: egoexpress :

text: michael koscher

Egoexpress sind zwei nette Menschen aus Hamburg, die mit dem Zug nach Wien reisen, um ihr neues Album "Bieker" den Besuchern des Wiener Flex vorzustellen. Michael Koscher traf die beiden sympathischen Housemusikanten inmitten der stressigen Vorbereitungen zum Soft Egg Café:

"Bieker ist eine Figur aus der Muppet-Show. Dr. Honigtauer-Bunsenbrenner hat so ein Versuchskaninchen, eine Puppe, die sich nicht so richtig artikulieren kann. An diesem Vieh werden Experimente gemacht und sie mißlingen meistens. Das haben wir als Metapher genommen für das ganze Album: Kreaturen im Popzusammenhang." Obwohl müde und vielleicht auch von den rigorosen Drogenkontrollen im Zug (fünf Stunden Aufenthalt) geschwächt, erscheinen Merse und Jimmi keineswegs wie Kreaturen im Popzusammenhang. Die Kreatur, die das Album wohl darstellen soll, erweist sich doch als eine vielseitige. "Ich weiß nicht, ob wir experimentelle Musik machen, vielleicht leisten wir experimentelle Ansätze; aber in erster Linie machen wir relativ funktionale, straighte Tanzmusik, würde ich sagen – immer das gleiche Prinzip: bassdrum und hihat oben drauf." Aus eben dieser Tanzmusik auf dem neuen Album sticht natürlich die Single "Weiter" heraus, die obenauf noch die Stimme von Dirk von Lowtzow als prägendes Charakteristikum enthält. "Das hat Dirk sich ausgedacht. Wir haben ihn eingeladen ins Studio. Wir hatten das Lied und haben gedacht, das wäre geil, wenn Dirk da ‘mal so draufsingt. Wir kennen ihn auch privat ganz gut und haben ihn gefragt, ob er nicht ‘mal vorbeikommen möchte, richtig ein paar geile vocals draufflashen auf den Kack. Und dazu hat er sich so was ausgedacht. Ein bißchen abstrakt; melancholisch find ich’s auch ein bißchen. Der Satz, wenn man ihn so hört, klingt sehr straight, andererseits - im Zusammenhang - find ich ihn auch sehr poetisch. Auch in der Musik hat er so eine Wirkung." Eine Wirkung, die bei "Foxy" vielleicht noch nicht so ganz erzielt wurde. "Foxy war sehr straight. Die bassdrum war lauter. Ich denke, "Bieker" ist ein bißchen clubkompatibler. Es ist sehr viel erwachsener als die vorigen Veröffentlichungen und auch ernster. Also: so ein bißchen der Humor, der auf "Foxy" zu hören war, ist verlorengegangen. Aber es ist trotzdem nicht ungeiler, ein bißchen poppiger vielleicht, bißchen mehr Einflüsse drauf, ein bißchen mehr Elektrostücke ohne viel bassdrum oder ganz klare Rockeinflüsse; auch bei manchen Stücken insgesamt vielleicht ein bißchen poppiger, konventioneller: Schon von der Herangehensweise anders. Es gibt ja klarere Grundideen, die man da ausgearbeitet hat. Mit Ausnahme von "Weiter" gibt es kein Discostück, was ziemlich französisch gefärbt wäre. Es ist alles ein bißchen minimaler geworden. Wir wollten es auch ein bißchen minimaler haben. Wir wollten einfach auch bestimmte Arrangements und Spannungsbögen veranlaßt aufbauen - also nicht immer auf den flash bassdrum raus und wieder rein, sondern ein paar Stücke dabeihaben mit einem flow eigentlich. Das war, glaube ich, auch wichtig so. Und ganz bewußt haben wir in so ein elektronisches Housegebilde abstrakte Songstrukturen gearbeitet: Bei "Weiter" gibt es so eine Art Strophe und bei "Here comes the night" auch.
