: sigur ros : langsamkeit & schwermut

text: chris duller

Ohne jeden Showappeal stehen die isländischen Newcomer Sigur Ros auf der Bühne. Trotzdem – oder gerade deshalb ? – herrscht bei ihren Auftritten eine Stille und Andacht wie in einem Theatersaal.

Vor einem knappen Jahr waren Sigur Ros noch Niemande - außer daheim in Island. Dort landeten sie mit ihrer CD "Ágætis byrjun" (= "ein guter Anfang") auf Platz eins der dortigen Charts. Das Album, schon 1998 aufgenommen, wurde erst im letzten Sommer europaweit veröffentlicht, unmittelbar darauf durften die Isländer schon Radiohead in England supporten, erhielten kiloweise Rave-Reviews und am Jahresende vielfache Nennungen als eine der Newcomer 2000.

In Wien spielten sie in einer schon Tage voraus ausverkauften Szene Wien. So schnell kann es gehen - und Bassist Georg Holm, der Spokesman der Band (die anderen können nicht gut genug Englisch und sind überhaupt schüchtern, Holm selber ist schon bescheiden genug), übt sich nicht in Understatement, wenn er auf alle Fragen, wie er sich dieses Phänomen erklären würde, eigentlich nur achselzuckend sagt: "I don't know..." Tatsächlich ist es wundersam, dass solche Musik auf einmal wieder breitenwirksame Gültigkeit bekommt. Mit ihrer sphärisch entrückten, märchenhaften Klangwelt, die am ehesten noch an gewisse 4AD-Bands wie die Cocteau Twins erinnert, hätten Sigur Ros vor kurzem noch Nischenmusik in Reinkultur betrieben. Aber irgendwie herrscht da heute wieder ein Bedürfnis nach dieser Langsamkeit, dieser Schwermut und dieser epischen Getragenheit. Musik zum Zuhören und darin versinken – so herrschte auch während der oft sehr ausladenden Stücke in der Szene Wien eine Andacht wie in einem Theatersaal, man hätte die berühmte Stecknadel fallen hören können.

Georg Holm bestätigte, dass dieses Sich-Zeitnehmen und Dahindriften durchaus eine nordische Eigenschaft und kein Klischee sei: Dort, wo zwischen Tag und Nacht die Unterschiede verschwimmen, die Uhren anders gehen, da wirkt sich das auch auf die Musik und ihren Gemütszustand aus. Im Zentrum der Gruppe, aber ohne jeden Showappeal, steht Sänger/Gitarrist Jon Thor Birgisson, der nicht nur mit seiner klagenden Kopfstimme fasziniert (singt auf isländisch bzw. in einer Phantasiesprache, bloß - man merkt es nicht!), sondern auch das Rätsel der umwerfenden, unwirklichen Soundscapes von Sigur Ros auf verblüffend einfache Weise lüftete: Der Mann behandelt seine Gitarre das ganze Konzert hindurch mit einem Geigenbogen, aber wie! Schafft dabei den irrsten Klangtrip, den man sich vorstellen kann, Jimmy Page würde vor Neid erblassen. Nach einem durch und durch elegischen Beginn, begann die Band zum richtigen Zeitpunkt einen Gang höher zu schalten, wobei sich vor allem Drummer Orri Pall Dyrason hervortat, der mit plötzlicher Wucht in die Songs hineindonnerte, während die anderen vor ihm eigentlich einfach nur weiter- und weitermachten. Aber der Effekt war gewaltig. Das formidable weibliche Streichquartett im Hintergrund lieferte dazu ein hinreißendes Extra an Pracht - wieviel Zauber auf einmal kann der Mensch ertragen? In stiller Hingabe haben uns Sigur Ros an diesem Abend ihr hochspezifisiertes, wunderbares musikalisches Universum eröffnet.

CD-Tipp: "Ágætis byrjun" (Play It Again Sam Records)



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www.sigur-ros.com