wehmut, die gut tut : fink :

text + interview: thomas weber

Wer sich einmal wirklich für Fink Zeit genommen hat, der wird ihre Musik, nein, nicht lieben, aber dafür schätzen lernen. Wer sich noch nicht für Fink Zeit genommen hat, der sollte das zumindest einmal tun, sich dabei aber keine Gassenhauer erwarten... ... sondern sich statt dessen über Sven Regener (Element Of Crime) an der Trompete freuen.

"... und zum Abendmahl gab es kaltes Huhn

ich wünschte nur sie hätte sich nicht

meinen Namen in ihren Arm eingeritzt..."

Wunderbare Popmusik? Keine Frage. Es gibt wunderbare Popmusik. Das wissen auch Fink. Und trotzdem heißen Fink Fink und nicht Pfau. Oder Goldfasan. Fink könnten genauso gut Sperling heißen. Aber sicher nicht Rattlesnake. Die vier Hamburger demonstrieren seit genau drei Platten und ziemlich genau fünf Jahren den Unterschied zwischen Rock- und Popmusik. Und Fink machen eindeutig Rockmusik. Das heißt, eigentlich machen sie ja Country, nur engt dieser Begriff zu sehr ein. Irgendwo im Spektum zwischen Calexico, Lambchop und Element Of Crime legen Fink mit ihrer neuen Platte "Mondscheiner" ein schönes Bekenntnis zum Alltag ab. Wunderbar ist diese Platte nicht, das wäre dann schon wieder Popmusik. Und Glam- und Showfetischisten werden mit Fink wenig Freude haben. Denn Fink wagen sich an eines der wohl schwierigsten und bei vielen anderen Bands von Vornherein zum Scheitern verurteilten Unterfangen heran: den Versuch Wirklichkeit abzubilden; wohlgemerkt Wirklichkeit und nicht die Wirklichkeit. Dementsprechend viele Protagonisten läßt Texter Nils Koppruch in den dreizehn neuen Nummern zu Wort kommen, "Protagonisten, die genügend Rückschlüsse möglich machen, bei denen sich jeder fragen kann: Wo sind die Bruchstellen? Was paßt da jetzt wo nicht mehr?"

Vielseitiges Songwriting: "Superunterschiedliche Sachen" nehmen auf Koppruchs Songwriting Einfluß. "Angefangen von Tageszeitungen eigentlich fast alles." Trotzdem nennt Nils, der nicht nur textet und singt, sondern auch Banjo, Westerngitarre und Mundharmonika spielt, ein "Reclam-Heftchen von ETA Hoffmann" als besonders inspirierenden Leitfaden: "Des Vetters Eckfenster".

Der Romantiker beschreibt darin "zwei Leute die vor einem Fenster sitzen. Einer beschreibt dem anderen was er unten auf dem Marktplatz sieht. Anschließend erzählt er ihm dasselbe noch einmal — nur diesmal ganz anders. Auch darin geht es um Wirklichkeit, nicht darum was wahrhaftig dort auf dem Marktplatz ist, sondern darum, was wir als Rezipienten sehen. Der eine Vetter geht der grundlegenden Frage nach den Parametern in denen wir uns bewegen nach... Nur klingt das jetzt schon wieder viel zu intellektuell. Schließlich machen wir ja nur Rockmusik!"

Repetativer Flow: Auch im Vergleich zu "Loch in der Welt" (1998) haben sich Fink weit vom Format Popsong entfernt. Das Leben ist nun einmal kein Hit. Noch weniger der Alltag. Und daß sie mit Idylle wenig am Hut haben und auch dieses Wenige nur vordergründig, das haben sie bereits auf ihren beiden bisherigen Alben und ihrer Tour mit Element Of Crime eindrucksvoll bewiesen. Die beiden Bands haben laut Koppruch vor allem das "Volkstümliche, nicht Akademische" gemeinsam.

Apropos volkstümlich: eine der neuen Nummern ("daß sie weiß") klingt stark wie traditionelle österreichische Schrammel-Musik. Davon hat Koppruch zwar noch nichts gehört, aber nach kurzem Nachfragen kann er sich an die Filmmusik zu "Der dritte Mann" erinnern. Koppruch: "Unser Ausgangspunkt ist eigentlich nach wie vor Country-Musik. Wobei, das kommt ja ursprünglich alles aus Europa. Das Lied das du ansprichst geht meines Erachtens doch eher in Richtung Mariacchi. Aber warte einmal, waren die Österreicher nicht irgendwann einmal in Mexiko?"

Bewirf die Welt mit Hühnerknochen! "Mondscheiner" bringt viele Gedanken ins Spiel. Gedanken, die ansatzweise wahrscheinlich jeder schon einmal hatte. Auch Fink denken sie nicht unbedingt zu Ende, nur weiter als der Großteil. Fink sind wie ein Abend mit Mineralwasser, beleben und lähmen die Sinne zugleich. Manchmal braucht man das. Wirklich.