: systemtod : otto von schirachs debüt "8000 bc"

text: ernest meyer

Mit einiger Verzögerung ist "Otto von Schirachs" Debut-Album nun auch in meinem Plattenregal gelandet. Höchste Zeit also, mal kurz reinzuhören... ein Bericht von Ernest Meyer

Zu sagen, es sei eine Überraschung, wäre ein glatte Lüge. Auf der letzten "Schematic-Compilation: House of Distraction" konnte man ja schon einen kleinen Vorgeschmack genießen. "Mr Magnesium falls in Love" hieß der Track und sofort erinnerte sich mein trainiertes Bithirn, wo ich dieses willenlose Soundgehäcksel schon einmal gehört hatte: Entweder ist Otto von Schirach der Zwillingsbruder von Richard Devine, oder sie teilen sich die Computer, auf denen mittels "Reaktor" Granular-Samples wie in einem Teilchenbeschleuniger programmiert und vermischt werden.

Auch hier gilt: Wild durcheinander gewurstete Fraktal-Sounds klingen und knattern zwar superschnell und echt schräg, ergeben aber weder ein Gesamtbild, noch Musik. Auf dem Album "8000 BC", befinden sich sage und schreibe 12 teilweise zu lange Tracks, auf dem Vinyl-Double-Release wurde sogar noch eine Bonus 7inch draufgelegt, was mich als Sammler schwarzer Scheiben zwar sehr freut, aber aus klanglichen Gründen der Vielfalt nicht notwendig gewesen wäre.

Jaja, natürlich klingen Otto von Schirachs Tiraden anders als Richard Devine, von Schirach ist zeitweise irgendwie lustiger drauf, aber das Sample-Arsenal, welches seinen kruden Zerstampfungsanfällen zugrunde liegt, ist dem von Devine zum Verwechseln ähnlich. Daher kommt es auch, dass die 14 Tracks alle sehr ähnlich klingen, manchmal schneller, manchmal hiphoppy langsam. Und gerade dieser granulare Einheitsbrei macht es so schwierig, hier von einem bedeutenden neuen Release zu sprechen – es sei denn, man ist ein eifriger Verfechter diese "New School of Enginieering".

Galt früher Richard Devine als der Geheimtipp mit Exoten-Bonus, auch weil er der erste und dennoch einzige war, der es wagte, solche Exzesse elektronischer Manipulation auf Tonträger zu bannen, sehe ich vor meinem geistigen Ohr (Pendant zum geistigen Auge, Anm.) Legionen von Nachahmern oder Gleichgutkönnern exerzieren, die enorme Outputs liefern, aber von nichts, aber auch gar nichts von untereinander zu unterscheiden sind. Aus einem einfachen Grund: ihre softwaremäßige Herangehensweise ist einfach dieselbe. Einfach bedeutet hier nicht, dass es leicht wäre, so etwas zu produzieren / programmieren. Das ist es sicher nicht, auch die richtigen Sounds wollen erst mal ausgewählt sein, sonst flutscht gar nix.

Mit Musik hat es jedoch, wie gesagt, nichts zu tun. Schon viel eher mit der Umsetzung seltsamer psychologischer Versuchsanordnungen. So, als wollte einer ausprobieren, wieviel Schnippsel unser Gehirn in der Lage auseinanderzudividieren ist, oder wie lange es dauert, bis infolge totaler Saturation der Systemtod eintritt.

Empfohlen also allen, die ohne Reizüberflutung nicht mehr leben können oder schon lange kein EEG mehr über sich ergehen ließen.


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www.warprecords.com
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