:  it's an hypnotic song - you can close your eyes :

text: thomas weber

Das ausverkaufte Hanappi-Stadion dampfte. Die tausenden Fans gröhlten euphorisiert und machten sich auf in die Nacht, jeder für sich - mit einem seligen Grinsen auf den Lippen. Wären Ming imstande, mit ihrer Musik Stadien zu füllen, dann müsste man diesen Satz nicht im Konjunktiv schreiben und die ersten beiden Sätze nicht kursiv setzen. Unverdienterweise wäre das belgische Duo bei ihrem Wien-Auftritt aber imstande gewesen, die zahlenden Gäste auf allen vier Händen abzuzählen. Doch Erfolg lässt sich schwer messen. Und für Musiker gibt es wohl kaum etwas Schöneres als wenn das Publikum auch nach der dritten Zugabe nicht und nicht aufhören will zu applaudieren. So gesehen, darf man annehmen, dass nicht nur die nunmehrigen Fans, sondern auch die beiden Ming-Masterminds Frederique und Nicolas den Abschluss-Gig ihrer ersten Tour nicht so schnell vergessen werden...
Ming macht süchtig, auch auf Platte. Denn im Gegensatz zu Stereo Total, mit denen die Band immer wieder verglichen wird, dominieren bei Ming die relaxten, stressfreien Parts. Französischsprachiger Elektropop, zumeist nett und verspielt, zwischendurch aber immer wieder einmal schrecklich ernüchternd. Ungefähr so, wie wenn beim Kuscheln in Plüschfellen Gedanken an Hausstaubmilben auftauchen. Ein kurzes psychosomatisches Kitzeln in der Nase und aus. Allergien sind dabei aber wohl nicht auszuschließen. Vorzugsweise Rockisten werden bei ihrer Mischung aus Chansons, Beats, Loops und Samples die Nasen rümpfen.
Live funktioniert das Konzept Ming noch um einiges besser als im Studio. Die Beiden arbeiten harmonisch zusammen, wechseln einander ab und scheitern nicht an der vermeintlichen elektronischen Statik. Noch bevor Nicolas sein schüchternes "Merci" ins Publikum lässt, tanzt sich Frederique in den Hintergrund. "Merci", Applaus – Frederique bastelt inzwischen an den Reglern und wechselt das DAT. "This is an hypnotic song – you can close your eyes," rät Nicolas und beide legen am Keyboard los. Kaum zu glauben, dass die beiden eigentlich aus der Indie-Rock-Gegend kommen. Diese Zeiten aber gehören der Vergangenheit an. "For me rock’n’roll is over," stellt der schlacksige Belgier klar. Keine Spur von Trauer, Ming glauben an die Zukunft. "We like the idea of pop music. That’s what everyone can understand, really everyone. And with rock music it’s quite the opposite," meint Frederique, die versucht die Idee hinter Ming auf den Punkt zu bringen. "Rock’n’roll is something for men with big tattoos. I like it when girls are singing," ergänzt Nicolas mit seiner Sicht der Dinge. Das Publikum dürfte das ähnlich sehen, zumindest wenn es sich bei einem der "girls" um Frederique handelt.
Das Konzert geht seinem Ende entgegen. Das Finale Grande aber steht noch bevor. Eine kurze Pause in der Frederique und Nicolas ihr Gazou, ein traditionelles belgisches Blasinstrument, holen, vergleichbar mit dem Mundstück einer Trompete. Ein langsamer Beat wird lauter, gemeinsam setzen sie ein, improvisieren sich trötend außer Atem. Dann, the beat goes leise on, ein "Merci!", ein "Danke-jeunne!" und schier endloser Applaus. Ming haben Charme. Honoriert das gefälligst!

neues album: miso mix (www.doxa.de)