:  funkstörung :

zwischen Funk und Störung

interview + text: holger fleischmann

Mit ihrem im Vorjahr veröffentlichten "Additional Productions", einem Album gespickt mit hochkarätigen Remixes mehr oder weniger berühmter Auftraggeber, katapultierten sich Funkstörung aus Rosenheim erstmals in die große Elektronik-Manege. Vor allem die eigenwilligen Björk- und Wu-Tang Clan- Bearbeitungen wussten zu begeistern – auch wenn sie alles andere als mit Samthandschuhen an die zu remixenden Originale herangingen. Im Gegenteil. Eine Spur der Verwüstung zieht sich durch ihre "Additional Productions", Songs werden zertrümmert, zerlegt und in kleinst mögliche Scheibchen zerhackt. Wieder zusammengesetzt entstehen so völlig neue Tracks, die ganz und gar den Kriterien Michael Fakesch und Chris De Lurca entsprechen. Wie diese klingen, lässt sich nun auch auf ihrem lang erwarteten Debut-Album nachprüfen. Nicht unpassend "Appetite for Disctruction" betitelt, verfeinern Funkstörung auf diesem ihre charakteristische Soundästhetik und schieben ihre Tracks dezent, aber doch bestimmt, in Richtung Hip Hop und Pop. Dabei sind sie trotz massiven Einsatz von Störgeräuschen, Knacksern und Krachern alles andere als unfunky. Und das ist gut so. Was es sonst noch wissenswertes aus dem Hause Funkstörung heim gibt, erkundet Holger Fleischmann im Gespräch Michael Fakesch und Chris De Lurca.

Eure Musik zeichnet sich durch hohe Komplexität und eine charakteristische Soundästhetik aus. Könnt ihr bitte kurz skizzieren, wie eure musikalische Entwicklung hin zum jetzigen Stand der Dinge vonstatten gegangen ist?


Fakesch: Zu Beginn haben wir sehr minimalen, distorteten Techno und Acid gemacht. Aber es ging schon in die heutige Richtung, der Sound war vielleicht um einiges dreckiger. Die ersten Tracks, die wir je gemacht haben, sind dann auch gleich von Bunker Records und Acid Planet herausgebracht worden. Das war im Prinzip das einfachste Zeug, was man so am Anfang machen konnte. Du hast dir einfach eine 808 und eine 303 gekauft, die irgendwie synchronisiert und geschaut, was rauskommt. Mehr wusstest du halt nicht über dein Equipment. Du hast deine Bass-Drum straight programmiert, weil so wurde es dir auch vorgemacht. Mit der Zeit haben wir dann einfach selber immer mehr rausgekriegt. Was etwa passiert, wenn man da noch die Effekte dazu benützt oder wenn man die 303 nicht wie eine 303 klingen lässt und so fort. Das war – und ist es nach wie vor – eine stetige Entwicklung. Wir sind immer noch in einem Lernprozess. Es ging ja so weit, dass wir von Techno auf – sagen wir – Elektro übergangen sind und dann in eine Art Electronica-Schiene gewechselt haben. Von dort entwickeln wir uns aber auch schon wieder in andere Richtungen weiter.

Das hört sich jetzt so an, als ob ihr ewig lang herumtüfteln und basteln würdet.

F: Ja, es ist sehr zeitintensiv, was wir machen. Aber das ist genau das, was uns Spaß macht. Wir haben eben auch Bock drauf, manchmal zwei, drei Wochen an einem Track zu sitzen. Das vielleicht zeitintensivste dabei ist aber, sich Gedanken zu machen, in welche Richtung man noch geht.

Stichwort Hip Hop und Pop.

Fakesch: Ja, Hip Hop und Pop eventuell. Das ist auch die Musik, die uns im Moment fast am meisten kickt. Wir können uns auch gut vorstellen, dass wir Zukunft sehr viel akustischer werden könnten. Wobei wir nach wie vor nach Funkstörung klingen werden, aber wieder neue Elemente dazu nehmen. Ich würd jetzt auch nicht sagen, dass wir mit der neuen Platte komplett anders klingen, als vor 2, 3 Jahren. Nur dass wir uns auf einem ganz anderen Level befinden. Wir benutzen sehr viel bessere Technik als früher und können mit unserer Technik auch sehr viel besser umgehen. Und nehmen eben neue Elemente – wie Vocals – dazu. Wir suchen auch jetzt noch nach neuen Elementen. Im Jazz etwa, oder bei wirklichen Schlagzeugern. Wir wollen auf jeden Fall offen bleiben, da wir entdeckt haben, dass uns stets das Neue interessiert.

Ihr agiert in einem Genre, in dem Vocals ja nicht unbedingt auf der Tagesordnung stehen. Welche neuen Dimensionen für eure Musik seht ihr in der Verwendung von Vocals?

