: der fuchs im hasenstall : hugh hefner

text: andrian kreye

Playboy-Gründer Hugh Hefner sollte Missionar werden, zog den Sex vor und
feierte mit sieben Frauen seinen 75. Geburtstag. Der umstrittene Popstars im Portrait.

Als Hugh Hefner vor wenigen Tagen in der legendären Playboy Mansion in Beverly Hills seinen 75. Geburtstag feierte, war es ein Bild des Triumphes. Eigentlich ist er ja keine imposante Erscheinung: ein nicht gerade stattlicher Mann mit grauen Haaren, fliehendem Kinn und einer zackigen Nase, auf der eine altmodische Pilotenbrille balanciert. Doch er thronte an einer Tafel, und der Abend zog – wie magisch – konzentrische Kreise um ihn.

Da waren zuerst einmal seine derzeitigen Lebensgefährtinnen, sieben Frauen von der Sorte, welche die Amerikaner "Bomb Shells" nennen, weil sie in den Köpfen der Männer kleine Explosionen der Lust auslösen. Die wichen nicht von seiner Seite. Als nächstes folgte der Ring der Leibwächter, die Insignien der ganz besonders Reichen und Berühmten – schicke junge Männer, die ihre Muskelpakete in teuren Anzügen verbergen und unauffällig darauf achten, dass sich dem Jubilar niemand ungebeten nähert. Drumherum die Gäste, streng hierarchisch nach Vertrautheit geordnet: Hollywoodstars und Popmusiker, Millionäre und Vergnügungssüchtige. Und natürlich jede Menge so genannte junge Dinger, steile Zähne, scharfe Häschen – die Grundlage seines Imperiums, in dessen Mittelpunkt immer noch die Zeitschrift Playboy steht.

Hugh Hefner hielt Martinis schlürfend Hof, scherzte mit seinen Gespielinnen,, tanzte mit ihnen und zog sich irgendwann in den frühen Morgenstunden mit ihnen, Viagra sei Dank, in eines der
Schlafgemächer zurück...

Hollywood teilte sich schon Wochen zuvor in zwei Klassen: eingeladen und nicht eingeladen. Seit Hugh Hefner sich 1998 von seiner zweiten Frau getrennt hat, ist seine Playboy Mansion, jene Villa, in der die Haute Volé in den 70-er Jahren der Swingerkultur frönte, wieder zu alter Größe aufgestiegen. Erst hat er dort mit vier Frauen zusammengelebt, jetzt sind es sieben. Jeden
Abend gibt es Programm: Montags kommen seine Kumpels, dienstags kommt die Familie, mittwochs spielt man Karten, und von Donnerstag bis Sonntag wird gefeiert. Und wie in den 70-er Jahren träumt ganz Amerika wieder davon, einmal in der Playboy Mansion an einem jener Bacchanalen teilzunehmen, die heute wie ein Echo aus einer Zeit wirken, in der Hollywood noch hemmungslos sündigen konnte. Nur einmal in das Heiligtum der Popkultur vorzudringen, jenes ausufernde Anwesen mit den Affen und Pfauen im Garten, mit dem Swimming Pool und den Liebesgrotten, den Limousinen in der Garage und den unzähligen Schlafzimmern.

Und über allem "The Hef", schon zu Lebzeiten ein Archetyp der Popkultur mit seinen seidenen Smoking Jacketts über den schwarzen Pyjamas, der Pfeife im Mund, dem souveränen Lächeln und den schönen Frauen um sich herum. Selbst Präsidentschaftskandidat Al Gore wollte hier letzten Sommer während des Konvents der Demokratischen Partei in Los Angeles ein wenig feiern – nur haben es ihm seine Berater dann doch ausgeredet – um die religiösen Wähler des
Hinterlandes nicht zu verärgern.

