: rock files : the pretty things

text: andreas probst

Die Pretty Things sind jene bösen Buben, die in den frühen 60er Jahren sogar das wilde Image der Rolling Stones übertreffen, noch aggressiver agieren – langhaarig und abstoßend, ein schmerzender Stachel in der gerade aufgebauten Scheinheiligkeit des prüden Establishment. Eine trinkfeste und schlagfertige Rockband, die den jungen Johnny Rotten beim Besuch des Londoner Club 100 mit seiner Mutter nachhaltig beeindrucken und den in der Entwicklungsphase befindlichen David Bowie Songs für sein späteres Pin Up Album liefern. Die Gruppe, die mehr als ein Jahr vor dem sensationellen Tommy der Who mit der Rockoper S.F.Sorrow das erste Konzeptalbum produziert und deren LP Parachute zum Album des Jahres 1970 vom Rolling Stone Magazin gekürt wird. Die Band deren exzessive Shows Peter Grant den Manager von Led Zeppelin so bewegen, daß er sie als nachahmungswürdig seinen Musikern empfiehlt. Sogar die Prima Ballerina der gerade flügge werdenden Rock-Society Bob Dylan läßt es sich während der unvergessenen 1966er England-Tour nicht nehmen die Pretties zu treffen, eine Begegnung die Mr. Zimmermann später auf seinem "Tombstone Blues“ dokumentiert. Häufige Veränderungen des musikalischen Konzeptes und vor allem später ständig wechselnde Besetzungen lassen den ganz großen Erfolg allerdings nicht aufkommen.

