: stereo total :

der terror steckt in der idylle

text + interview: robert strayhammer

Stereo Total bringen mit "My Melody", nach dem vorjährigen Erfolgsalbum "Jukebox Alarm" ihr nunmehr viertes Album heraus und machen uns auf die Wunder der Liebe bei "Plötzlich ist alles anders", auf den Beauty-Wahn bei "Beautycase" und auf andere Wichtig- und Unwichtigkeiten in ihrer gewohnt eigensinnigen Art aufmerksam. Brezel Göring und Francoise Cactus sprachen über ihr neues Album, Japan, die Beatles, Reiselust als Motivation und unfähige Pressetextverfasser.

Euer neues Album trägt den Titel "My Melody", aber um wessen Melodie handelt es sich?

Brezel: Auf jeden Fall die von Francoise. Der Name kommt daher , daß sich Francoise in Japan eine Hasen gekauft hat der My Melody heißt. Da gab es ein ganzes Kaufhaus voll nur mit diesem Hasen und so Zubehör wie etwa Kochschürzen und so Sachen halt. Sie fand den Namen passend.

Das große Thema euer neuen Platte ist die Liebe?

B: Also das ist eigentlich ein falscher Eindruck. Wir reisen durch die Gegend und versuchen den schlechten Eindruck wegzubekommen den der Pressetext hinterlassen hat. Die Idee kommt einem halt wenn man sich oberflächlich mit der Trackliste befaßt weil es da eben die vier Nummern mit "I love you", "ich liebe dich" und "mon amour" gibt; aber eigentlich könnte man das auch von den anderen Platten behaupten. Wir haben das diesmal natürlich auch noch auf die Spitze getrieben und solche Titel verwendet, die eigentlich gar nicht so zum Lied selbst passen.

Du sollst das Album ja als Mädchenplatte bezeichnet haben?

B: Das stimmt eigentlich so gar nicht. Vielleicht habe ich das mal in einem unbedachten Moment fallenlassen aber die Platte ist genauso gut für Jungen.

Es ist aber schon so das bei unseren Konzerten eher mehr Mädchen sind; das liegt vielleicht daran, daß zwei Mädchen in der Band spielen und Francoise natürlich prägend ist für die ganze Musik die wir so darstellen; vielleicht liegt es auch daran, daß das ganze ein wenig kitschig konzipiert ist und eben den Titel "My Melody" trägt.

Auf dem neuen Album befinden sich die beiden Stücke "I love you, Ono" und "Ringo, I love you" Wie kam es dazu?

B: Das war ja kompletter Zufall; Ich kann ja die Beatles nicht leiden und kannte die auch gar nicht so gut.

Wir haben ja von zwei japanisch Bands gecovert. Das eine ist "Tokyo mon amour" von so einer japanischen Sixties-Band das schon Pizzicato Five gecovert haben und "I love you Ono" von den Plastics, das ist so eine 80er Band und der Song hieß eigentlich "I love you, oh no !" Francoise hat das dann in Ono umgeändert und ich habe gedacht das ist schon okay, eine Person die Paul McCartney nicht leiden kann. Das Lied hat ja aber auch nicht wirklich etwas mit ihr zu tun.

Aber "Ringo, I love you" erinnert schon sehr an "She loves you" von den Beatles?

B: Ja aber das Stück ist gar nicht von uns; wir hätten uns das wahrscheinlich auch gar nicht getraut; es gibt ja immer so Urheberrechte wenn man Sachen zitiert und als eigene Stücke anmeldet.

Also das Original ist von Phil Spector; der hat das so halbherzig für eine Backgroundsängerin in seinem Studio geschrieben Es ist übrigens das einzige Stück das Francoise komplett alleine abgemischt hat und das finde ich, klingt fast am Besten.

Ein Song steht aber im Gegensatz zu den anderen und vor allem den Liebesliedern, nämlich "Milky Boy Bourgeois".

B: In der Idylle ist der Terror versteckt sozusagen. Die Platte soll ja auch nicht thematisch sein . Die Liebe ist eben nur ein Aspekt davon und ganz viele von den französischen Texten sind ja auch nicht so, daß sie sich unbedingt damit beschäftigen. Die Liebe kommt explizit eigentlich nur bei den vier Liedern vor und sogar da auch noch nicht einmal wirklich.