Text gibt es mehr als auf der ersten Platte. "Warum wir selten Text benutzen? Weil wir nichts zu sagen haben.Wir sind apolitische Clubmenschen. Das war jetzt ein Witz. Wir haben sicherlich dieses Bewußtsein, aber wir sind jetzt beide nicht die großen Texter und finden es auch so sehr geil. Mir reicht das halt; ich muß nicht unbedingt Text haben, aber ich find es auch wichtig, daß es auf dem Album leichte Textfragmente gibt. Das meiste davon sind keine vocal samples, das sing ich. So in dem Stadium – das Stück ist fertig, wo man denkt, irgendwas könnte man noch gebrauchen an vocals; aber nur ganz wenig, was ganz Klares, Reines." Eine Prise? "Aber nur so ein bißchen."
Das Plattencover des neuen Albums zeigt zwei Leute, die kommen und dann kommt der Bass aus den Boxen und es fetzt. "Es ist ziemlich dunkel, nächtlich und ein bißchen strange: Des Nachts auf einem See mit einem Sportmobil ‘rumfahren. Das ist die Grundstimmung der Platte: Ganz stumpf, einfach so visuell, ein ganz bißchen bitter, melancholisch, aber trotzdem noch ansprechend." "Gothicmäßig, gruftimäßig. Stahlsounds. Deutschen Stahlsound soll das darstellen. So rammsteinmäßig." "Rammstein ist richtig Scheiße, finde ich. Sollen zur Hölle fahren die Arschlöcher." "Aber die Texte sind gut." "Findest du?"
Daß sich Mense und Jimmi wie gerade eben nicht immer einig sind und das vielleicht auch das kreative Streitpotential von Egoexpress darstellt, zeigt auch folgendes: "Diese Popsender die kann man ja immer nur so maximal drei Stunden, wenn man zuhause was zu tun hat, allerallerhöchstens vier Stunden hören. Dann fängt die Rotationsschleife von vorne an. Das geht dann nicht mehr." "Wer hört schon vier Stunden Radio?" "Na ich!"
Gefragt nach einer Szene in Hamburg erörten mir Mense und Jimmi, daß alles, was ich aus Zeitschriften, Fernsehen, Radio gehört habe, nichts als blanker Schwachsinn war: "Es ist eine super Zusammenarbeit in der Szene. Alle hängen immer gemeinsam im Pudelclub ‘rum." "Vetternwirtschaft." "Es wird gesoffen, die Typen sind alle total drauf. Am Wochenende geht das dermaßen ab." "Alle auf Heroin. Jimmy ist auch gerade raus." "Trotzdem geh ich da noch hin - zur Therapie." "Alles totaler Wahnsinn: Während sie immer so nackt auf dem Tisch tanzen, reißen sie sich vor Geilheit und Angeflashtheit die Kleider vom Leib und drehen total ab. Super Zusammenhalt und tolle Typen." "Gute Stimmung – immer! Dann kommen die HipHopper vorbei, stehen auf der Bushaltestelle und kucken so traurig rein in den Laden. Sie sind ein bißchen aus der Form, ich finde das ein bißchen schade. Man sollte sie besser integrieren." "Die machen ja jetzt alle HipHop, die alten Bands. Blumfeld heißen EinsZwo jetzt, Sterne Absolute Beginners – extremes Styling, Veränderung jetzt: Spilker blond gefärbte Haare, perfektes Lifting."
Übrigens begibt sich Mense mit seinen (HipHop?)Kollegen von Stella zur Zeit des öfteren ins Studio. "Das neue Album wollen wir im nächsten Monat fertig haben. Rauskommen soll es im Juli. Es gibt ein bißchen mehr elektronische Musik, also nicht unbedingt elektronische Tanzmusik; Popmusik, die vom Elektronischen im Gesamten beeinflußt ist. Neue Einflüsse sind auf der einen Seite 70er-Hardrock und andererseits amerikanischer R&B. So zickige, schnelle Wave-Stücke, aber auch nicht mehr ganz so Trashiges soll es geben. Liebeslieder haben wir auch mittlerweile."
Bleibt zu hoffen, daß das kreative Potential in diesem Hamburger Exzess- und Drogensumpf erhalten bleibt.