: losers by choice : fetish 69

text: niko alm

Sämtliche Utopien sind abgefrühstückt, auch die Anti-Utopien. Zurück bleibt die herrschende Leere von "Atomized". Christian Fuchs, Head of R&D und Stimme bei Fetish 69, widmet sich weiterhin den Sound für Verlierer.

"Schmücke dich offensiv mit den so genannten negativen Facetten deiner Person und du wirst sie zu emotionalen Waffen gegen deine Umwelt transformieren." Eine derartige Strategie empfiehlt Christian Fuchs für offensiv gelebtes Außenseitertum, der Topos für Fetish 69 schlechthin, eine kontextuelle Spange, die die Band trotz ihrer Heterogenität über die Jahre zusammenhält.
Christian Fuchs hält es nicht nur für das, "Schlüsselthema, um das die meisten Fetish 69-Songs kreisen", sondern bildet daraus ein Leitmotiv für die gesamte Popkultur, die "im besten Sinn überhaupt /immer/ Außenseiterpositionen einnehmen sollte, egal ob ich jetzt dabei an Musik von Radiohead, Björk, Tricky oder Vincent Gallo denke oder an Filme von Todd Solondz, P.T Anderson, Lars von Trier oder Shinya Tsukamoto."
Was sich bei Fetish 69 allerdings seit dem letzten Album Geek (1999) geändert hat, ist die Form der Auseinandersetzung mit dem Thema. Da geht es längst nicht mehr um das Spiel mit außenseiterischen Extremen, mit Serienkillern, Amokläufern oder Radikal-Aktionisten, sondern um eher sehr persönliche Positionen und Alltagsbeobachtungen. "Omega-Tier" könnte die Hymne von jemandem sein, der die derzeit so beliebte Renaissance von Familie-Kinder-Auto-Haus nicht mitmacht, ob freiwillig oder gezwungenerweise, "weil er/sie den Anforderungen der sexuellen Markwirktschaft nicht genügt."
"'Atomized' will eine bestimmte Art von Leere beschreiben, die im Moment zu herrschen scheint. Sämtliche Utopien sind abgefrühstückt, auch die Anti-Utopien. We are all prostitutes, ohne Ausnahme. Es bleibt uns nicht viel mehr als arbeiten und so genannte Freizeit mit Shoppingexkursionen zu füllen, egal ob sich jemand H&M-Klamotten, Indiepop-CDs, Sex oder Ersatz-Intensitäten kauft. Und dieser Zustand verschärft sich, macht Ausbrüche immer unmöglicher. Ich sehe talentierte Freunde dahinhackeln, wo es nur mehr eine Frage der Zeit ist, bis sie völlig abgestumpft resignieren. Und vor allem sehe ich, wie unbeliebt Außenseiterpositionen in dieser hermetischen Maschinerie sind, sieh dir doch Containershows und Popstarmania-Wahlen an: der grinsende Gewinner takes it all. Wir machen dagegen Verlierermusik."
Typologisiert man nach freiwilligen und unfreiwilligen Außenseitern, findet man auch eine Analogie in den Songs von Fetish 69. "Es gibt eine offensive Seite auf dem Album, mit Nummern die wieder im simplen Punkrock-Sinn die Faust ballen, wie 'Cancer Days', 'We are all prostitutes' oder 'All that Sex', ein Electronic-Track, inspiriert von Ulrich Seidls 'Hundstage'. Und es gibt diese melancholische Seite, wie in 'Strain', wo man dazu am besten alleine mit dem Walkman durch die Stadt treibt."

Burn the Past

Mit "Atomized" ist die Umdefinition des Fetish 69 Sounds abgeschlossen. Die emotionale Ebene von damals ist überwunden und nicht mehr rekonstruierbar. Evolution nicht Revolution, die eigene Vergangenheit lebt in Form von Zitaten weiter.
"Entwicklungen passieren halt immer sehr organisch und schwer lenkbar, lassen sich nicht auf dem Reißbrett planen. Manchmal nimmst du eine Kurve und die transportiert dich plötzlich in ganz andere Gefilde. Uns persönlich als Hörer langweilt es enorm, wenn Bands mit einer Art standardisierter Aggression auf der Stelle treten. Als wir zum Beispiel Mitte der Neunziger Sachen wie Massive Attack oder Tricky hörten, war das eine futuristische Dunkelheit, eine subtile Aggression, die sämtliche Industrialbands verstaubt wirken ließ. Und unser Gitarrist Robert und ich hatten auch schon immer ein Herz für bestimmte Balladen im Angelo Badalamenti-Style. Oder Ennio Morricone. Wie der Splatterfilme oder blutige Western mit zärtlichen Tönen untermalte, das hat mehr Wucht als die gesamte Metal- und Industrialgegenwart."
Die Ablehnung der plakativen Wut gipfelt in der zeitweilig verfügten Ablehnung Robert Lepeniks eine verzerrte Gitarre zu spielen. Mittlerweile wird auch live, zwar fein dosiert aber mit umso wirkungsvolleren Ausbrüchen vergangene Aggression inszeniert. Die Wandelbarkeit von Fetish 69 zeigt sich auch in einem innovativen Tourkonzept, das je nach finanzieller Verkraftbarkeit aus der ganzen Band oder einer Christian Fuchs Enhanced Version mit dem befreundeten Dr. Nachtstrom "so eine Art Electropunk-Paket, inklusive Visuals" besteht.
Die /Fetish Army/ war ja in den letzten 10 Jahren immer relativ frei konfigurierbar. Fetish 69, ein Molekül aus Einzelatomen oder der lowest common denominator? "Es ist musikalisch schon die Summe der Teile, aber noch ein entscheidendes Quäntchen mehr. Es gibt einen speziellen Fetish 69-Spirit, das betrifft Musik wie auch Texte. Und: Fetish 69 ist eine ungeheuer strenge Band. Was ich zum Beispiel mit Toxic Lounge gemacht habe oder demnächst mit Bunny Lake - das wäre im Fetish-Kontext nicht denkbar. Und schon gar nicht die superpoppigen Sachen, die Rainer (Binder-Krieglstein, Anm.) so veröffentlicht. Oder auch Roberts (Melville, Anm.) fragile Soundscapes. Fetish 69 muss schon knallen, da kämpfe ich auch dafür."
Dass hier keine Kompromisse eingegangen werden, versteht sich von selbst und Erfolg ist nicht kommerziell definiert. Ein Japan Release hat da mehr Gewicht, "Wir hatten und haben Fans auf der ganzen Welt, es wird halt immer ein sehr spezielles Insiderding bleiben. Die Alternative wäre aber nur die Bandauflösung."

"Atomized“ ist bei Doxa (Trost) erschienen.


: related link :

http://www.fetish69.net