text: florian bauer

: chumbawamba sind zurück :

Im April veröffentlichen die brittischen Anarcho-Popper ihr neues Album "WYSIWYG" (EMI). Schon jetzt standen Sänger Dunstan Bruce und Trompeterin Jude Abott für Interviews zur Verfügung. Florian Bauer protokollierte den Round Table in jenem Hotel in dem Jörg Haider seinen Rücktritt erklärt hat.

Das neue Album klingt wie ein Konzept-Album, fast wie ein Musical. Was steckt da dahinter?

Dunstan Bruce: Als wir angefangen haben, zu diskutieren was wir für das neue Album machen sollen, war gerade überall das große Ding "Ende des Jahrtausends", "Neues Millennium" und so. Um ehrlich zu sein, ist uns das ziemlich auf die Nerven gegangen, dass da soviel Gerede drum war. Also haben wir gesagt, machen wir ein Album, das nicht nur unsere Erfahrungen der letzten zwei Jahre, das letzte Album und rund um die Welt zu touren und so – mitzubekommen was in anderen Ländern abgeht, die Gleichheiten und die Unterschiede in den Ländern, einfach die neuen Erfahrungen, die wir gemacht haben, reflektiert, sondern auch wie wir die Welt am Jahrtausendwechsel sehen. Wir haben ein Album gemacht, das aus vielen verschiedenen Songs, Stilen und Ideen besteht. Viele Soundbytes, Slogans, Dinge die wir aus Werbespots und Schlagwörtern und so entlehnt haben. Wir haben versucht ein Bombardement aus verschiedenen Ideen und Bildern zu kreieren, wie wenn du dich durch die verschiedenen Fernseh-Kanäle klickst.
Jude Abbot: Es ist ein bisschen wie eine Collage, viele verschiedene Teile, die wir zu einem Ganzen zusammengeklebt haben. Interessanterweise war die Aufnahme, der kürzeste Teil des ganzen Prozesses. Wir haben zuerst lange darüber geredet, was wir auf der neuen Platte machen wollen. Welche Richtung wir einschlagen sollen, musikalisch, textlich usw. Wie haben viele Band-Meetings in Chumbawamba und wir haben einen sehr organisierten Zeitplan. Und ganz unten stand das neue Album. Als wir an diesem Punkt angelangt waren, waren wir sehr erschöpft, weil der ganze Diskussions-Prozess länger gedauert hat, als der Aufnahme-Prozess.
Dunstan Bruce: Wir wollten auf dem Album nicht einen Stil haben, oder ein paar gute Singles und der Rest ist ok, wir wollten ein Ganzes haben, eine Art Konzept-Album. Wir haben angefangen mit Soundybtes und Slogans und haben die dann mit verschiedenen musikalischen Stilen kombiniert. Da kommt dann ein Album heraus, das sehr süß klingt und harmlos, das aber sehr traurige und anstößige Texte hat.

Musikalisch klingt das Ganze sehr nach 60-ies.

Jude Abbot: Teile davon klingen sehr nach 60-ies, aber da ist auch viel 70-ies und Disco-Funk und andere Einflüsse drinnen. Wir mögen einfach Pop-Musik und verwenden das, was uns gefällt und probieren etwas das wie Mamas & Papas oder Beach Boys klingt.
Dunstan Bruce: Das wird man uns immer vorwerfen, weil wir 3-fach Harmonien verwenden, was sehr wenige Bands machen. Aber was wir auf diesem Album auf jeden Fall vermeiden wollten, ist ein Album zu machen, das genau wie das letzte klingt. So viele Bands machen das, die haben ein erfolgreiches Album und der Nachfolger klingt dann genauso, vielleicht mit ein bisschen mehr Geld produziert. Wir haben uns immer gedacht, alles was wir machen muss anders sein, als das was wir zuletzt gemacht haben. Das war einer der Hauptpunkte. Wir haben viele Demos nur für uns aufgenommen, die wir dann nicht genommen haben weil sie zu sehr wie das Tubthumper-Album geklungen haben.

