: a certain ratio : der goldene schnitt

text: ernest meyer

Es werden noch Zeichen gesetzt: Das englische Neolabel Soul Jazz Records stöberte in den Archiven von Factory Records, fand, hörte und wiederveröffentlicht nun A Certain Ratios frühe White-Funk-Meisterwerke.

A Certain Ratio. Der Bandname allein macht neugierig. "Ratio" bedeutet „geometrisches Verhältnis“, „Schnitt“ oder „Mischung“. Was anno 1979 in Manchester respektive Sheffield zusammengemischt wurde, folgte einem ganz besonderen Rezept, ganz plakativ... Dort, wo sich triste Gitarrenriffs á la Joy Division, düster-maskuliner Gesang á la Section 25 und ein Quentchen Funkbass á la Perry Haines trafen, lag die Wiege einer britischen Dance-Stilrichtung, die demnächst ein größeres Revival feiern dürfte: White Funk. Und ganz am Anfang stehen A Certain Ratio, kurz ACR.
Gegründet im Jahre 1978 umfasste das ursprüngliche Line Up Simon Topping (Gesang), Martin Moscrop (Gitarre und Trompete), Peter Terell (Tape Loops) und Jeremy Kerr (Slab-Bass und später Gesang). Diese Namen sollte man sich merken. Ihre erste Single "All Night Party" erschien auf einem jungen aufstrebenden Label, welches damals unbekannte Bands wie Joy Divison, Durutti Column, Cabaret Voltaire oder A Crispy Ambulance hervorbrachte: Factory Records.Grauzone zwischen Analog und Digital Was diesen frühen Manchester-Sound heute so reizvoll erscheinen lässt, ist die Ehrlichkeit der musikalischen Qualität, das Jazzcomboartige Zusammenspiel, der manchmal hölzerne, dafür technisch präzise gespielte Slab-Bass, ohne den White Funk eigentlich gar kein eigenes Genre wäre. Bester, nervöser „eckiger“ Funk. Dazu ein oftmals hypnotischer Gesang im getragenen Stil – ACR traten wie viele der frühen Manchesterbands mit dem Anspruch und dem Ehrgeiz etwas „Noch-Nie-Dagewesenes“ an ihre musikalische Arbeit heran. New Wave war anno 1979/80 bereits zu einer Kommerz-Schublade degeneriert, Punk ein alter Hut. Spannend geblieben war eine Grauzone, eine /grey area/ zwischen Analog und Digital, zwischen psychischer Selbstzerfleischung (etwa Joy Division) und expressionistischem Exzess (paradigmatisch: Throbbing Gristle).
Und irgendwo nahe der Mitte war auch noch Platz für diesen manischen, weißen Funk. Das Urteil der Zeit erwies sich jedoch auch bei ACR als gnadenlos. Während in den 1990er Jahren Bands wie Joy Division oder Throbbing Gristle ständige Avantgardereferenz blieben, wurde es um ACR ruhig. Ganz ruhig. Absolute Funkstille. Der hart erkämpfte Ruhm der frühen Achtziger schien verloren. Blasiert-gelangweilte Frauenstimme
Doch jetzt, viele viele Jahre später steigen die Second-Hand-Preise für Originalpressungen der Sheffield Four völlig unerwartet, und das junge britische Soul Jazz Label veröffentlicht eine Art ACR-Jubiläumsausgabe. Gerade noch rechtzeitig, so scheint es, bevor der Hype so richtig losgeht. Die Doppel-CD "Early" dokumentiert die frühe Bandgeschichte ACRs (ca. 1979-1985), in verschiedenster Ausführung: Auf CD 1 finden sich Klassiker wie "Do the Do", "Flight" oder "Waterline" (eine der besten Maxis des Jahres 1981). Auch das spritzige "Shack Up", mit dem ACR ihren ersten großen Hit landeten, darf nicht fehlen. Sonst ist fast das gesamte Erstlingsalbum "To Each" enthalten – inklusive einiger Tracks vom Nachfolger "Sextet" – allesamt vorgetragen mit blasiert-gelangweilter Frauenstimme. "Knife Slits Water" oder "Gum" geben genau das Feeling der damaligen Zeit wieder, einer Zeit in welcher der Drogenkonsum reziprok zum Einkommen stand. Und Martha Tilsons Stimme streichelt so geisterhaft unser Trommelfell, dass man sich dem Dargebotenen schwer entziehen kann. Magie!

Funkiger wird's bei "Sounds Like Something Dirty"
oder dem grenzgenialen "Touch" vom dritten Album
"I’d Like to See You Again". Auf diesem vollzogen
ACR einen krassen Stilwechsel. Statt Martha Tilson übernahm Jeremy Kerr den Gesangspart. Synthies und Vocoder geben sich ein überaus frühes Stelldichein.Härtester Bass seit MenschengedenkenWarum auf „Early“ausgerechnet "Wild Party" fehlt, ist und bleibt ein Rätsel. Für viele Fans war diese Single gewissermaßen das Zeugnis einer wundersamen Wiedergeburt ACRs zu einem Zeitpunkt, als die Bandmitglieder teilweise untereinander zerstritten oder – enttäuscht vom Musikbiz – in andere Projekte (z.B. Swing Out Sister) geflohen waren. „Wild Party“ brachte wahrlich "den härtesten Bass seit Menschengedenken" ((c) Werner Geier) und wer hier beim Hören nach spätestens zehn Sekunden noch immer nicht mit dem Fuß wippt, hat gar nichts, aber auch gar nichts verstanden. Von feuriger Tanzmusik ist hier die Rede, einfühlsamem Gesang, jazzigen Tunes getrieben von manischen Slab-Bässen, dass das Holz nur so knirscht.

CD 2 enthält neben John-Peel-Versionen einiger bereits auf CD 1 enthaltener Tracks auch zwei Perlen, die alleine den Kauf der Doppel-CD oder des Doppel-Vinyls rechtfertigen: "All Night Party" (Die A-Seite der besagten allerersten 7-Inch-Single. Warum die B-Seite "The Thin Boys" nicht auch gleich wiederveröffentlicht wird, ist wieder so eine harte Nuss) und das großartige und lang verschollene "Si Firmo o Grido". Dieser Track entstand aus einer zehnminütigen Percussion-Improvisation am Ende der US-Tournee zu "Sextet". Ob die Peel-Versionen für eine breite Hörerschaft interessant sind oder nur für Musikhistoriker ist allerdings ein andere Geschichte.

Ein Wort noch zum offensichtlich bevorstehenden Hype: Vielleicht lohnt es sich ja, die Plattensammlung des älteren Bruders/der älteren Schwester (der Eltern?) zu durchforsten. Es könnten sich durchaus ein paar Schätze finden. Wer also noch ein paar alte Chakk-, 400-Blows-, oder vielleicht C-Cat-Trance-Alben, Singles, Maxis entdeckt, gut abstauben, in eine Schutzhülle stecken und ins Bankschließfach legen - oder noch besser: flugs auf den Plattenteller. Jetzt.

Infos zu A Certain Ratio auch unter http://www.souljazzrecords.co.uk, Hörproben gibt’s auf der offiziellen ACR-Website http://www.acrmcr.com.

: related links :