"Weil mein Engagement im Integrationshaus ist ja auch so ein Reflex, weil mir das gscheit Reden am Oasch geht."

: auszüge aus einem gespräch mit willi resetarits :

text: michael koscher

Mittlerweile einundfünfzigjährig ist der Kurti, wie wir ihn kennen keineswegs alt, oder doch? Michel Koscher und Intimus Philipp Kraucher sprachen mit Willi Resetarits über das Älterwerden, den Trainer und die Privatheit des in der Öffentlichkeit Stehenden:

"Gereifter wird man, wenn man älter wird. Das heißt: Alles andere wäre ziemlich dumm, wenn man so tut, wie wenn man nicht älter ist oder wenn man das nicht begreifen kann. Und in der Gereiftheit steckt die Wehmut drinnen – nicht nur wehmütig rückwärts gewandt; sondern: Das ist ein Teil vom Altsein." Und in den Texten von Günter Brödl, die der Kurti so glaubhaft inszeniert, stecken nun mal die Kinder- und Jugendgeschichten, die Geschichten aus den Siebziger-Jahren. "Was halt das ganze abgelaufene Leben ausmacht, wird da in irgendeiner Form realisiert."
ostenErkennbar in einem der wohl größten Ostbahn-Hits "Arbeit", der laut Kurti aus der Sicht des jungen Buben gesehen, dessen Vater sich sein Leben lang zu Tode gehackelt hat, sowohl seinen persönlichen Vater, wie auch die seiner Zuhörer und Freunde gleichsam betrifft Das ist das Gute an dem Lied, daß Leute kommen und sagen: Das ist mein Vater – nur eines fehlt: Diese gelben Fingernägel, weil er die Dreier mit den bißl längeren Fingernägeln geraucht hat bis auf 3 Millimeter, was ihn des so stark gefärbt hat. Das ist das, was in unserem Sinne halt Kunst ist, daß der Brödl in seinen Texten eine Saite anschlägt, wo wir uns nicht verstellen, weil ich – mein Vater ist schon länger gestorben – am Anfang doch ein bißl geschluckt habe beim Singen und habe das so singen können; das geht nur mich etwas an, das ist eine private Geschichte, das geht euch nichts an. Und die Leute haben es aber als ihre private Geschichte empfunden."
Genauso wie sich der Ostbahn-Kurti mit seinem Bart spielt, ist das Spielen die Basis für die Konzeption der Welt rund um den Protagonisten des Favoritn & Blues. "Der Beginn von der Ostbahngeschichte war Spielen, nicht Karriere. Die Karriere ist uns passiert. Unser Herrgott hat uns belohnt, weil wir so arglos, ohne Schielen auf Geld, waren, so erkläre ich mir das. Und dann haben wir gesagt, wir spielen weiter. Und manchmal spielt man halt blöd. Das war mein Ding. A bißl a Plottn und muads goschat. Das Aufspringen auf längst abgefahrene Züge gehört auch dazu. Wenn du einmal intensiv länger in der Ostbahnwelt gespielt hast, wird das Spielen differenzierter und entscheidend sind dann Gefühls oder Geschmacksfragen. Da sagt man: Na , der is so net. Der muß anders sein. Oder du hast als Handgriff, als Henkel dann immer wirkliche Personen im Hinterkopf oder bei einer Figur im Film oder im Buch oder in einem Lied zwei Personen , die wirklich sind weil den Henkel brauchst du schon; sozusagen wie einer wirklich tut. So ist das halt in der Literatur oder beim Songwriting, daß du irgendwelche Erfahrungen hast im Beschreiben von Figuren – die sind einmal vorbeigetauostenmelt und die sind dir als Eindruck geblieben und die werden in irgendeiner Form verewigt."
Daß sich mittlerweile die literarische Seite des Ostbahn-Kurti in drei Romanen Blutrausch 1995, Hitzschlag 1996, Platzangst 1997 verewigt hat, weiß man. Der vierte, Kopfschuss, weist aber Unterschiede zu den Vorgänger auf. "Der Anspruch war ehrgeizig, sozusagen ein vergessenes Manuskript gegenzuschneiden mit irgendwelchen Kolportagegschichten aus dem Burgenland plus irgendwelchen Sachen, die im Fünfzehnten sind. Ich ehre den Anspruch , das man nicht sagt, jetzt habe ich das Schema und jetzt fülle ich es nur aus – das ist ja nicht spannend. Es war sogar verwirrend beim ersten Mal lesen. Und diese diffizile Ostbahnfigur gibt es nur, wenn der Brödl und ich gemeinsam etwas machen. Nachdem der Brödl eher scheu ist und ich in der Öffentlichkeit stehe, ist das der Öffentlichkeit nicht zu erklären, daß Ostbahn eine Partnerschaft von zwei Leuten ist. Alleine ist jeder sein eigener: Ich der Willi Resetarits, er der Günter Brödl und gemeinsam sind wir der Ostbahn. Wenn einer hinten steht, wie willst du das glaubhaft machen, daß wir ein Duo sind, wenn er sich nicht zeigt. Bei den Lesungen zeigt er sich ja, weil das eine Bedingung war: I habe gesagt: Ich lese nicht die Romane, die ich nicht geschrieben habe und nicht der, der sie geschrieben hat neben mir sitzt. Das Ostbahnprojekt lebt, solange wir miteinander können. Sobald wir nicht mehr miteinander können, ist das Ostbahnprojekt tot."
Der Trainer ist also fixer Bestandteil des Ostbahn-Kurti, seit langem. "Zu Reden angefangen haben wir dreiundachtzig. Vorher hat der Günter das als literarische Figur allein verwaltet, neben seinem Job bei der Music Box hat er so einen Mythos aufgebaut. Ab dreiundachtzig haben wir dann so zu überlegen angefangen, wie wir den Mythos einmal Realität werden lassen. Ab dem Zeitpunkt der Veröffentlichung und dem des Spielens mit der Band, hat sich der Mythos müssen ein bißchen meiner Art anpassen. Und hat er dann auch gemacht. Weil es war nie eine Frage, daß ich jetzt etwas spiele, wo ich sage: Ah, der ist glücklich extra asozial, weil das will und kann ich nicht spielen. Es hat müssen der Ostbahn ein bißchen sozialer werden, ziemlich genauso wie ich. Keine auf den Leib geschneiderte Rolle. Die Rolle war so, wie sie war und ich habe sie mir sozusagen angeeignet."
Daß der Ostbahn-Kurti seine Rolle seit längerem sozialen Projekten widmet und damit seine Popularität in den Dienst einer guten Sache stellt, erscheint für jeden von uns fast schon selbstverständlich. Wir wünschen ihm trotz seines "hohen" Alters noch viel Energie für seine Arbeit. "Weu in der Orbeit, in der Orbeit muaß ma ollas geb’n."