: herbert : körper samplen, bodies rocken :

text: holger fleischmann

Der britische Elektronik-Wizard Matthew Herbert legte vor kurzem mit "Bodily Functions" ein bestechendes Werk im Niemandsland zwischen House, Jazz und Pop vor. Im Gespräch mit Holger Fleischmann erläutert er das Konzept der Platte, deren Tracks überwiegend auf gesampleten Geräuschen menschlicher Körper basieren, sinniert über die Verknüpfung von Politik und Clubkultur, freut sich über die gelungene Vertonung von Eitelkeit und nimmt Stellung zu seinem Manifest, das ihm unter anderem das Samplen von Platten untersagt.

"Auf deinem neuen Album "Bodily Functions” hast du eine Menge Körpergeräusche gesamplet...

Genau. Der erste Track etwa basiert auf den Sounds eines ungeborenen Babys. "Foreign Bodies" wurde zu Gänze aus Sounds von Körpern gemacht, die mir Leute über meine Website zukommen ließen. Da haben eine Menge Leute, die ich noch nie getroffen habe, ihre Blutzirkulation oder Kochenverrenkungen gesamplet.

Abgesehen vom reinen Aspekt der Aufnahme von Körpergeräuschen – welche Idee steckt dahinter?

Es geht darum, einen Moment zeitlich einzufrieren. Der Song "On Reflection" etwa handelt vom Altwerden. Mein Körper wird in 30 Jahren ganz anders klingen als heute. Es geht da um ganz simple Sachen wie das Geräusch eines Haares, das mir vom Kopf fällt. Ich war sehr interessiert daran, Musik zu erschaffen, die ein Äquivalent zur Photographie darstellt. Sozusagen Musik, die wie ein Snapshot funktioniert. Ich habe versucht, kurze Momente nicht nur emotional wie bei einem Foto, sondern auch physikalisch festzuhalten.

Erfährt dieser Gedanke in einer sich schnell ändernden Welt, wie wir sie heute erleben, besondere Bedeutung?

Definitiv. Ich denke das Problem mit heutiger Kultur ist, dass vieles sich scheinbar damit abgefunden hat, als Einweg-Ware zu dienen anstatt eigene Magie zu entwickeln. Wenn du beispielsweise Brian Wilson hernimmst und all das, was er in "Pet Sounds" gesteckt hat, dann merkt man sofort, dass dies keinesfalls zum schnellen Gebrauch gedacht war. Wenn du hingegen deinen Blick auf Sachen wie Britney Spears richtest, erkennt man, dass man ein durchdesigntes Wegwerfprodukt vor sich hat. In unserer heutigen Gesellschaft findet man einfach zuviel dieser Wegwerf-Mentalität – von Fast Food bis zum Fernsehen. Je mehr etwas Einweg-Charakter annimmt, desto weniger wird in Werte wie "Wahrheit" investiert und desto weniger Input wird vom Publikum gefordert. Das ist natürlich ein schlechter Weg, da sich so alles um Stereotypen dreht. Und um Gossip. Die Lage in Ruanda hat dann genauso viel oder wenig Bedeutung wie die Hochzeit von Tom Cruise und Nicole Kidman.

Auf deiner Website finden sich viele politische Statements. Da werden Entscheidungen von George Bush angeprangert oder multinationale Konzerne kritisiert. Sind deine politischen Ansichten Teil deiner Musik? Glaubst du, mit deiner Musik auch politische Statements abgeben zu können?

