: keith caputo :

text + interview: robst

Keith Caputo: der kleine große Mann mit dem gewinnenden Lächeln, ohne den Life Of Agony die bedeutungslose Band gewesen wäre die sie nach seinem Ausstieg bis zur endgültigen Auflösung war, ist nun mit "Died Laughing" auf Solopfaden unterwegs.

Nach einer langen Zeit der Selbstreinigung und –findung kam es im Frühsommer 1999 zu den Aufnahmen zu seinem Debutalbum Died Laughing, dessen Songs er aber schon seit den Aufnahmen zu "Ugly" (1995) mit sich herumschleppte. Warum das Album dann trotzdem erst dieses Frühjahr veröffentlicht wurde, er eigentlich schon am dritten Album schreibt und wie es ist in der eigenen Verwandtschaft als Arsch zu gelten erzählte er vor seinem beeindruckenden Auftritt im Planet Music Anfang Juni.

Das letzte Album hast du mit Life Of Agony im Teamwork aufgenommen, diesmal hast du es allein geschrieben, wie war die Umstellung?

Eigentlich aufregend, schwierig war dann die Umsetzung weil ich mit Musikern zusammenarbeitete die nicht immer wußten worauf ich hinaus will.

Ist das Album jetzt eher ein Soloalbum oder ein Bandalbum?

Es wird als Soloalbum bezeichnet weil die Leute gerne kategorisieren; für mich ist es einfach gute Musik zeitlose Musik, Rock’n’Roll.

Du wohnst jetzt schon seit einiger zeit in Amsterdam; hatte das irgendwelche Einflüsse auf das Album?

Nein; die Songs auf Died Laughing sind ja eigentlich schon zur Zeit der Aufnahmen zu "Ugly" (1995) entstanden. Deshalb ist das Album auch eine Mißinterpretation meiner selbst zum jetzigen Zeitpunkt. Denn als ich die Songs schrieb war gerade die Zeit, als ich die Band wirklich verlassen wollte, weil damals alles auseinanderbrach.
Keiner war mehr mit dem Herzen bei der Sache und alle waren irgendwie verwirrt.
Wir waren keine Einheit mehr.
Damals wäre für mich ein guter Augenblick gewesen die Band zu verlassen, aber ich tat es dann nicht weil es Joey so viel bedeutete und ich auch den anderen diese wertvolle Sache, die Band, nicht zerstören wollte. Aber je mehr Zeit verging desto deutlicher wurde mir, dass ich eigentlich an einer Lüge festhielt. Ich war total unglücklich und brachte der Musik und den Leuten nicht mehr den nötigen Respekt entgegen. Ich war nicht mehr ehrlich mir gegenüber also mußte ich den Leuten die Wahrheit sagen.
Ich war nicht der einzige in der Band, der mit der Situation unglücklich war, aber keiner wollte sich der Wahrheit stellen.
Ich persönlich konnte damit nicht mehr leben, denn Musik ist meine Religion und ich lebe und sterbe dafür Leute glücklich zu machen
Musik sollte für mich etwas reinigendes an sich haben und nicht Probleme schaffen.
Es war einfach nicht mehr das selbe wie zu Beginn; wir hatten diese reine, ja vielleicht kindliche Herangehensweise ans Leben und an die Musik verloren Also verließ ich die Band.
Musik hat eben irgendwie etwas heiliges es ist so wie ein Kuß von Gott, so etwas kannst du einfach nicht verachten

Und die anderen gaben dir dann klarerweise die Schuld, denn eigentlich standet ihr ja damals vor dem ganz großen Durchbruch?

Alle, wirklich alle. Eine Zeit lang war es echt verdammt hart, denn Joey ist ja schließlich mein Cousin und jedesmal wenn ich zu irgendwelchen Feiertagen mit ihm und den anderen zusammentraf war ich mit dieser ablehnenden Haltung konfrontiert. Alle behandelten mich als wäre ich der große Bösewicht, nur weil ich eine andere Lebenseinstellung als sie habe.
Jetzt mit dem nötigen Abstand denke ich manchmal darüber nach wie es wäre wenn wir jetzt ins Studio gehen würden. Ich glaube es wäre das beste was jemals gemacht hätten es wäre das ultimative LOA Album für alle LOA Fans.

Haben dich die ganzen Erfahrungen persönlich stärker gemacht?

Nicht wirklich. Ich bin immer noch sehr unsicher und auch nicht wirklich stolz auf mich, denn ich bin sehr hart mit mir. Aber ich bin zuversichtlich das es irgendwann gut wird.
Das leben ist sehr hart, es fordert dich heraus und besonders das Leben, das ich führe bringt mich oft in sehr unangenehme Situationen; das ist aber auch sehr wichtig denn daraus kannst du sehr viel lernen; es existiert auch eine gewisse Erwartungshaltung mir gegenüber. Die Leute halten mich für so etwas wie einen buddhistischen Lehrmeister aber ich suche selbst noch immer nach dem Guru in mir.
Rock’n’Roll macht mich nicht glücklich; als Kind saß ich oft stundenlang vor der Anlage meiner Eltern und ließ mich von der Musik verzaubern aber das hat sich geändert und ich weiß nicht wohin mich das Leben führt.

