: wanko : Be Strong, Be Wrong, aber gib Gas!

text: thomas weber

In „Ken" lässt Martin G. Wanko sein paranoides Erzähler-Alter-Ego den Plastikmann an Barbies Seite köpfen. Der umgangssprachliche Innere Monolog seiner Crime-Story führt in eine wenig glamouröse Welt voll von derbem Kitsch, Drogen, Sex und Gewalt - und lebt mit und vom nach außen gestülpten Selbstbild des Erotomanen Martin G-Punkt Wanko.

„Du findest dich selbst sehr gut, gelt? Ich bin mir sicher, Du wirst auch ohne mich super sein!" - Einer von fünf männliche Zuhörern kehrt Martin G. Wanko unhöflich und bestimmt den Rücken und verlässt den Raum. Stille. Der Autor - bemüht um Contenance - improvisiert. Jemand, der seine Lesung verlässt, passt nicht ins Konzept. Dafür umso besser zum Image. Scheitern, schöner scheitern, am schönsten scheitern. Oder wie lautet der Superlativ von armselig? Ärmstselig? Am armseligsten? Egal. Wanko nimmt's gelassen, tut zumindest so, legt Sinatras „That's Life" auf und ärgert sich laut, dass er vergessen hat, den Abtrünnigen mit seinem Platzpatronen-Colt umzuballern. The show must go on. Ein Schuss erschreckt das Publikum, macht die soeben beobachtete Schmach vergessen. Format Kurzzeitgedächtnis Doppelpunkt. The show goes on. Nichts, so scheint es, macht dieser Mann lieber als irritieren und provozieren. Live wie auf der Bühne wie im Buch. Und sich dabei schon irgendwie gut vorkommen, wenn er den Härtling raushängen lässt. Und das auch sagen und einen Gedankenschritt weitergehen. Im fiktiven O-Ton könnte das heißen: „Ihr wisst ja, dass ich auf der Bühne gerne den Harten raushängen lasse." Zynisches Grinsen, derber Schmäh, aber okay. Weil wenn's nicht jeder versteht, dann kann's ja nicht sooo tief sein. Wäre der Grazer Autor im Alltag so plakativ wie in seinen Stücken und seiner gerade im steirischen Kleinstverlag Edition Kürbis erschienenen Crime-Story „Ken", er müsste im Slogan-bedruckten T-Shirt herumlaufen, im pseudo-machistischen Muskel-Shirt mit der Aufschrift „Ficken" oder - den Durchblick suggerierend „Provokation". Oder subtiler und ein klein wenig selbstkritisch: „zwanghaft". B-Movie zwischen Buchdeckeln Unschöne Gedankenexperimente und Provokation treibt der Grazer in seinem Romandebüt auf 122 rasant zu lesenden Seiten zum Exzess. Der Plot ist schnell umrissen; es gibt nämlich keinen. Zwar finden sich lose Zusammenhänge, Bruch- und Versatzstücke einer Handlung, zusammengehalten werden die Drogenphantasien und paranoiden Gewalt- und Genitalorgien jedoch nur von Wankos derbem Ton und den grellroten Buchdeckeln. Dazwischen: „Ein mieser Film: Nachdem mir Ken den Arsch fickt, überredet er mich, auf einen Sprung mit in die Bar zu gehen. Er zeigt mich seinen tuntigen Freunden, stolz, frisches Fleisch an Land gezogen zu haben. Was für ein Kerl! Seine Freunde frisst der Neid, was ihn abermals geil auf mich macht. Ich gluckere mir auf seine Kosten einen an, wehrlos lasse ich mich abschleppen. Wie die letzte Schlampe nützt er mich aus, und bearbeitet mich bis in die Morgenstunden. Die Sonne geht auf, die ersten Strahlen fallen auf das rosarote französische Doppelbett, und ich soll ihm noch einen blasen - Jesus, oh Jesus." Ein Fiebertraum, am nächsten Morgen liegt Barbie-Ken tot neben dem Bett. Sein Kopf, fein säuberlich abgetrennt, fehlt. Die Suche nach Kens verlorenem, gestohlen geglaubtem Haupt beginnt. Und das war's auch schon.