Eine Interpretation des neuen Albums wäre, dass ihr die Pop-Kultur oder Spaß-Kultur mit ihren eigenen Waffen schlagen wollt.

Dunstan Bruce: Ja, wir stürzen vieles um, in dem wir es auf dem Kopf stellen und aus dem Zusammenhang reißen, die Slogans der Microsoft-Werbung etwa, und damit die Bedeutung verändern. Wir sind so von Werbung und Werbeslogans besessen, die überhaupt nichts bedeuten. Wie "Just Do It", oder "Today is one day". Ja, und?! Wir nehmen solche Slogans und spielen damit. Auf jeder Hauptstraße auf der ganzen Welt findest du überall die gleichen Dinge, die wir alle gemeinsam haben, McDonalds, die gleiche Musik, die aus den Geschäften kommt, das ist eben die Globalisierung.

Ein Thema, das in vielen Songs auf der Platte vorkommt, ist die Vermischung von Werbung und Unterhaltung. Das ist aber alles aus einer Gruppenperspektive geschrieben nur "New York Mining Disaster", die Bee Gees Cover-Version ist aus dem Blickwinkel der Einzelperson. Wie seid ihr darauf gekommen.

Dunstan Bruce: Es gibt einfach so wenige Songs derzeit, die eine politische Message haben, dass wir sehr aufgeregt waren einen Songs zu finden, der wirklich etwas zu sagen hat, noch dazu wenn es ein Bee Gees Songs ist, was noch unglaublicher ist. Wir wollten außerdem etwas tun, was niemand erwartet, weil niemand erwartet, dass wir die Bee Gees covern, die Leute erwarten vielleicht, dass wir einen Folk-Song machen, mit einer offensichtlichen politischen Message.

Ist es wahr, dass ihr "Enough Is Enough" für den österreichischen Markt wiederveröffentlicht?

Dunstan Bruce: Ja, wir versuchen es! Ein upgedatete Version, wir verändern den Text ein bisschen. Ich glaube, das wäre eine ziemlich nützliche Sache im Moment.
Jude Abbot: Wir spielen "Enough Is "Enough" auch in einem Live-Set, also wäre es vielleicht eine gute Idee, das in Österreich zu veröffentlichen.

Was ist euer Eindruck von Österreich? Glaubt ihr, dass wir alles Nazis sind und jetzt endlich die Regierung haben, die wir verdienen?

(lachen)
Jude Abbot:
Nein, das wäre viel zu vereinfacht. Wir müssen uns ja nur die vielen Proteste anschauen, um zu sehen, dass das nicht die Regierung ist, die ihr verdient.
Dunstan Bruce: Es ist viel zu komplex, als es mit so einer so Aussage zu erklären. Es ist ja global gesehen eine Bewegung nach rechts zu beobachten. Wenn man nach England schaut, das ja eigentlich eine "linke" Regierung haben sollte, wenn man sich die Politik anschaut, vieles davon ist sehr rechts. Wir haben ja die selbe Diskussion über Ausländer und Jobs und so. Was Haider sagt, ist ja nicht unbedingt etwas Neues. Auf was die Leute hineinfallen, das sind ja keine neuen Ideen, Politiker auf der ganzen Welt tun das.

Ist ja auch keine Überraschung, wenn sich Jörg Haider öfter mit Tony Blair vergleicht.

