: wang shuo : pulp fiction auf chinesisch

text: petra rathmanner

Der Bestsellerautor Wang Shuo ist das enfant terrible der Pekinger Literaturszene. Mit "Oberchaoten" und "Herzklopfen heißt das Spiel" erschienen jetzt erstmals zwei seiner Bücher auf Deutsch als Taschenbücher. Eine Empfehlung.

Wang Shuo ist eine Entdeckung. Zumindest hierzulande. In China kennt ihn ja jedes Kind. Seine Bücher zirkulieren in ungezählten Raubdrucken in millionenfacher Auflage. Besonders in den Großstädten werden seine Bücher häufig gesichtet, da gelten Shuos streetwise Helden als heimliche Vorbilder einer ganzen Generation: Verkrachten Studenten, liebenswerte Gauner samt wunderschönen Frauen, die am liebsten in Peking abhängen. Sie wollen Spaß und haben nichts als fressen, saufen und ficken im Schädel. Sie verhöhnen mit ihren flotten Sprüchen, ihrer nachlässigen Moral und ihrem offensivem Nichtstun das chinesischen Ideal. Verhetzte junge Männer sind sie und hängen den Bonzen eine freche Schnauze um. Witz siegt – wenn auch nur zwischen zwei Buchdeckeln!

Dieser Bestsellerautor ist kein literarisches Leichtgewicht und gehört mit seinen 43 Jahren immer noch zur chinesischen Subkultur. In schöner Regelmäßigkeit werden seine Bücher und Filme verboten. Was seine Popularität nur noch steigert. Er bildet mit dem Musiker Cui Jian und dem Filmemacher Jiang Wen das sogenannte Pekinger Kultur-Triumvirat, das der China-Spezialist Georg Blume in der "Zeit" mit Lorbeeren nur so überhäuft hat: "Diese Männer pflügen Chinas alte Kulturlandschaft um."

Zwei seiner bekanntesten Bücher erscheinen dieser Tage erstmals als Taschenbücher. In "Oberchaoten" steht eine Firma namens "3TD" im Zentrum. "Das ist die Abkürzung von "Drei Tolle Dienstleistungen": Wir lösen ihre Probleme, wir vertreiben ihre Langeweile, wir stehen ein für ihre Fehler." In mehr oder weniger witzigen Episoden wird der skurrile Berufsalltag der drei Firmengründer geschildert. Sie haben es mit sitzen gelassenen Frauen zu tun, die einen Mann zum Abreagieren brauchen, mit einem erfolglosen Literaten, der unbedingt einen Preis gewinnen will und anderen illustern Figuren.

Literarisch raffinierter ist der Krimi "Herzklopfen heißt das Spiel" gebaut. Im Zuge der Mordermittlungen begibt sich der Ich-Erzähler und Hauptverdächtige auf die Suche nach der eigenen Vergangenheit. Dabei verstrickt er sich immer mehr in ein Gewirr von Lüge, Betrug und falschen Identitäten. Passend dazu variiert der Erzählstil von der Satire über surrealistische Schilderungen bis hin zu sehr lyrischen Passagen und wartet mit einem überraschenden Ende auf. Der Text ist prall gespickt mit zynischen und anzüglichen Witzen sowie politischen Anspielungen, die dank der geschmeidigen Übersetzung samt informativen Anmerkungen auch für Chinaneulinge zugänglich werden.


: lesetipps :

Wang Shuo: Oberchaoten, übersetzt von Ulrich Kautz, Zürich: Diogenes Verlag, 273 Seiten

Wang Shuo: Herzklopfen heißt das Spiel, übersetzt von Sabine Peschel, Zürich: Diogenes Verlag, 389 Seiten