Als Protagonisten bestimmen Gitarrist Dick Taylor (*28.1.1943) und Sänger Phil May (*9.11.1944) das Geschehen der Anfangsphase. Dick Taylor studiert zu Beginn der 60er Jahre Kunst am Sidcup Art College in London. Mit seinem Kommilitonen Keith Richards spielt er 1962 bei Little Boy Blue&The Blue Boys. Als sich dann die Rolling Stones entwickeln unterbricht Taylor seine Karriere als Rhythmusgitarrist und beendet zunächst sein Studium. Danach 1963 gründen Taylor und der R&B Fan May die nach einem Song von Bo Diddley (Pretty Thing) benannten Pretty Things. Die weiteren Mitglieder der Ur-Formation sind der Schlagzeuger Viv Prince, der Bassist John Stax und als zweiter Gitarrist Brian Pendleton. Nach einem Auftritt in der Londoner School Of Art im Dezember 1963 nehmen Fontana Records die Band unter Vertrag.
Obwohl noch keine einzige Platte aufgenommen, sind die Pretty Things in den Medien nun stets present, das Fernsehen wird auf sie aufmerksam und beschert einen Auftritt in der bekannten TV Show „Ready Steady Go“. Die Journalisten stürzen sich auf das finstere Outfit der Band und berichten ausführlich von wüsten Prügeleien und ausufernden Bühnen- und Alkoholexzessen. Brian Jones, dessen Verhältnis zu den Rolling Stones erste Risse bekommt zählt zum intimen Freundeskreis Phil May’s und beide machen in Brian’s Bentley die Gegend um den Hyde Park unsicher, immer bekannte Größen aus dem „Biz“ wie Judy Garland oder den Tänzer Rudolf Nureyev im Schlepptau. Swinging London erlebt seine „dedicated Follower of Fashion“ Hochzeit.
Nach der ersten Single „Rosalyn“ kommt „Don’t Bring Me Down“ 1964 in die Top Ten und das Album The Pretty Things (1965) mit den Auskoppelungen „Honey I Need“, „Cry To Me“ und „Midnight To Six Man“ wird veröffentlicht. Die Zweite LP Get The Picture? schließt mit der Drogenhymne „L.S.D.“ und zeichnet ein passendes Bild dieser im wahrsten Sinne des Wortes farbenfrohen Zeit. Den schmerzlichen Höhepunkt einer turbulenten Periode bildet die folgenschwere Prügelei des meist betrunkenen oder sonstwie highen Viv Prince während der 65er Skandinavien Tournee. Bei einer handfesten Auseinandersetzung mit dem schwedischen Box Schwergewichtsweltmeister Ingemar Johansson wird der Drummer so schwer verletzt, daß er kurzfristig von Mitch Mitchell, dem späteren Jimi Hendrix Schlagzeuger ersetzt werden muß. Sein endgültiges Aus folgt nach einem Sturz von der Flugzeuggangway in wiedermal stark angeheitertem Zustand. Seinen Posten nimmt nun endgültig der erfahrene Skip Allan (Allan Skipper) ein.
Inzwischen schreiben wir das Jahr 1966. Zwei weitere Singles „Come See Me“ und „A House In The Country“ bleiben ohne Chartplazierung, was eine musikalische Kehrtwendung zur Folge hat. Die Pretty Things verändern radikal ihren Stil und ersetzen auf Emotions (1967) die ungezügelt musikalische Vitalität und freimütigen Texte der sich anbahnenden Hippie-Bewegung entsprechend durch experimentell-psychedelische Impulse, Bläsersätze und elektronische Spielereien. Fans und Kritiker stehen den eher ruhigen balladenhaften Songs allerdings skeptisch gegenüber. Nacheinander verlassen Stax, Pendleton und Allan die Band. Ihre Nachfolger werden Wally Waller (bass), der Keyboarder John Povey und der spätere Pink Fairies Drummer John <Twink> Adler. Swinging London hat seinen Höhepunkt erreicht und der Aufbruch in neue musikalische Dimensionen wird vor allem durch die Arbeit der Beatles am legendären Sgt. Pepper’s Album und Pink Floyd’s The Piper At The Gates Of Dawn eingeläutet. In die Studios hält eine immer komplizierter werdende Technik Einzug, was die Beatles schließlich veranlaßt gänzlich auf Konzerte zu verzichten.
