: neil young & crazy horse – live at the waldbühne, berlin :

text: rainer krispel

Als gelerntem Punk ist mir NEIL YOUNG erst spät in meinem Leben als Musikfreund nahe gekommen - dann dafür umso näher. Nachdem lange sein wunderbarer Beitrag zu THE BAND’s "Last Waltz", das unglaublich schöne "Helpless" das einzige Vorkommen Young’s in meiner Plattensammlung war, änderte sich das mit den Alben "Freedom" und - vor allem - "Ragged Glory" (’91) komplett.

Eingespielt mit CRAZY HORSE, seiner konstantesten - und besten! - Backing Band, suchen deren Songs und ihr unglaublicher warmer und kraftvoller Sound (produziert vom verstorbenen David Briggs) bis heute ihresgleichen.

Das Eintauchen in YOUNG’s Welt hielt (und hält) noch viele Entdeckungen bereit - "Zuma", "Rust Never Sleeps", "Tonight’s The Night", die spätere, oft unterschätzte "Sleeps With Angels" ...

Die Qualitäten eines NEIL YOUNG hier analysieren zu wollen, würde den Rahmen dieses Live-Reviews sprengen. Was ihn für mich absolut bewundernswert macht, ist seine Fähigkeit sich immer wieder neu zu erfinden und zu positionieren. Zwischen den Polen "laut/rockig/elektrisch" und "akustisch/folkig/country-esk" switcht er mühelos, und da wie dort liefert er klassische, zeitlose Songs ab.
Songs, die sind und wirken wie (Lieblings-)Bücher oder -Filme, so prall voll Emotionen und Geschichten, präzise in den Bildern und Beobachtungen, dabei immer neue Seiten - "there’s more to the picture, than meets the eye" ("Hey Hey, My My") - offenbarend ...

Zum ganz Grossen macht Neil dass er sich nach ausgesprochenen Scheiss-Alben (zum Beispiel der Blut & Boden-Country von "Old Ways", überhaupt die 80er ...) und künstlerischen wie ideologischen Verirrungen, immer wieder besinnt, zurückfindet und auf dem Fundament seiner künstlerischen Sensibiltät und ideologischen Verankerung in der Subkultur der 60's (das Scheitern/Korrumpieren von deren Idealen mehr als einmal Thema seiner Lieder war) findet, mit dem Publikum durch seine Musik zu sprechen. Dass er im Gegensatz zu den meisten anderen "Alten" dabei einen Sinn für neue Strömungen hatte - "the King is gone but not forgotten, this is the story of Johnny Rotten" - ist nur folgerichtig und unterstreichen seine Zusammenarbeit mit PEARL JAM auf "Mirrorball" und der Umstand, dass SONIC YOUTH den Suppport einer seiner US-Tourneen bestritten.

Nachdem ich ihn gemeinsam mit den "Buben" von PEARL JAM, auf der "Mirrorball"-Tournee in Salzburg live erlebt habe, eine recht eindrucksvolle Sache, kam nun - endlich, endlich - die Gelegenheit NEIL & "The Horse" live zu sehen. Bloß - statt einem fehlgeleiteten Messer beim Sandwichmachen (das die Tour des Meisters ’99 vereitelte) - stand diesmal die Urlaubsplanung einem Wiesen-Erlebnis im Weg. Fuck!
Ein guter Freund hatte die Lösung - "laß’ uns nach Berlin fahren!"...

Natürlich - man ist ja schließlich ein bisschen schwachsinnig - wurde der Plan in die Realität umgesetzt und so standen wir am Dienstag, den 26.6., gegen 18 Uhr bei strahlend schönem Wetter mit einem Haufen anderer Menschen (es sollten über 22.000 werden!) in der Waldbühne, einem wunderbaren Areal, dass meine Vorurteile (als gelerntem Punk) gegen solche Grossveranstaltungen Lügen strafte. Ausreichend Platz, Ordner, die weder auf einem Powertrip waren, noch der menschlichen Kommunikation unfähig, relaxte, vorfreudige Menschen links, rechts, vorne, hinten, sympathische junge Werktätige mit Biertanks am Rücken, zur Ausschank entschlossen ...

So liessen sich auch die BLACK CROWES ertragen, sonst eigentlich alles andere als meine Heroen... Einsames Highlight: Das Auftauchen von Kate Hudson ("Almost Famous"), die mit dem CROWES-Sänger liiert, ist am Bühnenrand.