Died Laughing ist auch nur ein winziger Ausschnitt aus dem was mich ausmacht, eine Momentaufnahme. Der Grund warum das Album so als romantische Nummer läuft ist das mein Label einfach nicht die leiseste Ahnung hatte, was es mit dem Album machen sollte und wie es zu promoten wäre. Es brauchte einfach eine unglaublich lange Zeit bis das Album veröffentlicht wurde. Ich meine es war Anfang Sommer 99 fertig und jetzt schreiben wir fast 2001 und ich muß immer noch Promotion dafür machen; das geht mir auf die Nerven ; es ist genau der selbe Scheiß wie früher.
Soviel zum schlechten Teil der Sache, der gute Teil ist, dass ich die Leute glücklich mache, dass sie meine Musik genießen; und ich genieße das schreiben, aufnehmen und präsentieren.

Dein Verhältnis zum Musikbusiness ist also etwas, sagen wir mal getrübt?

Jede Art von Business, das voll von Schmierigkeit, Neid und Macht ist, ist mir zuwider.
Es ist wie auf einem sinkenden Schiff wo man Leute die schon bis zum Hals im Wasser stehen noch tiefer hinunterdrückt um selbst eine bessere Position einzunehmen.

Gab es denn eine Zeit in der du das Musikbusiness verlassen wolltest?

Ja, jeden Tag. Aber ich stecke zu tief drin.
Ich bin an einem entscheidenden Punkt in meinem Leben angelangt. Es ist irgendwie eine verrückte Situation, ich weiß nicht was ich tun soll oder wie ich es tun soll. Ich versuche mich im Moment vom Leben treiben zu lassen und zu schauen wohin es mich bringt, auch wenn ich weiß, dass das nicht die richtige Methode ist.

Wie sieht’s mit neuen Songs aus?

Im Moment arbeite ich gerade am dritten Album. Auf das freue ich mich schon wirklich; das Problem ist nur, dass ich wahrscheinlich schon am vierten Album schreiben werde wenn das zweite Album noch nicht einmal heraußen ist, weil meine super-intelligente Plattenfirma wieder an irgendeiner tollen Marketingstrategie basteln wird.

Als ich den Leuten bei Roadrunner mein jetziges Album vorlegte hatten die nicht die leiseste Ahnung was sie damit anfangen sollten. Ich meine die waren daran gewöhnt für Leute wie Coal Chamber oder Type O Negative oder Death das Marketing zu machen. Und dann kam ich mit solch einem Geschenk für sie; und weil sie nicht wußten was sie damit machen sollten haben sie es schlicht und einfach verschissen anstatt mir ins Gesicht zu sagen das es ihnen an Intelligenz, Strategie, Kraft und Mumm fehlte es ordentlich zu vermarkten.

Sie waren einfach nicht bereit ein Risiko einzugehen. Wenn du an etwas wirklich glaubst mußt du auch bereit sein das ultimative Risiko einzugehen. Verdammt, ich mache das jeden Tag. Ich habe keine Ahnung wo ich den nächsten Tag verbringen werde, ich könnte einfach so gedropt werden. Ich habe auch keine wirklichen Referenzen vorzuweisen, außer der Tatsache, dass ich Menschen Freude bereitet habe. Ich habe einfach keine Stabilität in meinem Leben.

Inwieweit wirkt sich das auf deine Songs aus?

Mein nächstes Album wird sehr sarkastisch und es wird auch sehr zornig klingen.
Ein Song wird "Schizophrenic" heißen und vom Chef von Roadrunner NY handeln. Und wenn die bei Roadrunner Rec. dann das Album wegen diesem Song nicht veröffentlichen wollen, werde ich ihn einfach auf meine Homepage stellen, so daß sich ihn jeder Fan besorgen kann. Denn schließlich haben die Fans mehr für mich getan als irgendein Label-Boss.

Das Album Died Laughing hat einen sehr intimen Charakter; ist es nicht geradezu unmöglich diesen Charakter bei den großen Festivals bei denen du auch gebucht bist, wie etwa Rock am Ring, zu erhalten, und sind deshalb kleinere Venues nicht viel vorteilhafter?

Das stimmt schon. Aber wenn unter einer größeren Menschenmenge auch Leute sind, die meine Show genießen und mir die Energie die ich in mein Set investiere zurückgeben, dann habe ich auch etwas davon. Wenn aber alle nur gelangweilt oder sogar ignorant dastehen, dann ziehe ich meine Verteidigung hoch und spiele mein Set einfach herunter.
Wenn die Leute bei den akustischen Stücken dann anfangen zu reden und unruhig zu werden habe ich dann natürlich auch eine gewisse "Fuck You"-Einstellung.
Manchmal würde ich dann einfach lieber die Bühne verlassen, aber das geht halt auch wieder nicht weil ich damit die ganzen anderen Leute enttäuschen würde, denen meine Songs nicht egal sind und die ihre Gefühle mit mir teilen.
Wenn die positive Energie vom Publikum zu mir zurückkommt weiß ich, dass sich der Aufwand gelohnt hat.

Keith Caputo tritt am 7. 7. in Wiesen beim Forestglade auf.

http://www.keithcaputo.com