Ende 1967 gründen die Mitglieder der Pretties einen zweiten mehr jamorientierten Ableger – Electric Banana, die bis 1980 sieben Alben produzieren. Das tut der Produktivität May’s aber keinen Abbruch, so daß die Pretty Things im Dezember 1968 die Rockoper S.F.Sorrow veröffentlichen. Das Werk hat Kurzgeschichten von Phil May zur Grundlage, wird aber trotz seiner Innovation, immerhin sollte es Pete Townshend zu Tommy inspirieren, kein großer kommerzieller Erfolg. Resigniert verläßt Taylor die Band, was May aber nicht daran hindert mit der L.P. Parachute 1970 das Rolling Stone Magazin Album des Jahres zu produzieren. Jedoch auch diese surrealistische, atmosphärisch gelungene Heavyrock-Produktion mit ihrer nahtlosen Verbindung von Instrumentalisierung und Gesang findet nicht den Weg in die breite Öffentlichkeit. Parachute wird zur einzigen Rolling Stone Platte des Jahres, deren Absatz weniger als eine Million Exemplare beträgt. Eine Konsequenz dieser unzureichenden Plattenverkäufe ist schnell gezogen. Die Band trennt sich kurzfristig um anschließend den Vertrag bei EMI aufzulösen und ein Angebot der Warner Brothers anzunehmen. Waller, der bei EMI als Hausproduzent unterschrieben hat, muß durch den Bassisten Stuart Brooks ersetzt werden und Gitarristenwunderkind Peter Tolson stößt zur Mannschaft. Dennoch sind die Verbindungen zu Waller so stark, daß er unter dem Pseudonym Asa Jones das erste Warner Album Freeway Madness (1972) produziert. Wiedermal wird eine Stilkorrektur vorgenommen und die Tendenz geht nun in Richtung nordamerikanischer Mainstream-Rock, der perfekt und originell inszeniert wird. Die erste US-Tour 1973 ist die logische Folge dieser Entwicklung. Außerdem sind hier derweil alte Freunde der Things überaus erfolgreich und brechen mit ihren Platten-und Konzertumsätzen alle Rekorde. Led Zeppelin. Allein bei einem Auftritt in Tampa/Florida kommt die für damalige Zeiten sensationelle Summe von über 300 000 Dollar in die Kasse. Damit ist sogar die alte Beatles Marke von 1965 aus dem New Yorker Shea Stadium übertroffen. Für die Pretties kommt das wie gerufen. Ihr Gefährte aus frühen Tagen und Gitarrist einiger Songs des ersten Albums Jimmy Page und Tottenham Kollege Peter Grant haben für Led Zeppelin ein eigenes Label – Swansong – gegründet, und wollen mit neuen Gruppen expandieren. Die Pretty Things sind dabei, Phase 3 kann beginnen, erneut mit allgemeiner Personalrotation. Gordon Edwards, den man schon von den Electric Bananas kennt, löst Brooks am Bass ab, und der schottische Sänger Jack Green wird zur Ergänzung angeheuert. Neben ausgedehnten, durchaus erfolgreichen Tourneen durch die Staaten werden für Swansong zwei LP’s produziert. Sowohl Silk Torpedo (1974) als auch Savage Eye (1975) überraschen duch soften Sound, Ideenreichtum und technische Perfektion. Aus dem einstigen Shouter May ist ein Sänger geworden, den auch weiche gefühlsbetonte Lagen nicht in Verlegenheit bringen können.
Trotz einhelligen Kritikerlobs trennen sich die Wege der Pretty Things 1976 ein weiteres Mal. Phil May geht in die Niederlande, wo er nach wie vor Kultstatus genießt. Ein Solo-Album mit den Fallen Angels feat. Mickey Finn bringt jedoch nicht den erwarteten Erfolg. Die anderen Musiker gründen Metropolis, der aber jegliche Durchschlagskraft fehlt. Eine erneute Reunion steht 1980 ins Haus. Diesmal mit May, Taylor, Waller, Allan und Povey. Das Ergebnis der Studioarbeiten in Soho, Crosstalk, ein brillantes Post-Punk Meisterwerk bleibt trotz Warner Produktion einmal mehr völlig unbeachtet. Als Folge zieht sich die Gruppe in die Club- und Kneipenszene zurück. Hier tritt man je nach Belieben als Pretty Things oder Electric Banana auf. Endlich besinnen sich May und Taylor ihrer R&B Roots und touren die nächsten Jahre reinen feinsten Rhythm & Blues im Gepäck durch Europa. Mit neuem Manager Mark St. John und Frank Holland an der Gitarre enstehen zwei in Chicago aufgenommene pure schwarze Blues Alben. In Europa kämpfen May und St.John um die Rechte der alten Original Produktionen, wobei es ihnen schließlich eher unerwartet gelingt diese von Phillips und EMI zurückzugewinnen. Mitte 1984 tritt die Band wieder regelmäßig auf und schneidet für die LP Live At The Heartbreak Hotel ihr Konzert im Londoner Club Little Venice mit. Mit Joe Shaw (g), David Wintour (b), John Clark (dr), David Wilki (key), Kevin Flanagan (sax) und John Elstar (harm) präsentieren May/Taylor eine völlig veränderte Besetzung der Gruppe.