Fakesch: Wir haben Vocals ganz einfach eingebracht, weil wir Bock drauf hatten und es als neues Element, als konsequente Entwicklung für uns gesehen haben. Viele sind auch schon zu uns gekommen und haben gemeint, wir sollen doch zugeben, dass wir Vocals nur hergenommen haben, weil sich K7 dadurch mehr Plattenverkäufe erhoffen würde. Aber das ist Schwachsinn. Diesbezüglich zerbrechen wir uns nicht den Kopf. Klar, der Punkt ist, dass ein Album durch Vocals zugänglicher wird. Dadurch sind wir vielleicht ein wenig humaner geworden. Andererseits ist das neue Album aber auch sehr viel elektronischer geworden. Wir wollen definitiv weiter mit Vocals arbeiten, weil es einfach saumäßig Spaß macht.

Was hat es mit dem Albumtitel auf sich? Der ist ja scheinbar an "Appetite for Destruction" von Guns ‘n‘ Roses angelehnt.

Fakesch: Wir wollten einen Titel haben, der einfach nicht ernst gemeint ist. Der nur gut klingt. Wir wollten keinen super-technischen Titel. "Appetit for Disctruction" ist dann zufällig entstanden. Wir haben da ein Sample von einem Rapper hergenommen und das hieß eben "This Is Appetite For Destruction". Und wir haben uns gleich gedacht, ja, das ist es. Für uns ist es eben auch deshalb lustig, da Guns ‘n‘ Roses ihr Debutalbum auch so genannt haben. Guns ‘n‘ Roses sind nämlich der Inbegriff von Trash für uns. Da geht’s dann auch darum, so ein wenig die Regeln zu brechen. Es kann ja eine Elektronik-Band nicht ihr Album nach einer Band wie Guns ‘n‘ Roses benennen, könnte man sich denken. "Disctruction" mussten wir nehmen, weil die den Namen geschützt hatten.

Kann man "Disctruction" programmatisch für eure Produktionsweise, für eure Musik verstehen? Laufen eure Festplatten heiß, gehen sie kaputt?

Fakesch: Total. Teilweise kommt der Rechner nicht mehr hinterher, weil viel zu viele Spuren offen sind. Wir haben uns schon oft darüber kaputt gelacht und gedacht: Scheiße, der Rechner packt’s überhaupt nicht mehr.

Sind euch deswegen schon Tracks oder Ideen verloren gegangen?

Fakesch: Nicht nur deswegen. Der Original-Björk-Remix ist uns etwa verloren gegangen. Der Björk-Mix, den man jetzt so kennt, hätte ursprünglich anders geklungen, die ganzen Effekte wären anders gewesen. Der ist uns aber nach acht Stunden Arbeit irgendwann in der Früh um acht abhanden gekommen.

De Lurca: Das war das erste Ding, das wir vollständig am Computer gemacht haben. Und dabei haben wir das Abspeichern irgendwie vermasselt.

Ihr seid vor allem durch Remixe bekannt geworden. Vom Original bleibt bei diesen allerdings kaum etwas übrig. Vielmehr klingen sie nach eigenen Funkstörung-Tracks. Seht ihr Remixe als Auftragsarbeit für andere Künstler oder dienen diese als Inspiration für "eigene" Tracks?

Fakesch: Letzteres. Genau so ist es. Nur ist es sehr schade, dass es rechtlich ganz anders ist, weil du eben alle Rechte an die Original-Künstler abtrittst. Aber rein vom Kreativprozess her ist es schon so, dass wir Remixe voll als eigene Tracks sehen und uns genauso viel – teilweise sogar noch mehr – Mühe geben.

Worin liegt dann für euch die Herausforderung, wenn es zwischen Remix und eigenem Track kaum Unterschiede gibt?

Fakesch: Die Herausforderung liegt darin, dass wir so die Möglichkeit haben, auch mit anderen Genres in Kontakt zu treten. Und zwar nicht nur so, dass du dir die Platten kaufst oder die Leute kennen lernst, sondern dass du echt die Original-Spuren hast und schauen kannst, was sich damit anfangen lässt. Das ist der beste Lernprozess, um zu gucken, ob diese Musikrichtung etwas beinhaltet, was du für dich hernehmen kannst. Wir haben Remixe für Techno-, für Drum’n’Bass-, für Elektronik-Leute gemacht. Auch Pop, Hip Hop, für Jean Michel Jarre und was weiß ich alles. Der nächste wird für einen Jazz-Musiker sein und vielleicht kommt dann irgendwann einer für ZZ-Top. Die stehen auch auf der Liste. Kein Scherz. Das Management hat zwar noch nicht eingewilligt, das Label möchte aber unbedingt einen. Das wäre supergeil.