Wanko beschränkt sich in seiner Crime-Story auf das, worin er die Essenz von Schundromanen sieht: „Schnell am Anfang ein Verbrechen; Sex, weil Sex ist gut, böse schwarzhaarige Frau, blonde gute Frau, eine gewisse Plattheit halt. Und jedes Kapitel einen Schlusssatz, der zum Weiterlesen lockt." Dieses rohe Gerüst füllt der 32-jährige „Schreibtischtäter" (Selbstdefinition) mit einer Sprache, die ihresgleichen sucht. Expressionistisch-assoziativ, urban, dennoch regional verwurzelt. Ein umgangssprachlicher Innerer Monolog, der ohne Subjekt auskommt. Sein Stakkato-Stil treibt den Lesefluss dermaßen vorwärts, dass es schwer fällt, das eigentlich Beschriebene nicht aus den Augen zu verlieren. „Ich hab' den druckvollsten Roman seit langem geschrieben. Gemacht, was ich kann: Auf 120 Prozent durchfahren. Wie die Musik von No Means No oder Fugazi, da wird nicht viel nach links oder rechts geschaut, aber voll durchgefahren. Be strong, be wrong, aber gib Gas!", erklärt er mit verschmitztem Bruce-Willis-Lächeln. Understatement ist in seiner Welt ein Fremdwort, hat in seinem Image keinen Platz. Wanko ist eine manchmal beeindruckende, manchmal lächerliche, immer selbstgefällige Inszenierung seiner selbst. Im Interview wie bei Lesungen (bei denen er mehr Gschichtln druckt als zu lesen) schimpft er wie ein Rohrspatz. Unmöglich zu unterscheiden, was hier zu der Rolle gehört, die sich der Verfasser von Stücken wie „Who Killed Arnie, eine Polit-Groteske" und „Lipstick Brachial" selbst auf den Leib geschneidert hat - und was zum Schauspieler dahinter. Schweiß, Parfum und eine Prise Rauch Bei Lesungen verschenkt er schon einmal Bücher und Kulis, damit das Publikum mitlesen und Druckfehler korrigieren kann. Ein gemeinsamer Lesechorus: „Sie stellt sich zu mir. Erwartungsgemäß stoßen wir unabsichtlich zusammen, da nur so sich unsere Hände verbinden können. War sie schon immer scharf auf mich - oder ich auf sie? (...) Wir küssen einander. Warme Zungen tasten sich durch die Mäuler, ein Maul schleckt das andere. Ich umarme sie, drücke sie fest an mich, warme Haut. Ein niemals enden wollender Kuss, schlecke im warmen, feuchten Fleisch. Mein Schwanz wird steif, biochemische Abläufe, entrinnen unmöglich. Drehe sie, lege sie über die Sessellehne, beiße in ihren Nacken, hebe den Kneifzangen-Rock, schlecke in Richtung Fotze. Mein Kopf sitzt zwischen ihren Schenkeln fest, lutsche die Klitoris, saure Feuchtigkeit breitet sich über meinem Gesicht aus, ihr Körper zuckt, bohrt ihren Kopf in das Sofa, das Stöhnen nehme ich nur gedämpft wahr. Ich steche zu, Volltreffer! Ein Himmel voller Geigen und Sternen noch dazu. Zwei Körper picken aufeinander, Erschöpfung macht sich breit. Wir verharren einige Minuten in dieser Situation, kein Wort soll gesprochen werden. Umhüllt von Schweiß, Parfum, und einer Prise Rauch. Nur langsam verliert sich der säuerliche Geschmack in meinem Mund." Langsam schließt Wanko sein Büchlein und blickt erwartungsvoll in die Runde. „Himmel voller Geigen ... Das hab' ich aus einer alten &Mac226;Musicbox' von Werner Geier geklaut, gut gelt?" - die rhetorische Frage ans Publikum. Bruch. Vier übrig gebliebene Zuhörer schweigen. Kopfnicken wird keines erwartet. Wozu auch. Wieder wird der Text vergessen gemacht, sein Schöpfer in den Vordergrund gerückt. Vor einen Text, der kurzweilig wie er ist in seiner Trashigkeit zwar gefällt und simpel lustig ist, ohne den realen G. Wanko aber - abgesehen von einigen Höhepunkten - wenig Sex hat. Ein Quickie zwischendurch, den man sich gönnen kann, aber nicht muss. Ein Quickie, der darauf angelegt ist, nicht mehr zu sein als das Selbstexperiment eines bekennenden Ego- und Erotomanen. Sex mit sich selbst und das möglichst vor Publikum. Exhibitionistische Trashprosa für willige Voyeure.Wer sich hinter G-Punkt versteckt? Ein geborener Entertainer; ein Realist: „Wenn's einmal nimma geht, dann weiß ich wenigstens, warum ich beim Billa hackel." Kein Held der ausgefeilten Arbeit, eher ein Antiheld der schnellen Ökonomie der Aufmerksamkeit. Gefickt! Oder: den Durchblick suggerierend.

Martin G. Wankos Roman „Ken. A Crime Story" ist in der Edition Kürbis (http://www.kuerbis.at) erschienen. Lesetermine unter http://www.m-wanko.at.

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