Dunstan Bruce:
Tut er das?!
Jude Abbot: Das ist interessant! Aber da kommt offensichtlich ein Trend von Amerika jetzt auch zu uns. Diese jungen, ein bisschen besser aussehenden, bisschen TV-freundlicheren Politiker. Weil heute die Fähigkeit, die Medien zu manipulieren, einfach wichtiger ist, als alle politischen Ideen. Wir haben Tony Blair, ihr habt Jörg Haider, dann ist Schröder in Deutschland und Clinton in den Staaten. Da geht’s mehr darum, die Leute mit ihrer Persönlichkeit zu verführen, als mit ihren Ideen.
Dunstan Bruce: Jemand hat gesagt, wenn Jean-Marie LePen 20 Jahre jünger und gutaussehender wäre, wäre er auch erfolgreicher in Frankreich. Das ist beängstigend, dass es nur mehr ums Image geht.
Jude Abbot: Ein Grund ist auch, dass die Leute einfach unzufrieden sind. England hatte auch 18 Jahre eine konservative Regierung bis die Labour Party an die Macht kam. Da war dann die große Euphorie, bis die Leute realisierten, dass das jetzt einfach dasselbe ist, nur unter einer anderen Flagge. Und Jörg Haider nützt die Unkzufriedenheit sehr clever aus.
Dunstan Bruce: Und das ist auch das Beängstigende wie die Demokratie funktioniert. Haider hat ja nur 27% bekommen hat und 73 % haben ihn also nicht gewählt, das ist ja eine riesige Mehrheit, die ihn nicht wollte.

Das ist interessant, das von einem Künstler zu hören, denn mittlerweile sagen ja viele, sie spielen aus politischen Gründen nicht in Österreich.

Dunstan Bruce: Ja, leider. Wir arrangieren z.B. einen speziellen Gig in Linz und spielen wahrscheinlich am Donauinselfest. Das ist zwar ein bisschen komisch, weil das ein Festival ist, das mit der SPÖ verbunden wird. Wenn das in England wäre, ein Labour-Festival, würden wir keinesfalls in die Nähe kommen, wir würden eine Gegenveranstaltung machen. Aber die Umstände sind einfach anders. Dieses ganze Boykott von manchen Bands ist ja ein bisschen seltsam, weil es gibt ja kein kulturelles Boykott, niemand sagt, geht nicht nach Österreich. Ich glaube, dass es sehr wichtig ist, speziell für eine Band wie uns, dass wir hier spielen und unsere Solidarität zeigen.

Weil wir vorher über "Enough Is Enough" gesprochen haben und die Änderung im Text. Verändert ihr den "Give the fascist man a gunshot"-Teil auch?

Jude Abbot:
Nein, das bleibt.

Wir haben gerade eine große Diskussion in Österreich, weil zwei Kabarettisten in einem Interview gemeint haben, jemand sollte Haider umbringen und das war ein Riesenskandal.

Dunstan Bruce: (lachen) Das ist großartig! Nein, diesen Teil wollen wir nicht verändern.

Warum habt ihr diese langen Liner-Notes in euren Heften?

Dunstan Bruce:
Das ist ja auf jedem Album. Ich denke, es ist wirklich gut, die Songs in einen größeren Zusammenhang zu stellen, zu erklären, um was es geht.

Was glaubt ihr, sollten die Österreicher jetzt tun? Irgendwelche Empfehlungen?

(lachen)
Jude Abbot:
Wir sind doch nur eine Pop-Band!
Dunstan Bruce: Ihr könnt eh nichts anderes tun, als weiterzudemonstrieren und zu zeigen, dass die Leute unglücklich damit sind, was passiert. Es ist ein bisschen verrückt, wir haben vor nicht allzu langer Zeit ein paar Wochen in Deutschland verbracht und unser Eindruck war, dass dort eine absolute Flaute herrscht, was politisches Interesse angeht. Ich erinnere mich an Deutschland in den 80-ern und frühen 90-ern, da war wirklich viel los. Und wenn wir jetzt nach Österreich kommen, ist ganz klar, dass hier ein Aufwind herrscht, was politisches Gewissen oder Aktivität angeht.

Stört euch eigentlich das Image, das ihr habt, dass ihr eine politische Band seid? Ich stelle mir das sehr nervtötend vor, immer nur darauf angesprochen zu werden.

