: celluloid : "Wer braucht schon Leser?”

text + interview: falk

Es begann mit einer schönen Idee, ging über in ein schlechtes Marketing und wird wahrscheinlich in miserablen Umsatzzahlen enden.
Österreich hat eine neue Filmzeitschrift.

Wenn Film ohne Publikum kein Film ist, was ist dann eine Filmzeitschrift ohne Leser?
Utopia regiert die Welt - die Redaktion hat vor, eine Auflage von 2500 Stück in Österreich abzusetzen. Aber nicht genug, die Auflage soll evt. auf 10 000 Stück erhöht werden, falls der Absatz gut läuft. 10 000 Stück? celluloid verlangt den stolzen Preis von 70,- ATS pro Ausgabe, im Abo 260 ATS für vier Ausgaben (im Studentenabo 200,- ATS). Mit Verlaub, aber wer kauft solch eine teure Zeitschrift, wenn schon in Österreich verlegte Bücher mit 4000 verkauften Exemplaren und bei nicht viel höherem Preis echte Bestseller sind?
Die celluloid-Redaktion geht offenbar davon aus, dass Verkaufszahlen keine Rolle spielen, denn ihre Finanzierung beruht auf Fördergeldern und Werbeanzeigen. Wie kann man aber ein Verkaufskonzept erstellen (Exemplarpreis, absetzbare Stückzahlen inklusive), wenn man auf den Käufer keine Rücksicht zu nehmen braucht? Wenn der Verkauf unwichtig wird, wird auch der Leser unwichtig, denn dann kann man produzieren was immer man will, sowohl Qualität wie auch Layout des Produktes betreffend. Und genau hier liegt der große Fehler in der Gesamtplanung von "celluloid”: Man schafft ein Nischenprodukt, ohne sich überhaupt über die evt. Käufer zu informieren. Denn der bloße Wille, mit dieser Zeitschrift Kritiker, Filmliebhaber und Produzenten anzulocken, reicht nicht aus.
celluloid beweist inhaltliche Qualität durch interessante Interviews (wie z.B.: die der Jungen Wilden) und greift Themen auf, die durchaus nicht jede Kinozeitschrift behandelt (z.B.: räumt es dem Film "Heller als der Mond” von Virgil Widrich zwei Seiten Berichterstattung ein, plus zusätzlichen zwei Seiten für ein Interview mit Widrich. So viel Engagement für den österreichischen Film ist erwähnens- und anerkennenswert).
Hinter celluloid stehen wunderbare Ideen aber kein Verkaufskonzept! Das schlägt sich auch in dem Vertrieb der Zeitschrift nieder. Im Handel ist "celluloid” nur in ausgesuchten Fachgeschäften erhältlich, bzw. über ein Abonnement zu bekommen. Werbung fand außer einer Pressekonferenz am 2.Juni 2000 meines Wissens keine statt.
Und dann die Responseelemente: Eine Zeitschrift, die mich 70,- ATS kostet und die mich vielleicht begeistert, werde ich mit Sicherheit nicht zerschnipseln wollen, um aus dem rückseitigen Cover die Abo-Anzeige auszuschneiden. Einen schlechteren Platz für den Response hätte sich die Redaktion wohl nicht aussuchen können!
Zudem fragt sich der Leser, ob nicht ein Farbdruck besser gewesen wäre, um Bilder aus Filmen und Portraits besser zur Geltung zu bringen. Farbdruck ist teuer, aber hier leidet die Qualität der Berichterstattung auf Kosten der Unkosten.
Ein letzter Kritikpunkt: Comic raus oder nehmt einen anderen Comiczeichner. Die Qualität der Artikel sollte durch den Comic am Ende nicht um 300% unterboten werden.

celluloid – DIE NEUE ÖSTERREICHISCHE FILMZEITSCHRIFT, nummer eins_zweitausend