre griff um seinen Ex-Schulkameraden Dave da vorne Gesellschaft zu leisten. Peinlich, Peinlich. Depeche Mode schienen folgerichtig in der Versenkung der Bedeutungslosigkeit zu verschwinden, daran konnten diverse "Best-of”-Alben auch nichts ändern.

2001: Ihr zehnter Longplayer "Exciter” demonstriert einmal mehr, dass kommerzielle Songkompositionen, gänzlich abseits von allem penetrantem Britney-Spears-Gehopse dieser Erde, auch musikalisch anspruchsvoll sein dürfen. Das Album ist astrein und glasklar produziert. Mark Bell, der Multiproduzent, betreute zuletzt schwierige Fälle wie Björk und schöne "recording locations” hat sich Dave, der ja besonderen Wert auf die richtige Abmischung seiner markanten Stimme legt, auch wieder ausgesucht. Doch auch Martin Gore schreitet auf "Exciter” öfter ans Mikrofon und konterkariert Daves Stimmgewalt mit seiner sanfteren Stimme einfühlsam wie gehabt.
Daves Stimme ist demnach wieder genesen und erfreut mit zielsicherer Intonation auch bei den schwierigeren Passagen. Höhepunkte, wie sie etwa auf "Violator” zu finden waren, lassen sich jedoch ebenso wenig ausmachen wie Anklänge an das unentschlossene "Ultra” (1997). Als Bindeglied zur (Band-)Vergangenheit fungieren die typischen Depeche-Mode-Melodiefolgen. Diese erinnern manchmal vielleicht ganz entfernt an "Shake the Desease” oder "Leave in Silence”. Gerade das ist es, was Depeche Mode noch immer vom Rest der Kommerz-Pop-Welt unterscheidet: Ihr eigener Stil war immer flexibel genug, um auf den jeweils gegenwärtigen Trend zu reagieren und mit ihm zu verschmelzen, ohne das Eigenständig-Typische zu verlieren. Im Gegensatz zu Madonna.

Enjoy the Silence

Heute, zwanzig Jahre nach Veröffentlichung des ersten Albums, bleibt die Frage, ob "Exciter” Depeche Mode nochmals einen Neustart ermöglichen wird. Ob neue, junge Fans dazustoßen. Oder werden sie auf Konzerten (etwa am 13. September in der Wiener Stadthalle) wieder unter sich sein, die Über-30-Jährigen?
Und weil Dave und Martin auf der neuen Platte wieder so schön singen, ersparen wir uns darüber nachzudenken, warum alle drogensüchtigen Musiker, die einen Suizidversuch übertauchen, diese intime Erfahrung - ihre eigenen Ängste, Schmerz und Sucht - in ihre Songs hineinpacken müssen - vorhersehbar und daher öde. Selbiges vor dem Suizid zu tun, wäre vernünftiger, vielleicht sogar die oft herbeigesehnte Katharsis...
Alles in allem ist "Exciter” für Depeche Mode-Fans ein absolutes Muss, neue Interessenten seien auch auf das übervolle Backorder-Angebot verwiesen, als Anspieltips stehen "Some Great Reward”, "Violator”, "Music for the Masses” oder "Black Celebration” in den übervollen CD-Regalen bereit.