"Milky Boy Bourgeois", "Discjockey" und auch "Vilaines filles, mauvais garçons" sind halt doch eher antikontext.

Ihr covert japanische Bands, habt einen japanischen Song und tretet auch in Japan auf. Woher stammt dieser Japan-Bezug?

B: Das war eigentlich Zufall. Bei der zweiten Platte hatten wir uns irgendwann überlegt, daß wir gerne in Japan spielen würden und da haben wir uns gedacht, der beste Plan wäre es ein Lied auf japanisch zu singen ("Schön von hinten"). Und Bungalow ist sowieso sehr auf Japan ausgerichtet und die brachten damals gerade den Sampler "Sushi" heraus. Dann hat es eben geklappt, das wir nach Japan gekommen sind und da haben wir uns ziemlich viele Platten gekauft und auch die Sachen gefunden die jetzt gecovert wurden.

Als erste Single wird "Beautycase" veröffentlicht?

B: Ja also Francoise macht viel zu lange Texte, und bei "Beautycase" ist ungefähr ein Viertel übriggeblieben und weil es zu schade war das wegzuwerfen hat Francoise noch eine zweite Version gesungen und die kommt dann auf die Vinylsingle als zweite Seite. Auf der CD-Single sind noch drei weitere Stücke , nämlich "Beautycase" auf Englisch , "Ich liebe dich, Alexander" auf französisch und "Joe le taxi" ist auch noch drauf.

Wie sieht es eigentlich mit dem Erfolg in Frankreich aus?

Francoise: Nicht so gut eigentlich. Wir sind nicht so berühmt wie etwa in Japan oder Amerika. Das ist natürlich absurd, weil wir ja viel auf Französisch singen. Das Problem ist, daß wir in Frankreich einen nicht so guten Vertrieb haben und uns die Leute dadurch nicht so gut kennen.

Und wie steht ihr zu French Pop wie z.B. Air?

F: Air find ich zum Beispiel ganz gut, Brezel ist das vielleicht ein bißchen zu leicht.

B. Nö, ich find's okay; es ist aber auch nicht die Musik die ich jeden Tag hören würde, auch nicht House oder Techno.

F: Aber manche Sachen sind gut, zum Beispiel Dimitri de Paris oder Daft Punk, von Air finde ich nicht alles gut, das wiederholt sich zu sehr und hat alles die selbe Stimmung, aber es ist schon auch sehr schön.

Wie sieht es mit der Aufgabenteilung innerhalb der Band aus, seid ihr beiden die "Bosse" und San Reimo und Angie Reed eure Angestellten?

F: Nö, Nö. Wir beiden machen die Stücke aber wir sind doch keine Bosse.

B: Eher so wie Gutsherren oder kleine Könige und ihre Leibeigenen - Ne nicht wirklich.

F: Es funktioniert alles nach dem altmodischen demokratischen Prinzip.

B: Die anderen Beiden sind halt nicht so ambitioniert und sie haben auch eine ganz andere musikalische Sozialisation und verstehen das glaube ich auch gar nicht was wir da machen.

F: Sie sind außerdem auch viel jünger als wir.

Ihr singt auf Französisch, Deutsch, Englisch und Japanisch, was steckt hinter diesem internationalistischen Anspruch?

F: Das liegt an der Lust am Reisen. Je internationaler man die Texte macht desto mehr Chancen hat man auch in anderen Länder zu spielen. Es macht aber auch Spaß in anderen Sprachen zu singen und ein Lied hat auch eine total andere Stimmung wenn ich es auf Deutsch oder auf Italienisch singe.

Vielleicht ist das auch ein kleiner Beitrag zum Frieden zwischen den Völkern.

Ich wollte auch schon immer ein Lied auf Türkisch machen, aber ich habe bis jetzt noch keinen Übersetzer gefunden. Es gibt ja auch keine deutsche Band die auf Türkisch singt.

Wie ist das zum Beispiel in Japan, da wird man eure Texte ja nicht unbedingt verstehen?

F: Die Japaner stört das nicht, die hören sich auch Bands an die zum Beispiel nur auf Deutsch singen. Die lieben das Exotische. Für die ist das so wie Zirkus.

"My Melody" erscheint am 27.8. '99 - Stereo Total live: 22.8. '99 Feldkirch; 19. 9. '99 Wien (Szene).