: der ewige nebendarsteller :

text: peter grischany

Die besten Filmideen scheitern ohne passende Nebendarsteller. Viele dieser "Faces without a Name" schaffen es nie an die vorderen Plätze des Nachspanns. Manche scheinen das auch gar nicht anzustreben. Für Cineasten und Filmfreaks haben diese Nobodies aber einiges zu bieten, findet wellbuilt.net...

Wie wohl kaum ein anderer Beruf verheißt der des Schauspielers die Verwirklichung all der irdischen Sehnsüchte und Wünsche, die die menschliche Suche nach dem Sinn des Lebens seit jeher begleiten: Erfolg, Reichtum und vor allem Ruhm. Letzterer ist besonders hervorzuheben, da er sogar über den Tod hinaus das künstlerische Schaffen eines Menschen oder zumindest seinen Namen im kollektiven Gedächtnis bewahren kann. Dass die Nachwelt dem Mimen keine Kränze flicht, mag zwar den Darstellern früherer Zeiten schmerzlich vor Augen geführt haben, wie vergänglich die großartigsten Bühnentriumphe letztlich waren, weil das Theater nun einmal die Kunst des Augenblicks ist – mit der Erfindung des Films schien jedoch das Unmögliche wahr und der Schauspielberuf um einen Anreiz attraktiver geworden zu sein: Die Unsterblichkeit. Der gesellschaftliche Wandel im Laufe der Jahrhunderte ist in der Tat beachtlich: vom schutzlosen, hungerleidenden Underdog zum niemals verlöschenden Stern.

Entscheidenden Anteil an der Entwicklung dieses neuzeitlichen Phänomens hatte einmal mehr das Land der unbegrenzten Möglichkeiten. Die Ausformung des Star-Prinzips im hollywoodschen Studio-System trug entscheidend dazu bei, dass Darsteller zu gefeierten Idolen, zu Objekten der unerreichbaren Begierde, ja zu angebeteten Göttern wurden. Der sämtliche Schranken sprengende Starkult erreichte schließlich seinen Gipfel, als man paradoxerweise derjenigen den Beinahmen "die Göttliche" verlieh, die mit aller Vehemenz jegliche Andeutung einer Darstellung unterdrückte und mit emotionsreduzierter Eiseskälte die Herzen ihrer Verehrer zum Schmelzen brachte.

Die so müßigen wie häufig angestellten Erörterungen über das Wesen großer Schauspielkunst mussten endgültig die formalen über die inhaltlichen Kriterien stellen. Nicht die Qualität der handwerklichen Fähigkeiten war entscheidend, sondern die unerklärliche Ausstrahlung, das charismatische "gewisse Etwas" ließen den Schauspieler zum Größten seines Fachs werden. Würde man heute eine Umfrage unter einer repräsentativen Auswahl 10-Jähriger starten, würden sicherlich viele angeben, James Dean, Charlie Chaplin oder Marylin Monroe zu kennen, ohne je einen ihrer Film gesehen zu haben, während Namen zeitgenössischer Oscar-Gewinner wie Spencer Tracy, Robert Donat oder Louise Rainer wohl nur allgemeines Achselzucken hervorrufen würden.

Angesichts dieser Überlegungen wird klar, dass auch die zelluloidäre Konservierung die Filmhelden von einst nicht davor bewahrt hat, dass ihre klingenden Namen zu Schall und Rauch werden. 100 Jahre filmisch-darstellerisches Schaffen haben nur einigen wenigen einen Platz im bewusstseinspräsenten Olymp der "All Time Greats" finden lassen. Für den filmgeschichtlich Interessierten bleibt da nur der Weg zum Archiv, um in archäologischer Kleinarbeit Spuren des verblassten Ruhms ans Tageslicht zu fördern.
Was einen bekennenden Filmliebhaber in diesem Zusammenhang jedoch besonders zu denken gibt, ist die Tatsache, dass die Gruppe allgemein bekannter und in Vergessenheit geratener Filmheroen letztlich nur einen verschwindend geringen Prozentsatz in der Masse aller jemals an irgendeinem filmischen Produkt beteiligten Akteure darstellt. Wenn man sich überlegt, dass sich zu allen ca. zwei bis vier Hauptdarstellern eines Films eine Darstellercrew mit ungefähr zehn bis fünfzig Nebendarstellern gesellt (Komparsen noch nicht eingerechnet), dann ergibt das – hochgerechnet auf alle seit der Entstehung des Films gedrehten Streifen – eine beinahe unvorstellbare Zahl an Namen, die niemals irgendeine Form der Aufmerksamkeit geschweige denn Wertschätzung erfahren haben.

