:  brute  :

keine rücksicht auf gänseblümchen

text: thomas weber

Vic Chesnutt + Widespread Panic = Brute

Im Musikhimmel ist genügend Platz für viele Götter. Und wenn Neil Young Gott ist, dann ist Vic Chesnutt zumindest ein Halbgott. Trotzdem scheint den amerikanischen Singer/Songwriter hierzulande immer noch keine Sau zu kennen. Brute, seine Kollaboration mit Widespread Panic, könnte für Vic nun den endgültigen Durchbruch bringen.

Auch wenn Vic Chesnutt seine Songs prinzipiell am liebsten solo als "lonely cowboy" zum besten gibt und direkt auf die Reaktionen des Publikums eingeht, die gemeinsame Vorjahrestour mit CALEXICO und LAMBCHOP hat gezeigt, daß die Nummern im Bandkontext sogar noch gewinnen können. Im Laufe dieser Tour, auf der die Bands und Chesnutt immer wieder gemeinsam auf die Bühne stiegen, hat Vic auch sein Faible für große Bands entdeckt. "Für längere Zeit mit Calexico oder Lambchop zusammen zu arbeiten, kann er sich aber trotzdem nicht vorstellen. Dazu sind sie mir auf Dauer dann doch zu relaxt und laid-back." Dagegen sind die Fünf von Widespread Panic, mit denen sich Vic - laut eigenen Angaben - seit langem auch privat "verdammt gut" versteht. Chesnutt: "Widespread Panic sind eine richtige Rockband. In den letzten Jahren haben sie mehr Konzerte gespielt als irgendeine andere Band die ich kenne. Außerdem kippen sie wahnsinnig aufs Improvisieren `rein. Widespread Panic sind power, so rock!"

Auf Brutes Debüt haben insgesamt neun Menschen (u.a. R.E.M. Roduzent John Keane und Cracker-Mitglied David Lowery) ihre Spuren hinterlassen. Genau darauf bezieht sich auch "Nine High A Pallet", der Albumtitel. "Du mußt Dir vorstellen, daß jeder von uns eine Holzpalette ist. Wenn unsere Band also ein Stapel Paletten ist, dann ist "Nine High A Pallet" genau das Maximum. Man kann maximal neun Paletten übereinander stapeln. Mit der Zehnten fällt das ganze um. Neun Leute können auch an einem Album mitarbeiten", gibt sich Vic überzeugt. Auch wenn er der offizielle Band-Speaker ist, die Entscheidungen trifft die Band gemeinsam. Der Entschluß, für die gemeinsame Arbeit einen eigenen Bandnamen zu verwenden, wurde sogar im Einklang getroffen. Obwohl es in kommerzieller Hinsicht vielleicht vielversprechender gewesen wäre, als Vic Chesnutt & Widespread Panic an die Öffentlichkeit zu gehen. Vic: "Für den Namen haben wir uns erst im Lauf der Aufnahmen entschieden. Einige Zeit war ich im Studio wirklich fertig, weil meine Mutter gerade im Spital im Sterben lag. Da versuchte mich Dave, unser Bassist, aufzubauen. Er meinte: `Dude, play like a brute! Spiel wie ein Viech!´ - Es war hart, aber letztendlich hat es mir geholfen."

Manche Kritiker gehen sogar soweit, das Bandprojekt Brute als Indie-Rock-Version der legendären Kollaboration zwischen Neil Young und Pearl Jam ("Mirrorball" & "Merkin’ball" 1995) zu vergleichen. Ein Umstand, der Vic zwar freut, Größenwahnsinn ist dann aber doch nicht Sache des schmächtigen Spitzbuben. "Woh! Neil Young ist ein Held. Wenn ich da mit ihm verglichen werde, dann ist das schon eine Ehre. Aber letztendlich ist das auch nur ein Vergleich, den sich irgendwelche Musikjournalisten ausgedacht haben um Lesern gewisse Grundhaltungen näher zu bringen." Bei eben diesen Grundhaltungen gäbe es aber durchaus Parallelen zwischen Vic und Neil. Auch die Gewandtheit und Kraft von Vics Stimme ist beeindruckend. Unter anderem deshalb, weil er seit seinem 18. Lebensjahr im Rollstuhl sitzt. Von einem "Gefesseltsein" an ebendiesen kann aber keine Rede sein. Der beste Beweis dafür sind Vics Songs. In ihnen mischt er Melancholie mit schier unbändiger Lebensfreude, Zynismus und oft auch derbem Humor. Partytauglich sind auch Brute-Songs zumeist nicht. Nicht etwa fehlende Melodien sind das diesbezüglich größte Hemmnis, sondern der enorme Variationsreichtum innerhalb der meisten Songs ist es, der allzu oberflächliche Partyhörer einfach überfordern würde. Für offene Hörer macht diese Vielseitigkeit die Songs aber umso spannender. Das Spektrum von "Nine High A Pallet" reicht von melodiösem Indie-Pop über richtige Rock-Kracher bis zu eingängigem Groove. Die Zweitversion von "Blight" zum Beispiel kommt ohne weiteres an Lambchops wunderbare Coverversion des alten Curtis Mayfield-Hits "Give me your Love" heran. Vic führt das auf zwei Dinge zurück. Erstens auf die fabelhaften Musiker die er mit Widespread Panic gefunden hat. Und zweitens auf seine Stimme. Über das Geheimnis dieser Stimme hat er sich in Interviews bereits des öfteren geäußert. Es ist diese besondere Mischung: "half weed, half tobaccoo"