Nach einer künstlerischen Pause May’s, während der sich Taylor den Mekons samt deren eigenwilliger Mischung aus Folk, Country und Rock’n’Roll anschließt, produziert man wieder vereint 1988 in Deutschland mit Udo Lindenberg Drummer Bertram Engel das Album Out Of The Islands. Ein gelungenes Werk, das die urwüchsige Kraft alter Beat- und Rocknummern mit der Perfektion moderner Technik verbindet. Im September 1989 sorgt die mit Sex Pistol Glen Matlock eingespielte stürmische Fassung des Barry McGuire Klassikers „Eve Of Destruction“ für Schlagzeilen. 1990 entsteht aus der kongenialen Verbindung mit dem ehemaligen Yardbirds Schlagzeuger Jim McCarty die Pretty Things &Yardbirds Blues Band. Das Produkt des Trios, Chicago Blues Jam erinnert mit seinem nahezu authentischen, harten Chicago-Sound an die Wurzeln beider Gruppen.
Wieder in die Londoner Szene integriert, präsentieren die Pretties 1995 überraschend eine 2CDBox, Unrepentant, die mit ihrem Horror Cover des zerschlagenen Gesichts von Viv Prince, der Folge seines 65er Boxkampfes, innerhalb dreier Monate vergriffen ist. Ende des Jahres stehen die Vertreter des jungen Brit Pop von Blur bis Oasis Schulter an Schulter mit den 60er Veteranen, um das ausverkaufte Comeback der Things im Londoner 100 Club zu zelebrieren. Mit dabei „Godfather“ Peter Grant, dessen letzter Gig dieser Abend werden sollte. Er stirbt, von allen aufrichtig vermißt drei Wochen später. Von den Kommunikationsmöglichkeiten des ausgehenden Jahrtausends infiziert, veranstaltet die Band 1998 mit den Freunden David Gilmour (Pink Floyd) und Arthur Brown live von den Abbey Road Studios 2 die Wiederaufführung von S.F.Sorrow. Am selben Ort, der vor mehr als 30 Jahren zusammen mit Sgt. Pepper und The Piper At The Gates Of Dawn Schauplatz seiner Premiere war wird das Werk nun zum „First Location Internet Broadcast“. Genugtuung und Anerkennung zugleich, nach so langer Zeit nun endlich den Weg in die breite Öffentlichkeit gefunden zu haben. Zwei Wochen später ist man in New York Headliner des kultigen Garage-Rock Festival –„Cave Stomp“. Mit 1100 Besuchern in einem 565 Personen fassenden Club reichlich überfüllt, erklärt die New York Times das Konzert zum „Best Gig of the Year“. Die Dinge kommen ins Rollen und zu Weihnachten des Jahres sind die Pretty Things Support ihres alten Freundes Van Morrison beim „Rockpalast Christmas Special“, das mehr als 20 Millionen Zuschauer verfolgen können. Zurück in L.A. werden Guns&Roses, Kiss und Iggy Pop Zeugen eines laut L.A.Times überwältigenden Konzertes der Pretty Things. Und ganz wie in alten Zeiten, so als wollten sie das Rad zurückdrehen wird Skip in San Francisco verhaftet nachdem er ein Lokal in seine Bestandteile zerlegt hatte. Der Kreis hat sich also geschlossen. Nach dem 1999er Album Rage Before Beauty laufen die Planungen für das beginnende Jahrtausend auf Hochtouren. An neuen Produktionen wird gearbeitet, Konzerte sind geplant. So ist es Phil May und seinem verbliebenen Team gelungen weit über 30 Jahre Musikgeschichte zu schreiben, und trotz aller Ups & Downs als einer der einflußreichsten Köpfe des bunten Rock Zirkus, von vielen unbemerkt , die Szene nachhaltig zu bereichern.

Pretty Things Alben:

1965 The Pretty Things
1965 Get The Picture?
1967 Emontions
1968 SF Sorrow
1970 Parachute
1972 Freeway Madness
1974 Silk Torpedo
1975 Savage Eye
1978 The Pretty Things Live ´78
1980 Crosstalk
1984 Live At The Heartbreak Hotel
1988 Out Of The Island
1992 On Air
1998 Resurrection
1999 Rage Bevor Beauty

: related links :

www.rockpalast.de
www.glitterhouse.de
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