Wer selbst schon die spannende Faszination cineastischer Forschung oder zumindest eingehenderer Analyse erlebt hat, wird wohl bestätigen, dass die Beschäftigung mit der Spezies Nebendarsteller, dem unbekannten Wesen, dem "Face without a Name" eine durchaus lohnende Angelegenheit werden kann.
Rein dramaturgisch ist der Part im Schatten des Protagonisten weit mehr wert, als es die hierarchische Herabsetzung seiner Aufgabe vermuten lässt. Ein allgemein als geglücktes Werk geltender Film besticht nicht zuletzt durch das stimmige, ideal besetzte Gerüst und Zusammenspiel seiner Darsteller, von der tragenden bis zur "Es ist serviert!"-Rolle. Ich kann mich an viele Filme erinnern, deren Genuss mir dadurch vergällt wurde, dass einige für die Story wichtige Nebenrollen unpassend besetzt oder schlecht gespielt wurden.
Wohingegen es auch Fälle gab, als die Freude am Gesehenen in erster Linie durch den süßen Klang der zweiten Geige hervorgerufen wurde.

Eine Nebenrolle zu spielen bedeutet mit Sicherheit nicht, lediglich die funktionelle Aufgabe eines Stichwortgebers zu erfüllen. Und die Chance, seiner Rolle ungeahntes Gewicht zu verleihen, haben auch schon viele brillante Zweite eindrucksvoll ergriffen. So hat nicht eigentlich Marlon Brando sondern viel eher Al Pacino der "Paten"-Trilogie seinen Stempel aufgedrückt, und sich bereits mit seiner zweiten Filmrolle aus der Riege der Nebendarsteller verabschiedet. Und auch Robert Redfords Familientragödie "Ordinary People" wäre sicher nicht ohne seinen Nebendarsteller Timothy Hutton zu Oscar-Ehren gekommen.
Interessant ist es auch zu beobachten, wie es bei sogenannten "All-Star-Produktionen", bei denen es keine wirklich Hauptrolle gibt, dem einen oder anderen gelingt, aus seinem Kurzauftritt etwas Besonderes zu machen. Mir wird immer Anthony Hopkins als englischer Kommandant in "A Bridge too far" (1977) in Erinnerung bleiben, wie er als Gefangener von einem deutschen Offizier eine Tafel Schokolade geschenkt bekommt, und diesen Augenblick der totalen Demütigung wortlos, mit einem mühsamen Schlucken und einem Blick, in dem sich all die Bitterkeit dieser persönlichen Niederlage sammelt, zum Ausdruck bringt.
Neben diesen Beispielen gibt es aber auch den "echten" Nebendarsteller, der niemals in seiner ganzen Karriere Nr.1 war, wird und vielleicht auch nicht sein will. Hier kommt dann der übliche Seher-Kommentar "Den habe ich doch schon einmal gesehen!" zum Tragen. Ned Beatty schien in den Achtzigern ("Deliverance", 1972 mit Burt Reynolds) ein absolutes Muss gewesen zu sein, wenn ein Caster die Nebenrolle eines feisten amerikanischen Unsympathlers zu besetzen hatte. Er dürfte mit diesem sicheren Abonnement zufrieden gewesen sein, und es auch als Supporting Actor zu einer zwar nicht qualitativ aber quantitativ beachtenswerten Filmografie gebracht haben.