Dann 20-30: NEIL YOUNG, FRANK SAMPEDRO (Gitarre, Keyboard), BILLY TALBOT (Bass) und RALPH MOLINA (Drums) betreten die Bühne und The Horse fängt an mit "Don’t Cry No Tears" loszureiten uns alle - mühelos - auf dem Rücken. Die nächsten zweieinhalb Stunden waren ein einziges Fest. Musik, die meinen "alles schon gesehen, alles gehört, alles Chimäre, ich bin an der Bar"-Reflex außer Kraft setzte, mit ihrer Würde, Klarheit und Schönheit. Natürlich, zu solcher Rockmusik kann man sich eigentlich schwer bewegen ("tanzen") und es schaut schon grotesk aus, wie diese ausgewachsenen Männer, allen voran NEIL YOUNG über die Bühne torkeln, sich in ihren rhythmischen und melodischen Ekstasen winden, vor und zurückwippen oder wenn der massive FRANK SAMPEDRO auf und abspringt - aber hey, scheiß drauf, es muss genauso sein. Die Pose ist keine Pose.
Wenn die BLACK CROWES männliche (Hetero-)Sexualität ganz stumpf in eine "Wir wollen euch ficken"-Rockmusik übersetzen, sagt das hier eher: "Wir könnten schon auch ficken, wenn's für alle Beteiligten passt. Aber lasst uns uns erstmal respektieren lernen, kennen lernen, die Vorraussetzungen klären. Wir vier hier haben das untereinander schon - weitgehend - erledigt." Soviel "Hippie" kommt mir gerade noch ins Haus!

Das Set - 19 Songs mit den Zugaben - ließ nichts zu wünschen übrig. Klassiker galore - "Love And Only Love", "Only Love Can Break Your Heart" (die Liebe war überhaupt sehr stark repräsentiert, in jedem Akkord dieser satten, unendlich weittragenden E-Gitarren, in jedem Snare-Schlag, in jedem Basslauf Molina’s), Überraschungen wie das kleine Trash-Meisterwerk "Piece Of Crap" und gleich vier (!!!) neue Songs, die für das nächste Album Grosses erwarten lassen.

Allen voran "Hold You In My Arms", ein wirklich bewegendes Stück Musik (ja, B-A-L-L-A-D-E!), in dem NEIL seine Karten offenlegt: "Well the older generation, they got something to say/ But they better say it fast, or get outta the way" und "If I only had a heart, it would beat all night for you/If I only had a heart, I would cry the whole day through".
Da war der Kitschbruder, der ich bin, ganz hin und weg - und er war nicht allein ...
Das eindrucksvollste an CRAZY HORSE, ist die Zeit, die diese Band hat, dieser gnadenlose Wille zu einem fast schon zähen Tempo, das den Songs allen Platz der Welt gibt und die immer präsente Möglichkeit ganz an den Rand dieser Songs zu gehen, sie immer wieder neu zu vermessen.

Nach dem obligaten Akkustik-Set, der eindrucksvoll zeigte, wie NEIL YOUNG auch solo mühelos einen Haufen Menschen fesseln und faszinieren kann, abschließend "After The Goldrush" an der Pump Organ, ging es mit den auf die Bühne zurückgekehrten CRAZY HORSE behutsam, sozusagen mit Anlauf, in den furiosen Schlussgalopp.
Nach zwei neuen Stücken, wobei "Gateway Of Love" noch etwas unwuchtig/unfertig wirkte, aber durch seine teilweise fast CALEXICO artigen Instrumentgal-Passagen faszinierte, packten sie endgültig die Bibel (oder besser "das Kapital") aus:
"Hey Hey My My", ein Manifest, ein Ereignis, ein Wahnsinn, ein überlebensgroßes Monument in Sound. Und gleich darauf "Powderfinger", vielleicht mein absoluter Lieblingssong von NEIL YOUNG. "Like A Hurricane" weideten die vier genüsslich aus, weit über 10 Minuten, wobei das Ende in Feedback getränkt war, YOUNG und MOLINA am Boden über ihre Instrumente gebeugt, rhythmisch darauf klopfend ...

Wir waren aus dem Häuschen, volle Wäsch’! Als die vier Herren, sich verbeugend, grinsend wie die Schneekaiser, wieder rauskamen, um sich feiern zu lassen, haben wir das nur zu gerne getan. Drei Zugaben, ein endgültig abschließendes "Fuckin’ Up" und ich war so etwas von im siebten Himmel (nicht nur über Berlin) ...

Wenn ihr die Gelegenheit dazu habt: Gönnt euch diese Band, dieses Erlebnis!


: related links :

http://www.hyperrust.org
The Unofficial Neil Young Pages
http://www.wiesen.at