: snd : tender love

text: ernest meyer

Öffnet die Fenster und schließt die Augen. Hört ihr, wie die Sauerstoff-Atome beginnen, sich in der hinteren Ecke zu sammeln, eines nach dem anderen, um später das karg eingerichtete Zimmer bis zur Decke zu füllen?

Sauerstoff fürs Gehirn

Auf dem für experimentelle Elektronik abseits gägngiger Klischees bekannten Label Mille Plateux erschien dieser Tage SND's 3. Release, "tender love" [MP 108] und anders als seine Vorgänger setzen Mark Fell und Mat Steel aus Sheffield erstmals ganz entschieden auf klare Strukturen und kernigen Synkopen-Groove.
Groove? Jawohl! Es klickt und knackt, knartzt und wummert so dahin, meine armen Boxen, ob sie den Subbass überstehen? Optimal fürs Autoradio und völlig auf den Rhythmus reduziert. Meloliekürzel als geclusterte Ambient-Töne, die so schnell ausgeblendet werden, daß sie fast perkussiv anmuten. Und perkussiv ist hier wirklich jder Ton.
Es grenzt schon an eine gewisse Bessesenheit, soweit in die klangliche Theorie einzutauchen, die Beschaffenheit der Harmonie zu hinterfragen, stets auf der Suche nach neuen Sounds. Und SND arrangieren eindrucksvoll, was auf diesem Wege so alles an Wohlklang zusammenkommt. Darin liegt wohl der Reiz, aus atonalen Schnitzeln und zergliederten Loops einen hypnotischen Strom pulsierender Teilchen zu formen.
Doch es ist eine hermetische Welt, in die SND den Hörer führt, auch hier gelten die physikalischen Gesetze. Und so werden keine mächtigen Hallräume heraufbeschworen, alles erscheint verkürzt, abgehackt und präzise getunt, denn gesucht wird die ultimative Schnittstelle zu den Ganglien, den Synapsen, unserem Gehirn.
Gerade diese Hermetik und die unbeschreibliche tonale Dynamik, die vor allem auf dem Vinyl-Release beim Abspielen erzielt wird, sind inzwischen zu einem Trademark des Sheffielder Duos geworden. Die Lust zur totalen Abstraktion wird auf dem neuen Tonträger zwar kaum mehr so exzessiv ausgelebt wie z.B. auf "makeSND: cassette" [MP 069] oder auf "Newtables", dafür fängt jeder halbwegs musikalische Mensch innerhalb von längstens 3 Minuten mit den Bein zu wippen an. Jaja, ich weiß schon: "Clicks 'n' Cuts". Aber doch deutlich anders als Labelkollege Andreas Tilliander, der noch deutlicher auf dem Dancefloor-Terrain steht oder alva.noto, der gar die technischeren Seiten tonal erschiließt. Ja das ist Evolution, nicht in eine Richtung, sondern in alle. Und zwar gleichzeitig.
SND's "Tender love" beschert der jungen Szene des "electronic listening" einmal mehr einen vertrauten Ausflug in die Welt der Atome und Partikel. Uns alle interessiert schließlich, woraus die Materie gemacht wird. Besondere Empfehlung!

: related links :