Eine weitere Kategorie stellt die zahlenmäßig sicher größte Gruppe der absoluten Nobodies dar. Sie sind durch das bedauernswerte Merkmal weder einen Namen noch ein Gesicht zu besitzen gekennzeichnet. Hier genügt ein Blick auf das untere Drittel des Nachspanns, sofern dieser nicht nach der Reihenfolge des Auftritts geordnet wurde. Für diese Kandidaten wird eine auch nur im Ansatz erlebte Popularität wohl immer Illusion bleiben; wobei der eine oder die andere nie erfahren wird, eine Handvoll Verehrer mit seinem Spiel entzückt zu haben. So geschehen, als sich der Autor im Zuge seiner Lieblingsbeschäftigung, der filmischen Rückschau, vor einigen Jahren "The Sound of Music" zu Gemüte führte, und ihm die älteste Tochter des Kapitäns Trapp nicht mehr aus dem Sinn ging. Leider blieb es Charmian Carrs einziger Film, sodass der private Starkult bald sein Ende fand. Anders bei Pauline Collins, die sich in der TV-Serie "Das Haus am Eaton Place" Folge für Folge in Kurzauftritten als Dienstmädchen meiner Aufmerksamkeit sicher war, und dann tatsächlich in dem Kinofilm "Shirley Valentine" Kurzzeitruhm erlangte, wobei der Verlust meiner privilegierten Fanship erstaunlicherweise auch das Ende meines Interesses nach sich zog.
Das wohl zweifellos unerfüllteste Dasein in der Geschichte der Nebendarsteller fristeten Alec Cawthorne, Eve Channing, John Matthews, Teddy Martin und Karen Monfort-Jones in dem Film "Sleuth" (1972). Obwohl – auf der Besetzungsliste hat sie niemand gesehen. Um den Gag, dass Michael Caine in dem Zwei-Mann-Verwirrspiel mit Laurence Olivier eine Nebenrolle in entstellter Verkleidung selbst spielte, nicht vorzeitig zu verraten, wurden sie kurzerhand aus Promotiongründen erfunden.

Allen Filmfreaks, die sich nicht aufgrund völlig irrationaler Hypes um die Top 10 der Mega-Stars als Bewunderer Nr. 856.987.321 Julia Roberts mit dem Rest teilen wollen, sei geraten, das schier unerschöpfliche Angebot an namenlosen Nebendarstellern zu überprüfen, um in den Genuss exklusiver Anhängerschaft zu kommen.
Diese Form der Anhängerschaft ist in vielerlei Hinsicht lohnend. Vorteil Nr.1: Der leidenschaftliche Devotionaliensammler verzweifelt nicht an der Unmöglichkeit des Unterfangens, alles über seinen Liebling besitzen zu wollen, im Gegenteil, er hat eine Aufgabe übernommen, die ihm alles abverlangen wird, um überhaupt irgendeine greifbare Information aufzutreiben.
Vorteil Nr.2: Der Gefahr einer totalen Übersättigung und eines damit einhergehenden Verlustes des Interesses wird durch den permanenten Thrill, ob es überhaupt einen zweiten Auftritt des Auserkorenen geben wird. Dem wird außerdem noch durch den Fan-Kick entgegengewirkt, ob man überhaupt davon erfahren wird, wenn es eine schauspielerische Fortsetzung geben sollte.
Vorteil Nr. 3: Mit einem Hinweis auf die allseits unbemerkte schauspielerische Leistung eines Nebendarstellers, deren Tiefe scheinbar allen anderen entgangen sein dürfte, kann man sich eines besonderen kompetenten Beitrags in einer rezensionistischen Debatte unter Filmbegeisterten sicher sein.
Vorteil Nr. 4: Wird der Kandidat wider Erwarten eines Tages doch zum Star, darf man sich als Entdecker der ersten Stunde mit einem Gespür für Qualität feiern lassen.

Lasst euch vom Strahlen der großen Sterne nicht blenden – auch ein Alec Cawthorne und eine Eve Channing erhellen mit ihrem schwachen Funkeln das Film-Firmament.