: SWINGER CLUB : Welthits für arme Leute

text: shorty

„Mir ist alles klar, wenn es erst mal passiert ist – was Vergangenheit angeht, bin ich richtig gut. Die Gegenwart kann ich nicht verstehen.“ Nick Hornby. Was das mit dem Swinger Club zu tun hat? Sie spielen heute die Musik von Gestern mit den Stilmitteln von Vorgestern. Und sind damit respektabel in der Gegenwart gelandet. Fast ohne Sex aber dafür sehr sexy finden iris t. und shorty .

Man nehme gut abgehangene Peinlichkeiten („Money, Money, Money“ - Abba), zu oft gehörte Derbheiten („Fly Robin Fly“ – Silver Convention) und sonstige Insultationen des Gehörganges („Daddy Cool“ – Boney M.) und mache sie wieder hörenswert. Oder wage sich an unüberwindbare Hürden wie „Sweet Dreams“ oder mache einen Affront des zweitbesten Orgelriffs der Poserrockgeschichte – „Jump“.

„Wir sind eigentlich Jazzmusiker“, stellt Jan von Pohlheim gleich mal klar. Und das können sie auch. Spielen. Nur ist es nun mal so, dass nicht mehr die seligen Zeiten herrschen, als Jazz noch allgemeine Popularmusik war. Sprich man damit auch noch Hits haben konnte und damit auch genug Heu in die Scheune fuhr. Deswegen ist man gezwungen für reiche Leute auf Banketten und sonstigen elitären Begebenheiten die guten alten Standards des Jazz in leichten Versionen zum Besten zu geben.
„Als wir dann mal auf einer Feier für Bayer Leverkusen aufspielten, merkten wir mal wieder,
dass die Leute nichts damit anfangen konnten. Das Geheimnis ist eben nun, dass wir dafür alte Nummern spielten, die keiner mehr kennt und nun Nummern, die man kennt, aber das auf Jazz.“
Im Gegensatz zu Mike Flowers Pop und Konsorten versuchen die drei Buben mit einem süffisanten Grinsen nicht nur dem Easy Listening zu frönen und auch mal flotter zur Sache zu gehen. Einem James Taylor Quartett gleich sozusagen. Das Publikum weiß das vor allem live zu schätzen und wagt schon mal ein Tänzchen.
So auch am 20. April im Gürteletablissement B72, wo die Kölner im Rahmen des mittlerweile gut etablierten Clubs "Sugar Daddy" spielten. Damit folgten sie der Einladung von iris.t und Billy Rubin, die sich über den Besuch der Kollegenschaft besonders freuten. Billy Rubin, der wie gewohnt durch den Abend führte, zeigte sich gut gelaunt, charmant und wortwitzig, während iris.t, wenn sie Lust hatte, schon mal den ein oder anderen Song mitsang. Da kam auch sie an "Daddy Cool" natürlich nicht vorbei, das sie mit kokettem Augenaufschlag ihrem "Sugar Daddy" widmete. Und die Jungs freuten sich sichtlich, einmal eine Lady auf der Bühne zu haben.

Und wie nimmt man nun aus dem Fundus der Popgeschichte die richtigen Lieder heraus? „ Es sind schon auch Lieder, die wir ganz besonders schrecklich fanden. Dazu kommt dann der Swinger Club Kick. Ohne dem geht’s nicht ab.“

Schlagwerker Martell Beigang hatte auch schon früh seine Grundsatzfragen zu klären: „Ich hatte ältere Brüder die mich auf Jazz trimmten und dann kam dieser Abba Film und alle gingen hin. Ich wusste, das eine Entscheidung anstand. Entweder mit den schönen Mädels ausgehen oder in Jazz machen.“ Muß ja nicht gleich so rigoros gefallen sein, die Entscheidung, aber eine Richtung war doch eingeschlagen.

„Manche Kritiken sind ja schon so vernichtend, dass man sie schon wieder als Promotion verwenden kann.“, sagt Tastenwizzard Andreas Hirschmann und hat recht.
Keine Frage. Die Art und Weise ihrer musikalischen Übersetzungen polarisiert. Ja oder Nein. Tanzen oder Trinken. Thekenschlaf oder Toilette. Und so tut es auch kein Wunder, wenn der Kulturbeauftragte in einem Printmedium sich schon mal nicht zurechtfindet. Soll man jetzt über ernsthaften Jazz rufen und es verdammen oder es mehr aus der kurzweiligen Popfraktion her sehen? Soll man es dann lustig finden oder auf Professor Ernsthaftigkeit herbeirufen? Nun. Der wahre Prophet trinkt nicht nur reines Wasser. Soda Citron. Während die standardisierende Kollegenschaft flucht, finden die aktuellen Verfasser dies hörenswert putzig.

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