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Rock-Puristen aus Florida: ignorant, jung und erfolgreich

Kein Sex, keine Drogen - dafür Rock´n`Roll

text: thomas weber

Obwohl ihr Debütalbum "My Own Prison" Creed in Amerika mittlerweile an die sieben Mal Platin eingebracht haben dürfte und die vier ambitionierten Rock-Gläubigen mit "Human Clay" bereits den Nachfolger fertig auf Band haben, scheint sie in Europa vergleichsweise immer noch keine Sau zu kennen. Nach diesem Sommer könnte die Sache aber - rechtzeitig zum Veröffentlichungstermin des neuen Albums - schon ganz anders aussehen, denn Creed nützen gerade den Sommer um exzessivst durch die alte Welt zu touren. Halt machten sie auch auf dem Forestglade-Festival, wo WELLBUILT kurz vor ihrem Auftritt mit Sänger Scott Philipps und Gitarrist Mark Tremonti plauderte, die gnadenlose Hitze aber die Kassette im Aufnahmegerät verschmelzen ließ.... ... ein überarbeitetes Gedächtnisprotokoll von Thomas Weber

Creeds Hintergrund könnte man den klassisch amerikanischen Rock-Background nennen. Sänger Scott witzelt, daß Gitarrist Mark gerade über Telefon Kirk Hammet (Gitarrist von Metallica, Anm.) ein paar Griffe auf der Gitarre erklärt habe und Mark selbst macht keinen Hehl aus seiner Abneigung gegenüber jeglicher elektronisch beeinflußter Musik. Vor allem die europäischen Medien scheinen sich nicht so ganz sicher (und vor allem nicht einig) zu sein, was sie mit einer Band wie Creed (übersetzt in etwa: Glaubensbekenntnis) anfangen sollen.
Werden Creed von den einen als lang erwartete Grunge-Nachfolger und als wunderbar unzeitgemäß abgefeiert, will anderen allein der Bandname nicht einmal über die Lippen kommen. Die Band rund um den charismatischen Sänger Scott, der - laut eigenen Angaben - aus einer ultra-ultra-konservativen Familie kommt und mit siebzehn von zu Hause ausziehen mußte, weil sein Vater E-Gitarren für ein "Instrument des Teufels" hielt, diese Band hat den Heiligenschein zweifellos nicht so ganz abschütteln können. Wahrscheinlich wollte sie das auch nie. Creeds musikalische Mischung aus Pearl Jam, Hootie and The Blowfisch und stimmungsmäßig (Möchtegern-) Life Of Agony dürfte amerikanischen (wahrscheinlich größtenteils weißen) Eltern vor allem deshalb kein Dorn in den Augen sein, weil ihre Teenies wenn sie Creed hören nicht Marilyn Manson oder Korn hören.

Musikalisch kann man Creed wirklich nichts anhaben; am ehesten vielleicht noch Plagiatismus. Würden sie nur nicht so unglaublich ignorant und engstirnig jeglichen elektronischen Einfluß auf ihre Musik ablehnen und abstreiten, denn auch der aalglatte Sound von "My Own Prison" läßt vermuten, daß bei der Produktion dieses Albums eine ganze Menge Elektronik mit im Spiel gewesen ist - und bei "Human Clay" wird es wohl nicht viel anders sein. Als zum Teil auch von amerikanischen Medien viel gescholtene Band, haben sich Creed
von ihrer Plattenfirma eine eigene Internet-Base einrichten lassen, die von ihren Fans auch wirklich genützt wird: mehr als 50.000 (fünfzigtausend!!) Besucher wählen wöchentlich www.creednet.com an. Selbst haben sie von ihrer Homepage wenig bis gar keine Ahnung (auch wenn sie sich natürlich über die gigantische Zugriffszahl freuen), was darauf schließen läßt, daß - sollten Creed einmal wegen stagnierender Verkaufszahlen von ihrer Plattenfirma fallen gelassen werden - daß dann auch ihre Homepage nicht mehr weiter betrieben wird. Daran verschwenden Creed momentan aber keinen Gedanken. Statt dessen feiern sie ihren Erfolg bei Tee und Kuchen.

Das neue Album von Creed ("Human Clay") erscheint voraussichtlich am 28 September.