: lucyfire : die leise ironie des verwandlungskünstlers :

text: christian prenger

Das gewohnte Düster-Oufit hängt einsam im Saal mit der fahlen Aufschrift ”Reserviert für Tiamat”. Im mentalen Partynebenraum legt einstweilen der CEO jener schwedischen Kultformation seine bisherige Identität zur Seite: Mit Lucyfire zelebriert Johan Edlund die schönen Seiten des Lebens, begleitet von lockeren Rocksongs und dem Glauben an ZZ Top.

Es gibt schon herrliche Gedankenspiele: Metallica liefern wieder feinen Thrash, der ORF läßt seine orangenen Taxis in die Mauer einer eigenen Metalsendung krachen, Hammerfall spielen kreative Songs, verstaubte Heavyzombies verschonen uns mit deprimierenden Reunion-Orgien, SlipKornBizkit entdecken doch noch ihr wahres Talent und verkaufen Trendfashion. Oder Johan Edlund spielt plötzlich fröhliche Rocksongs.

Johan Edlund spielt plötzlich fröhliche Rocksongs. Jener Mann also, der mit Tiamat Death Metal-Geschichte geschrieben hat und spätestens seit ”Wildhoney” als Pionier der atmosphärischen Düsterheaviness gilt. Jener Mann, der in seinen Texten regelmäßig zwischen Weltschmerz, Mystik, Depression, Spiritualität, alten Gottheiten und existenziellen Fragen pendelt. Auf einmal ist alles anders: Sex, Liebe und Party dominieren eine neue Band namens Lucyfire, mit der er Kontrapunkte setzt. Plötzlich ist da nichts mehr zu spüren von dieser dunklen Innerlichkeit, von einem unter der Oberfläche brodelnden Vulkan voll negativer Empfindungen.

Schon der Titel des Debuts ”This Dollar Saved My Life At Whitehorse”, inspiriert von Onkel Dagoberts Glückstaler, signalisiert den deutlichen Stilbruch. ”Das ist kein Album, wo man zu Hause mit einem Glas Wein sitzt und vor sich hin analysiert”, unterstreicht Edlund. ”Es macht einfach Spaß und geht ab. Als die ersten Songs entstanden, hatte ich sofort Freude an solcher Musik. Es war eine Art Eigendynamik, die sich hier entwickelt hat. Die restlichen Nummern waren dann auch schnell fertig”.

Das Resultat der Verwandlungskünste: Partykompatibles Entertainment, groovig, kommerziell. Spontane Songs, kreiert zwischen melodiösem Hardrock (”Baby Come On”), Seventies-Pop-Reminiszenzen (”The Perfect Crime”) und gotischer Geradlinigkeit (”You Can Have All My Love Tonight”). Beeinflußt von Acts, die man im Bewußtseins des Sänger und Gitarristen nur als Therapeut oder Wahrsager vermuten konnte. Edlund: ”Ich mochte stets Bands wie Creedence Clearwater Revival, Status Quo oder ZZ Top. ”Sharp Dressed Man” ist für mich der ultimative Song für Lucyfire. Leider habe ich ihn nicht geschrieben, da war ich zu spät dran”.

Für eine Coverversion reicht es aber dennoch. By the way: Edlund und der alte Klassiker von ZZ Top. Dieser Überraschungscoup verdient den Coolnesspreis des Jahres. Cooler als sonst war er auch im Studio: ” Ich habe den Dingen freien Lauf gelassen, selbst wenn ich ein Controlfreak bin, der aufpasst, daß niemand die Regler angreift. Diesmal war da ein völlig anderer Gedanke: Wenn ich eine Überraschung erleben will, sollte ich erst wiederkommen, wenn alle Basictracks fertig und am Band sind”.

Tiamat bleiben ein Bestandteil der neuen Gelassenheit, selbst wenn jetzt ”This Dollar Saved My Life At Whitehorse” zum Renner avancieren sollte. Warum sollte auch eine Formation zu den Akten wandern, die globale Reputation besitzt und mit ihrem Schwenk in Richtung bekömmlicher Gothic Rock, der mit ”Skeleton Skeletron” vollzogen wurde, viel breitere Schichten erschließen konnte. ”Diese Band hat sich über 10 Jahre eine weltweite Fanbasis aufgebaut. Wir können nach Kolumbien reisen und sind dort populär. Das wird mit Lucyfire sicher noch sehr lange dauern”.

Doch es wäre nicht Edlund, würde er nicht in letzter Sekunde die Real-Reißleine ziehen, um am Boden der harten Wirklichkeit zu landen. ”The Pain Song” heißt der letzte Track der Scheibe, eine Mischung aus leiser Ironie und typischer bohrender Melancholie. ”Hier hinterfrage ich alles, worüber ich vorher gesungen habe. Ob die schönen Dinge überhaupt wichtig sind und Sinn machen”. So ist es gut. Bei aller Party-Stimmung und Heroen-Reminiszenz – Edlund bleibt in seinem Schaffen konsequent.

: hörtipps :

Lucyfire - ”This Dollar Saved My Life At Whitehorse”
Tiamat - ”Wildhoney”, ”Clouds”

: related links :

Lucyfire: www.spv.de/lucyfire
Tiamat: www.wildhoney.org