Für einen Jungen aus Chicago, dessen streng protestantische Eltern eigentlich wollten, dass ihr Bubeinmal Missionar wird und das Wort Gottes in die Welt hinausträgt, wahrlich ein grandioser Triumph. Es gibt natürlich eine ganz banale Erklärung dafür: Sex sells – und Hefner war der Erste, der das im großen Stil geschafft hat. Aber das alleine reicht noch nicht zum Mythos. Hugh Hefner war nicht bloß ein gewitzter Verleger, der ein Verlagsimperium auf Nacktbildern errichtete; er war vielmehr der Prophet der Spaßgesellschaft, der schon in den 50-er Jahren verkündete: Luxus ist keine Sünde, sondern das Paradies auf Erden. Und damit die Welt ihm glaubte, lebte er ihr sein Credo in den vergangenen fünf Jahrzehnten vor.

Zugegeben – aus heutiger Sicht wirkt diese Dekadenz schon fast bieder. In einer Zeit, in der sexuelle Exzentriker das Nachmittagsprogramm im Fernsehen bestreiten und harter Porno im Kabel läuft, kann einer wie Hugh Hefner mit seinem Playboy nur mehr frömmelnde Provinzler provozieren. Doch darum ging es ihm eigentlich auch nie. Er war kein Zuhältertyp, der Reiz- und Tabuschwellen niederreißen wollte, um Sex im Ausverkauf anzubieten. Ganz im Gegenteil: Als die Konkurrenz von Penthouse und Hustler sein Massensexmonopol mit doppelseitigen gynäkologischen Einblicken angriffen, weigerte er sich, mitzuziehen. Bis heute zeigen die Playmates nicht mehr als ihre polierten Kurven und vielleicht ein wenig Körperhaar. Im Grunde seines Herzens war Hugh Hefner immer ein Romantiker, einer, der stets den Unterschied zwischen Porno und Beauty betont und Sätze sagt wie: "Sex ist die zivilisierendste Kraft auf diesem Planeten. Wenn es keine zwei Geschlechter gäbe und keinen Bund zwischen ihnen, wäre diese Welt ein kalter und beängstigender Ort. Schließlich ist Sex die Grundlage der Familie, des Stammes und der Zivilisation, und wir müssen ihn auf positive Weise feiern".

Es war ja nicht so, dass es keine Sexhefte gab, als er 1953 am Küchentisch seiner Wohnung in Chicago die erste Ausgabe des Playboy produzierte. Es war die neue Welt, die er jenseits der Fotostrecken projizierte, die den Mythos begründete. Eigentlich hatte er nur den Grundsatz des amerikanischen Protestantismus weitergedacht: Gott belohnt die Tüchtigen, heißt es da in den Schriften. Und 1953 war die Zeit reif, nicht länger auf das Jenseits zu warten, sondern sich den Gotteslohn auf Erden zu holen. Lange genug hatte Amerika gewartet – man hatte sich einen Kontinent erobert, auf den Trümmern der Befreiungs- und Bürgerkriege eine neue Gesellschaft aufgebaut, die Weltwirtschaftskrise überstanden und schließlich den Zweiten Weltkrieg gewonnen. Nun war die Zeit gekommen, die Früchte der jahrhundertelangen Strapazen zu ernten. Dazu gehörte auch Sex.

Hugh Hefner ist nicht nur ein Romantiker, sondern auch ein Bildungsbürger. Deswegen wusste er, welche Grenzen er einzuhalten hatte, damit der Playboy ein Heft wurde, das brave Bürger nicht mehr unter dem Bett verstecken mussten, sondern auf den Couchtisch legen konnten. Er kam ja selbst aus ihrer Mitte; nach dem Militärdienst studierte er Psychologie, heiratete, verdingte sich als Werbetexter und als Redakteur beim edlen Herrenmagazin Esquire. Doch die Grenzen des bürgerlichen Traums wurden ihm schnell zu eng. Er kündigte seinen Job bei Esquire und borgte sich ein paar tausend Dollar, mit denen er die erste Ausgabe finanzierte. Bei einem Drucker, der Kalender herstellte, erstand er für wenig Geld Nacktbilder eines Starlets namens Marylin Monroe. Die setzte er in die Mitte des Hefts und ein Porträt auf den Titel. 50 000 Stück verkaufte die erste Ausgabe – ein Überraschungserfolg, mit dem er sich nicht zufrieden gab.

