: shy : raststationen auf reisen

text: thomas weber
interview: holger fleischmann

Neben den mittlerweile verblichenen Nar Malik sind die Linzer Shy die – mit Abstand – interessanteste Popband des Landes. Auf ihrem fünften Longplayer "Auf Reisen" entsagen Shy allen Brit-Pop-Einflüssen, und wagen sich in (wunderbar orchestral arrangierte) Americana-Pfade. Erstmals haben sie sich auch unter die Fittiche eines Major Labels begeben.


Shy live:

20.4. Kino Ebensee (20.00 Uhr)
Tel: 06133 / 63 08
21.4. Szene Wien (20.00 Uhr)
Tel: 01 / 749 33 41


Anders als auf den Vorgängeralben "Pull Over" und "Comprendre" scheinen sich Shy mit "Auf Reisen" vom kolonialistischen Pop-Enfluß Großbritanniens emanzipiert zu haben. Das Naheliegende, Post-Brit Pop mit elektronischen Einflüssen, die auf Shy-Platten ohnehin immer zu finden waren, ist auch nicht Programm. Der Albumtitel ("Auf Reisen") und der Titel des 13. Songs ("Roadmovie") bringen das Album inhaltlich auf den Punkt. "Auf Reisen" ist ein musikalisches Roadmovie in 13 Songs. Die musikalische Devise lautet ab sofort "Go West". Oder eigentlich "Drive West".

Nach diversen Elektronik-Versuchen besinnen sich Shy (die spätestens auf "Pull Over" (1996) erstmals ihre Klasse als geniale musikalische Arrangeure unter Beweis stellten) auf Reisen erwachsener Zurückhaltung. Die Aeronauten, Shys Brüder im Geiste, formulierten dieses Phänomen einmal ganz trefflich: "Mit dem Alter beginnt man sich für Country-Musik zu interessieren".

Mit dem landläufig bekannten Country hat "Auf Reisen" aber – einmal abgesehen von einigen Instrumenten – nichts gemein. Wenn, dann schon eher mit kritisch auf Distanz gehender "Country-Musik". Oder Americana, wie der musikalische Ansatz und der Sound von Bands wie Lambchop, Giant Sand und Calexico mittlerweile bezeichnet wird.

Mit platter Western World-Verherrlichung haben Shy nichts am (auf dem Cover zitierten Cowboy-)Hut. Die Band, die auf ihrer Homepage ein eigenes "Shy-Institut" mit kritischen Texten zu politischen und popkulturellen Themen ("meine kerbe im colt des neoliberalismus") eingerichtet hat, bleibt ihrer öffentlich politischen Linie auch nach dem Wechsel zum Major Label EMI treu. Dieser Wechsel habe sich eher zufällig ergeben (siehe Interview unten), und wenn sich Shy vom nunmehrigen Plattenindustrie-Konnex etwas erhoffen, dann "sind das in Zukunft nicht mehr 70 Besucher bei einem Konzert in der Szene Wien, sondern 170 Besucher" (Andreas Kump). Ziel sei es nach wie vor, "Menschen zu erreichen, die wenn sie uns zuhören wissen, dass wir unsere Entscheidungen nach politischen Kriterien treffen". Damit werden Shy zwar vermutlich keine Stadien füllen, aber für 170 (zahlende) Besucher sollte es doch reichen.

Auf eurem neuen Album "Auf Reisen" findet man im Gegensatz zu euren letzten Platten "Comprendre" und "Pull Over" keinerlei Einflüsse aus dem Dance- und Elektronik-Bereich. War das eine bewusste Entscheidung und wie war generell eure Herangehensweise an das neue Album?

Hans
: Die Herangehensweise war dieses Mal eine ganz eine andere, da wir ein geschlossenes Album machen wollten und auf den Einsatz von Loops und Samples bewusst verzichtet haben. Es war uns wichtig, die Musik transparent zu halten und die akustischen Elemente wieder stärker in den Vordergrund zu rücken, da wir für unseren Geschmack die Verwendung elektronischer Arbeitstechniken auf unserer letzten Platte "Comprendre” beinahe schon übertrieben haben.