Ich glaube meine Musik ist auf zwei Arten politisch. Erstens ist sie aufgrund ihrer Distribution politisch, da wir unabhängig agieren – was mir extrem wichtig ist. Ich habe beispielsweise noch nie Werbekampagnen für meine Musik gemacht. Es geht einfach darum, gute Musik zu veröffentlichen und bestimmte Communities weltweit zu verlinken. Wir haben Kontakte zu Leuten auf der ganzen Welt, die das gleiche denken wie wir und die von der Sehsucht geleitet werden, interessante Musik zu hören. Andererseits denke ich, dass Musik per Definition politisch ist, da sie versucht, Ordnung ins Chaos zu bringen. Und da ist eine Menge Chaos da draußen in der Welt im Moment. Wie du deine Sounds und die Reaktionen darauf organisierst, ist definitiv politisch – auch wenn du im Track 4 nicht explizit sagst "George Bush sucks!". Natürlich, wenn du bestimmte Sachen nicht beim Namen nennst, ist es manchmal schwierig. Ich denke daher, dass meine Lyrics politischer sein könnten und daran werde ich auch arbeiten. Ich möchte einen Wege finden, expliziter politisch zu sein, ohne bei der Musik Kompromisse einzugehen. Beim neuen Album habe ich damit gekämpft und schlussendlich vieles sehr metaphorisch angelegt. Retrospektiv betrachtet war dies sicher sehr hilfreich. Die Welt wird es selbstverständlich nicht zum Besseren verändern.

Das Genre House, in dem du dich in deiner Inkarnation als Herbert bewegst, ist grundsätzlich eher hedonistisch veranlagt. Es geht meist darum, eine gute Party zu feiern. Ist dies überhaupt ein passender Kontext, sich politisch zu äußern und zu positionieren?

Für mich macht gerade dies das Genre House zum perfekten Platz für politische Statements, da die Leute es überhaupt nicht erwarten – und sich vielleicht auch gar nicht damit auseinandersetzen wollen. Und deswegen sollte man auch genau diese Leute gezielt ansprechen. An die Universität zu gehen und eine politische Diskussion zu führen ist denkbar einfach. Mit politischen Ideen und Argumenten in einen Club zu gehen ist hingegen extrem schwierig. Für mich ist es eine Herausforderung, solche Ideen in einem Format und vor allem in einem Genre und Umfeld zu präsentieren, das dies einfach nicht gewohnt ist.

Mit gängigen Konventionen zu brechen scheint ohnehin ein Hauptanliegen in deiner Arbeit zu sein. Wie wichtig ist es dir in musikalischer Hinsicht, Konventionen herauszufordern und Dinge völlig neu zu machen?

Es gibt natürlich bestimmte Konventionen in der Musik, die nur sehr schwer zu brechen sind – Harmonien, Strukturen, etc. Obwohl ich es für wichtig erachte, diese grundlegenden Konventionen ständig auszureizen, ist es mir noch viel wichtiger, meine eigenen Konventionen herauszufordern und mich nicht selbst zu wiederholen. Aber grundsätzlich erscheint es mir schon von enormer Bedeutung, dass es Konventionen in der Musik gibt, gegen die man nur schwer ankämpfen kann. Solche Konventionen – etwa die Beziehungen von Harmonien – verknüpen Musik historisch betrachtet. Du findest etwa die gleichen drei Akkorde bei Bach, im Blues, bei Mozart, im Rock’n’Roll oder bei Basement Jaxx. Manche Strukturen funktionieren einfach über Jahrhunderte hinweg und es wichtig zu erkennen, das sie da sind.

Auf deiner Website hast du dein eigenes Manifest mit bestimmten Arbeitsregeln veröffentlichtt. Kannst du ausführen, worum es sich dabei handelt und was dich dazu bewegt hat, strenge Regeln für deine Arbeit aufzustellen und diese zu befolgen?

Das ist etwas, was ich immer schon gemacht habe. Vor etwa 10 Jahren habe ich als Wishmountain begonnen, Musik auf diese Art zu schreiben. Meine Regeln habe ich damals aber noch für mich behalten. Es ist so einfach, mit einem Sampler echt und original zu sein, da er wirklich jedes Geräusch in Musik verwandeln kann. Mich persönlich halten meine Regeln von der Business-Seite der Musik fern. Sie verbieten mir, einfach meine Plattensammlang herzunehmen, zu samplen und ein paar nette Tracks daraus zu basteln oder Sounds von elektronischen Instrumenten zu benutzen, die mittlerweile genauso etabliert sind wie Klavier und Gitarre. Ich vermeide den Gebrauch von Geräten wie 303 oder 909 einfach deswegen, weil sie und ihre Sound problemlos verfügbar sind. Ich aber will eine neue musikalische Sprache kreieren mit jeden Stück Musik, das ich schreibe. Das klingt zwar nach einer großen Sache. Tatsächlich ist es aber ziemlich simpel. Wie auch immer, das sind einfach Regeln, die ich für mich persönlich geschrieben habe. Das heißt aber noch lange nicht, dass ich alles andere missachte.