"Ich hatte nie vor, ein Revolutionär zu werden", hat er einmal kokett gesagt. "Ich wollte lediglich ein Herrenmagazin entwickeln, das auch Sex beinhaltete. Das hat sich dann als ziemlich revolutionäre Idee entpuppt. Doch Hefner ist mit einem Intelligenzquotienten von 152 gesegnet – er wusste von Anfang an, dass er mit Sex alleine nicht zu wahrer Größe aufsteigen würde. Und so verpackte er die nackten Mädchen in ein Konzept, das seinen Lesern nach dem ersten, schlichten Impuls die Träume vom urbanen Junggesellenleben näher brachte. Damit traf er eine Aufbruchstimmung, die schon bald die gesamte Gesellschaft umwälzen sollte.

Natürlich wird ihm bis heute Frauenfeindlichkeit und anachronistischer Machismo vorgeworfen. Doch damals in den 50-er und 60-er Jahren lastete auf dem Bild vom Junggesellen, der sich mit den schönen Dingen des Lebens beschäftigt, Literatur genießt, Jazz und Mode, der sich für Politik interessiert, Cocktails trinkt und alleine in der Großstadt lebt, das Vorurteil von der latenten Homosexualität. Richtige Männer gründeten Familien, bauten Häuser und gingen zum Fischen oder auf die Jagd. Der sophisticated bachelor, den Hugh Hefner verkündete, galt als Snob und somit als unmännlich. Doch die Leidenschaft für nackte Frauen injizierte dem neuen Männerbild eine gehörige Portion Testosteron.

Nach der ersten Provokation nahm Hefner dem Sex durch ein intelligentes Umfeld die Aura des Schmutzes. Der Witz, man kaufe sich den Playboy wegen der Artikel, ist schon reichlich abgestanden – doch mit zunehmendem Erfolg leistete sich Hefner zunehmend klügere redaktionelle Inhalte. Er förderte Schriftsteller wie John Updike, Norman Mailer und Jack Kerouac; Ian Fleming schuf im Playboy mit dem Geheimagenten James Bond den ultimativen Lebemann des Kalten Krieges. Die großen Interviews zu Beginn des Heftes gaben führenden Köpfen so viel Raum, ihre Ideen auszuführen, wie sonst in keiner anderen Zeitschrift.

Und je mehr sich der urbane Junggeselle als akzeptiertes Mitglied der Gesellschaft etablierte, desto deutlicher führte Hefner vor, dass Spaß und Inhalt sehr wohl zusammen funktionieren. Auf der einen Seite eröffnete er im ganzen Land die Playboy Clubs, in denen Frauen in Hasenkostümen Cocktails servierten; auf der anderen Seite engagierte er sich mit seiner Playboy Foundation für die Bürgerrechtsbewegung. Widersprüche, die ihm Kritik von allen Seiten einbrachten. Erst kürzlich schrieb die Feministin Naomi Wolf: "Viele Männer bleiben jahrzehntelang unverheiratet, weil sie die Hefner-Idee angenommen haben, dass ein polygames Junggesellenleben das Ideal sei. Und sie führen meist sehr leere Leben."

Auch wenn das Hefnersche Ideal heute ein Anachronismus ist, der Playboy bleibt als Institution bestehen; der Hasenkopf ist längst zum Markenzeichen für politisch unkorrekten Luxus geworden. Die großen Zeiten sind vielleicht vorbei: Die Auflage ist von weltweit sieben Millionen Exemplaren in den 70-er Jahren inzwischen auf rund viereinhalb Millionen gesunken. Doch unter der Führung seiner Tochter Christie wandelte sich der Verlag in ein modernes Medienunternehmen mit Fernsehproduktionen, Markenprodukten und Onlineprojekten. Hugh Hefner hat sich aus dem Tagesgeschäft längst zurückgezogen; er muss nicht mehr an seinem Mythos arbeiten. Es reicht ihm, ihn zu leben. Erst recht an seinem 75. Geburtstag.


: related links :

www.playboy.com
http://www.feminista.com/wwwboard/messages/648.html kritisches zu hefner`s way
http://www.talkintrash.com/playboy/Hefner/ feministInnen gegen hefner
http://www.gwu.edu/~nsarchiv/coldwar/interviews/episode-13/hefner1.html ausführliches interview mit hugh hefner