Welche konkreten Einflüssen konntet ihr bislang aus eurer Remix-Arbeit gewinnen, die ihr für das neue Album benennen könnt?

Fakesch: Björk und Wu-Tang Clan.
De Lurca: Die Arbeit mit den Stimmen. Wie wir die Spur von Björks Stimme gehört und die dann über unsere Beats gesetzt haben, das war ein Erlebnis, bei dem wir gemerkt haben, dass wir die Arbeit mit Stimmen weiterhin verfolgen müssen. Beim Wu-Tang-Remix haben wir dann erkannt, wie super man Rap mit unseren Rhythmen und Beats verbinden kann. Auch da haben wir gesagt, dass wir dies in Zukunft weiter machen müssen. Ohne Remixe hätten wir gar nicht die Möglichkeit gehabt, so etwas auszuprobieren.

War der Wu-Tang-Remix auch Auslöser für eine gewisse Hip Hop-Lastigkeit des Albums?

De Lurca: Das kommt wahrscheinlich eher davon, dass wir Hip Hop immer schon mochten.
Fakesch: Hip Hop war immer schon da für uns.

Seht ihr in der Verwendung von Hip Hop oder Pop-Einflüssen die Möglichkeit, so hochkomplexe elektronische Musik, wie ihr sie macht, ein wenig aus dem stillen Kämmerlein hinauszutragen?

F: Wir denken zwar nicht detailliert darüber nach, aber es wird uns schon bewusst.
D: Wir machen es einfach so, weil es uns gefällt.

Aber gefällt euch der Gedanke, damit ein breiteres Publikum zu erreichen?

D: Klar, das wäre doch schön. Wir wollen ja soviel Musik machen, wie nur möglich. Und da muß man ja auch Geld verdienen, um Musik weiterhin betreiben zu können.

Studio K7 ist nicht unbedingt das erste Label, an das man beim Funkstörung-Sound denken würde. Wie ist es zu eurem Deal gekommen?

Fakesch: Es waren verschiedene Labels interessiert. Ganz am Anfang waren Warp interessiert. Zumindest einer der Typen dort wollte uns unbedingt signen, die Chefs waren aber nicht so begeistert. K7 hat sich dann durch einen Kontakt mit einem Journalisten ergeben, der halt gemeint hat, ob wir schon mal an K7 gedacht hätten. Wir waren aber der Meinung, dass die nur Compilations machen würden. Er hat uns dann aber aufgeklärt, dass K7 auch Artists unter Vertrag nehmen und gemeint, dass wir uns doch mal anhören sollten, was die zu bieten haben. Und das hat dann von Anfang an genial für uns ausgeschaut. Wir sind mittlerweile echt gute Freunde geworden. Wir haben absolute kreative Freiheit und sie machen einen super Job für uns. Ich glaub wir hätten kein besseres Label finden können – auch wenn unsere Musik nicht unbedingt drauf passt.

War es für euch wichtig, da nun ein Label im Background zu haben, das auch ressourcenmäßig verkaufs-technisch was weiterbringen kann?

Fakesch: Auch die anderen interessierten Labels wären nicht unbedingt kleiner gewesen. Das waren alles Independent-Labels, die aber einigermaßen groß sind. Wir haben selber gesagt, wenn wir das professionell machen, dann wollen wir auch keine anderen Jobs mehr brauchen. Dann müssen wir halt irgendwo unser Geld verdienen. Wir haben gewusst, dass es eine super-riskante Entscheidung ist, haben aber an unsere Musik geglaubt und daran, dass die Zeit reif ist. Und bisher ist das auch voll aufgegangen.

Ihr lebt und arbeitet in Rosenheim. Seht ihr einen Vorteil darin, quasi in der Provinz zu sitzen und etwas abgeschirmt vom täglichen, großen Club-Rummel zu agieren?

De Lurca: Für uns ist das okay. Ich etwa bin ja auch nicht so der Großstadt-Mensch. Wir sind halt zu zweit in unserem Rosenheim und kennen keinen anderen, der auch Musik machen würde. Einfach wir zwei und unsere Ideen. In einer Großstadt, in London beispielsweise, da macht dann jeder fünfte Musik. Da bekommst du so viele Einflüsse mit, dass du vielleicht auch irritiert wirst in deiner Arbeit. Wir sehen eh genug Großstädte und zum Leben ist Rosenheim ja echt nett. Schön ruhig und überschaubar.

Fakesch: Das krasse für uns ist, wir leben in so einer Kleinstadt, wo dich keiner kennt. Und dann kommst du nach New York und wirst dort das erste Mal nach Autogrammen gefragt und auf der Strasse erkannt. Völlig verrückt.