Der Prozess des Suchens von bislang ungehörten Sounds, die in Musik verwandelt werden können – ist das eine Obsession von dir?

Sounds in Musik zu verwandeln ist definitiv eine Obsession von mir. Aber es ist keine Obsession des Suchens oder Sammelns. Geräusche sind einfach überall, jederzeit. Und Geräusche wird es immer geben, da sie Indikatoren für Leben sind. Wenn die Geräusche sterben, dann sind wir wahrscheinlich auch tot. Sie sind einfach da. Deswegen macht es auch keinen Sinn, zu versuchen, alles aufzunehmen. Dabei würde man verrückt werden. Das reine Sammeln von Sounds ist daher definitiv keine Obsession von mir. Das erkannte ich, als ich noch so dumm war und versucht habe, alles mögliche aufzunehmen. Ich versuche lieber, einen sensitiven Umgang mit Sounds zu pflegen.

Aber du hast mittlerweile ein gutes Ohr dafür, welche Sounds interessant sein könnten?

Ja, absolut. Am meisten interessiert mich, aus Sounds mit einer sehr speziellen Geschichte und aus Geräuschen, die aus einem interessanten Kontext stammen, Musik zu machen. Beispielsweise Operationsgeräusche. Ich wurde etwa gefragt, einen Remix davon zu machen, wie sich jemand die Nase kleiner operieren lässt. Plastische Schönheitschirurgie, das ist für mich absolut widerlich. Das ist wirklich eine falsche Sache, außer man hat tatsächlich ein schweres Leiden. Wenn das die beste Idee ist, dein Geld zu verwenden, dann ist unsere Gesellschaft in einem äußerst bedenklichen Zustand. Es ist umwerfend, Geräusche wie diese zu nehmen und die Eitelkeit von jemanden zu brechen und zu rekonstruieren. Das ist ein sehr kraftvolles, wichtiges und erstaunliches Dokument über den Zustand unserer Gesellschaft.

Ist es etwas ganz spezielles für dich, Leute mit solchen Dokumenten – etwa vertonter Eitelkeit – auch zum Tanzen zu bringen?

Ja. Es ist auf jeden Fall eine riesige und interessante Herausforderung, da es eine Möglichkeit ist, subversiv zu sein. Wie ich bereits erwähnt habe: Es ist sehr leicht, in eine Kunstgalerie zu gehen und dort provokant zu sein, da es die Leute von dir erwaten. In Clubs, glauben die Leute, sie müssten nicht denken. Es ist eine wirkliche Herausforderung und die Idee, dass du tausend Leute mit den Geräuschen einer Schönheitsoperation zum Tanzen bringst, ist fabelhaft. Vor allem, wenn du nachher zu ihnen sagen kannst, dass sie gerade zu einer Nasenverkleinerung getanzt haben. In einer gewissen Weise trägt das revolutionäres Potential in sich – vor allem, wenn du die Leute dazu bringst, es auch zu konsumieren.

Du hast vor kurzem ein ziemlich beeindruckendes Liveset in Wien gespielt. Üblicherweise verstecken sich ja Elektronikmusiker hinter ihren Laptops, Sequenzern oder was auch immer. Du hingegen hast – so meine Ansicht – auch Wert auf eine starke Liveperformance gelegt. Ist das der Punkt für dich, nicht nur dein Ding abzuspulen, sondern auch das Publikum zu unterhalten.