Dunstan Bruce:
Nein, nie! Es stört uns überhaupt nicht, darauf angesprochen zu werden, weil wir das ja sind. Es gibt natürlich Zeiten, wo wir uns denken, wäre es nicht nett, jetzt über die Akkorde in dem und dem Song zu sprechen, aber meistens geht es doch bei den Interviews nur darum, wie viel Drogen eine Band jetzt nimmt. Wenn man den NME nimmt, gibt es dort nur einen oder zwei Journalisten, die auf wirkliche Information aus sind. Der Rest ist zu vergessen, da geht es nur um Lifestyle.

Ihr habt ja einen neuen Bassisten. Hat das die Chemie in der Band verändert?

Dunstan Bruce: Nein, überhaupt nicht. Neil Ferguson hat ja schon so lange mit uns zusammengearbeitet, er ist langsam mit uns verschmolzen. Neil war schon immer im Studio als wir unsere ersten Platten aufgenommen haben und hat schon Jahre lang auf unseren Alben gespielt. Das war also überhaupt kein Problem.

Was mögt ihr an der Pop-Musik. Welche Musik hört ihr?

Dunstan Bruce: Ich liebe Tom Waits, er schreibt fantastische Songs. Beck ist ein fantastischer Performer, er ist brillant, ich liebe seine Platten. Das neue Primal Scream-Album ist großartig. Das neue Moby-Album, obwohl man andauernd Werbespots mit Moby-Songs sieht, aber die Platte ist gut. Ich mag aber auch Zeug wie die Smiths oder Clash. Unsere musikalischen Geschmäcker sind überhaupt nicht über den politischen Inhalt definiert.

Gibt es irgendjemand mit dem ihr gerne zusammenarbeiten würdet?

Dunstan Bruce: Zusammenarbeiten weiß ich nicht, aber es gibt ja ein paar Bands die einen ähnlichen Zugang haben wie wir, was jetzt Musik und so angeht. Beck z.B., obwohl der nicht in einer Million Jahren mit uns zusammenarbeiten würde. Die Art wie er verschiedene Stile zusammenschweißt, die man ja an seinen Einflüssen sieht, sei das jetzt Bluegrass, Country oder Hip Hop, die bringt er alle zusammen und macht daraus Musik, die eindeutig Beck ist. Chumbawamba macht das recht ähnlich, wir haben auch diese vielen verschiedenen Stile, die wir zusammenwerden. Wenn man einen Chumbawamba-Song hört, weiß man, glaub ich auch, dass das Chumbawamba ist, da ist schon Ähnlichkeit da. Oder Cornershop. Die schmelzen auch verschiedene Stile zusammen, in einer sehr ähnlichen Art. Mit denen würden wir auch gerne zusammenarbeiten. Ein paar Bands wie die Oysterband oder Credit To The Nation gibt’s ja, die mit uns was tun wollen und das ehrt uns auch, aber in England herrscht ein großes Misstrauen gegenüber Chumbawamba. Wir sind da irgendwie in einem Limbo, ganz auf uns allein gestellt.

Glaubst du, dass ihr eine erzieherische Rolle für eure jüngeren Hörer habt?

Dunstan Bruce: Nicht unbedingt erzieherisch, aber wie wir als Leute sind. Ich habe auch angefangen mich für Politik interessieren, indem ich Bands gehört habe, die was zu sagen haben, oder die in Rock Against Rascism oder Anti Nazi League involviert waren. Ich dachte, diese Band sind wirklich cool und sie sind auch noch in so was engagiert, das hat mir gefallen.


Während vor dem Fenster eine Demonstration vorbeizieht, neigt sich ein sehr interessante Gespräch dem Ende zu. Die beiden sympathischen Musiker machen sich langsam auf den Weg zu den nächste Interviews und es ist zu merken, dass sie der Erfolg des "Tubthumper"-Albums doch freut, obwohl sie sich so lange der Marketing-Maschinerie verweigert haben. Jetzt sind sie zwar ein Teil dessen, sie sparen aber trotzdem nicht mit deftigen Aussagen und tollen Ansichten. Eine starke Band.