Andreas: Wir haben auch die Aufnahmesituation geändert. Früher war es immer so, dass wir zwar als sehr gute Liveband gegolten haben, die Leute nach unseren Konzerten von den CDs aber oft enttäuscht waren. Die Lebendigkeit, die wir live vermitteln, konnte der Sound unserer Tonträger einfach nie transportieren. Das hat uns natürlich zu denken gegeben. Andererseits hatten wir auch keine Lust mehr, uns mit elektronischen Sachen auseinander zu setzten. Weil wir auch privat vor allem Musik hören, die einer Singer/Songwriter-Tradition entspringt.

Aufgenommen habt ihr "Auf Reisen" mit Mario Thaler in den Weilheimer Uphon-Studios. Wie hat sich diese Zusammenarbeit entwickelt?

Reinhard
: Wir waren auf der Suche nach einem passenden Studio und aufgrund der geographischen Nähe hat sich Weilheim angeboten. Es war dann auch sehr schnell auf beiden Seiten der notwendige Funken da, sowohl menschlich als auch arbeitsmäßig. Die Umgebung dort war auch alles andere als störend, da wir vom Rest der Welt abgesondert waren. Weilheim ist ein kleines Dorf, wo man sich abends in einem Wirtshaus trifft. Dort gehen dann die Console-Typen genauso hin wie der durchschnittliche Weilheimer.

Hans: Natürlich war die Entscheidung, nach Weilheim zu gehen, auch eine Sound-Frage, weil wir den Sound, den Mario Thaler macht, sehr schätzen. Wir wollten daher unbedingt einmal mit ihm zusammenarbeiten. Außerdem sollte das Album nicht wieder in Linz zwischen Windeln einkaufen und Milch besorgen noch schnell abends eingespielt werden.

Welche Idee steht hinter dem Album-Titel "Auf Reisen"?

Peter
: "Auf Reisen” haben wir deswegen als Titel gewählt, weil das Album wie ein Roadmovie funktionieren soll. Jeder Song hat ein Grundthema, mit dem wir uns alle fünf sehr intensiv beschäftigt haben, bevor wir dann tatsächlich die Musik oder Texte dazu geschrieben haben. Es ist wirklich so abgelaufen, dass wir uns in Themen erst einmal hineingelesen haben oder im Internet recherchiert haben. Auch die Instrumentalnummer hat zumindest in unseren Köpfen einen Handlungsfaden.

Die Aeronauten haben einmal gesungen: "Mit dem Alter fängt man an, sich für Country-Musik zu interessieren.” Trifft das bei euch so zu?

Peter
: Das Songwritertum, wo man sich wieder mehr für die Texte, die Inhalte und deren musikalischer Umsetzung interessiert, dafür sensibilisiert man sich vielleicht wirklich erst im Laufe der Zeit. Möglicherweise vor allem dann, wenn man sich so wie wir immer wieder mit elektronischer Musik befasst hat. Irgendwann kommt dann der Kick, sich das andere Extrem, die völlig vereinfachte, minimierte Instrumentierung anzusehen, wo wieder mehr Wert auf den Text gelegt wird.

Wie ist euer Major-Deal mit EMI zustande gekommen?

Reinhard
: Dass wir jetzt bei EMI gelandet sind, hat sich eigentlich zufällig ergeben. Das Album war schon fertig produziert und erst dann ist der Deal zustande gekommen. Das war jetzt auch keine bewusste Entscheidung, zu einem Major zu gehen, sondern EMI hat sich uns einfach selbst angeboten. Eigentlich ist das ja paradox, dass dies genau jetzt passiert ist, wo wir unserer Meinung nach das unkommerziellste Album gemacht haben.




: related links :

www.shy.at offizielle bandsite mit allen terminen und dem shy-institut
www.emi.at