Ich denke, bei Liveauftritten musst du das Publikum unterhalten – mit einem einzigartigen, unverwechselbaren Stil. Dabei brauchst du zwei Elemente. Du musst definitiv eigenständig und unverwechselbar sein. Und du musst die Leute unterhalten können. Es ist sehr leicht, einzigartig in deiner Performance zu sein. Du gehst einfach auf die Bühne und wirfst 45 Minuten lang zwei Sesseln aneinander. Dann kannst du sagen, du bist einzigartig, weil das noch keiner zuvor getan hat. Das mag für 2 Minuten unterhaltend sein, danach ist es aber lähmend. Für mein Geld bedarf es einer einzigartigen Unterhaltung. Elektronische Musik war eine Reaktion auf all die Blödheiten der "Bandkultur", auf Jungs, die ihre Gitarren in einer ganz bestimmten Weise spielten, da sie keine Idee hatten, sie interessanter und spannender zu bedienen. Elektronische Musik ist irgendwann bei dem Punkt angelangt, an dem sie mit Laptops und sehr einfacher Show dargeboten wurde. Das Problem ist, dass sie aber wie ein Rockspektakel präsentiert wird. Mit großer Bühne und Lichtanlage, was lächerlich ist, da es nichts zu sehen gibt. Darum ist es für mich viel aufregender, den Entstehungsprozess meiner Musik zu präsentieren. Niemand weiß, was die mit ihren Laptops eigentlich tun. Ich arbeite zwar mit einem Laptop, habe aber auch keine Ahnung was sie tun. Woher sollen es dann jemand anderer wissen? Darum möchte ich zeigen, wie meine Musik entsteht. In Wien habe ich etwa "Addiction" gespielt, einen Song des neuen Albums gespielt, der aus dem Geräusch von zerbrechenden Flaschen zusammengesetzt ist. Somit liegt es auf der Hand, auch live Flaschen zu zerbrechen und den Leuten zu zeigen, wie sich daraus ein ganzer Track entwickelt. Das schafft eine direkte Verbindung zwischen dem, was ein Publikum sieht und was es hört.

Live und auf "Bodily Functions" arbeitest du Sängerin Dani Sicilianos zusammen. Wie ist es dazu gekommen?

Wir haben schon sehr viel zusammen gemacht, wobei das meiste nie veröffentlicht wurde. Jetzt, da "Bodily Functions" mein achtes Album ist, war es für mich ein einleuchtender Punkt, ein Album mit Songs und Vocals zu machen. Ich fühle auch, dass elektronische Musik das menschliche Element im Moment gut vertragen kann.

Denkst du, dass es elektronischer Musik und House im speziellen an "Seele", an Menschlichkeit fehlt?

Das ist schwierig zu beantworten. Nur weil elektronische Musik mit Maschinen gemacht wird, heißt das noch lange nicht, dass sie keine Seele besitzt. Aber ich denke, Musik ist dann am stärksten, wenn sie geteilt werden kann. Nimm als Beispiel die Songs von Bob Dylan. Die kann man schon nach einer Stunde Übung an der Gitarre nachspielen. So sehr ich die Musik von Autechre, Aphex Twin und all den anderen liebe, du kannst sie unmöglich selber spielen. Nicht einmal, wenn du die selben Sounds, Programme und Geräte zur Verfügung hättest. Das macht elektronische Musik einerseits so wunderschön. Aber: Wenn du deiner Musik wirkliche Größe verleihen willst, dann – so denke ich – muss sie mit anderen geteilt werden können.

Du arbeitest mit vielen Pseudonymen – von Dr. Rockit bis Radioboy. Sind diese Projekte scharf von einander zu trennen oder beeinflussen sie sich untereinander?

Die unterschiedlichen Projekte beeinflussen sich eigentlich immer stärker. Radioboy etwa ist sehr konzeptionell angelegt. Ich habe versucht, diesen Ansatz in das Herbert-Projekt einfließen zu lassen. Denn nur weil etwas emotionell ist und Vocals hat, heißt das noch lange nicht, dass es nicht auch konzeptionell durchdacht und komplex sein kann. Musik ist so ein flüssige Materie, dass man sie nicht klar abstecken kann. Wenn du versucht, sie genau zu beschreiben, ist es eigentlich schon zu spät.

: related links :

www.matthewherbert.com