: 9 types of ambiguity : vert (aka adam butler)

text: ernst meyer

Auf dem wunderbaren Albm "9 Types of Ambiguity" wagt es mit Adam Butler endlich wieder jemand, ein echtes Klavier einzusetzen. Glaubt man einigen Szeneinsidern, dann leitet diese Platte das Revival des klassischen Klaviers im experimentellen Elektro-Genre ein. Piano will probably be hip again.

Zugegeben, es würde viel Zeit und noch mehr Mühe verschlingen, ganz genau zu eruieren, wie das alles zusammenhängt – Aber um einen kurzen Überblick zu ermöglichen, seien hier ein paar Namen angeführt, die im direkten Umfeld liegen. "a-musik" ist das - für deutsche Maßstäbe - wohl renommierteste Avantgarde / Advanced Electronic / New Classic / Exp / Industrial-Fachgeschäft mitten in der Kölner Altstadt. Gleichzeitig vertreibt man Labels wie: "a-musik", "sieben", "entenpfuhl" und "sonig-records". Zu den hier veröffentlichten Künstlern zählen unter anderem "Mouse on Mars / Microstoria", "FX Randomiz", "Vert" und "Lithops".

Spätestens jetzt, bei so vielen wichtigen Namen, begreift man instinktiv, dass die >Neue Deutsche Elektronik< ohne Köln und "a-musik" wahrscheinlich gar nicht existieren würde, unbestritten also ihre Vorreiterrolle seit den frühen 1990ern.

Nun aber zu Verts "9 Types of Ambiguity ". Um es kurz zu machen, eines gleich vorweg: Die Platte ist das beste, was auf dem deutschen experimentellen Sektor seit längerem erschienen ist (seit "Microstorias" schwierigerem "model 3 step 2"), eine äußerst interessante, spannende und kreativ inszenierte Mischung aus Kammermusik und analoger/digitaler Elektronik. Die ganze Zeit hat man beim Hören den Eindruck, dass alles live eingespielt und dabei frei improvisiert wurde. "Ambiguity", bedeutet nicht umsonst Zweideutigkeit, Mißverständlichkeit. "Adam Butler", einem größeren Kreis spätestens bekannt seit den beiden 12‘‘ "Mewantemooseic" und "Moremusicforme", hat hier mit viel Spaß an der Freud seine Lieblings-Stücke für eine dem Neuen aufgeschlossene Audienz zusammengestellt.

Wer sich Atonalität erwartet, wird sie nicht finden. In diesen Stücken steckt dermaßen viel Musik, dass man die gesamte Platte mit gutem Gewissen unzählige Male spielen können wird – ohne dass dabei auch nur eine einzige Sekunde Langeweile aufkommt. Endlich, endlich traut sich wieder einmal jemand echtes Klavier zu spielen. Überhaupt, so munkeln einige Szenekenner, kommt das jetzt groß in Mode. Das Piano klingt genau wie jenes, das unsere Großmütter in den Hinterzimmern unserer Kindheit spielten: eine leichte Schwebung und Hall, Zitate aus der Vergangenheit, entzückend und fachkundig-virtuos gespielt.

Viele glockige, perkussive Klänge runden das Ambiente zu einem rhythmisch pulsierenden Ganzen ab und man hört, wie viel Freude es Adam gemacht haben muß, diese Aufnahmen einzuspielen. Auch das typische "Knistern und Kratzen" (engl. Crackle and hiss, Anm) paßt hervorragend ins musikalische Gesamtgefüge, auch wenn es vielleicht manchmal ein bißchen zu dick aufgetragen ist.

Anspruchsvoll und von großer Beständigkeit präsentiert sich jeder einzelne Track und macht diese Empfehlung zu einem ganz besonderen, ästhetischen Hör-Erlebnis. Und das – immer wieder. Vom Feinsten!

: listen to :

Vert: "9 Types of Ambiguity" (Sonig Records ,Cologne = Köln)

: related links :

www.a-musik.com