: mauthausen :

"...vom großen Sterben hören - chronicles from the ashes"

Musik: Joe Zawinul
Texte gelesen von: Frank Hoffmann
(ESC Records 2000 / emv)

text: bernhard schmidt

"Alles an diesem stummen Mahnmal wirkt so grotesk. Es ist unmöglich, soviel
Grausamkeit zu begreifen", Meret Roider, 14 Jahre, nach dem Besuch der
KZ-Gedenkstätte Mauthausen

Betroffen machen Holocaust-Gedenkstättenbesuche in den ehemals kommunistisch regierten Gebieten Europas zumindest auf zwei verschiedene Arten. Zum einen der dort von den Nationalsozialisten begangenen Taten, zum anderen der realsozialistischen Pädagogik und Aufarbeitung dieser Geschichte wegen. Ausstellungen in Sachsenhausen, Stutthof oder Groß-Rosen in triefender Propaganda: der frühere Feind ist blutbesudelt aufgemalt, die Schaukästen in Stacheldrahtrahmen, gegipste Einschußlöcher, an den Wänden übergroße, durchgestrichene Hakenkreuze. Klar, einfach, plakativ.

Natürlich war das so, Feindbilder müssen schließlich kultiviert werden um sich Rechtfertigung zu sichern. Und im speziellen die DDR konstituierte sich doch als antifaschistischer Staat, dessen Historienschreibung darauf abzielte, möglichst keine Grauzone zwischen Gut und Böse übrigzulassen. Doch interessant ist neben der Intention dieser Ausstellungen vor allem ihre – schon angeschnittene - Ästhetik, mit der man das vorgegebene Ziel zu erreichen glaubte, also die Schauräume und Museen konzipierte. Von wissenschaftlicher Aufarbeitung keine Spur, die objektive und
ausführliche Information bieten sollte um dem Betrachter selbst die Gelegenheit zu geben, seine Schlüsse zu ziehen, die - man bräuchte sich gerade bei diesem Thema keine Sorgen zu machen - ohnedies nur auf Ablehnung hinzielen würden. Man wählt lieber den Brechstangenstil. Riesige Symbole, die oberflächlich Emotionen wecken, übergroße Bilder, die beschämend mit dem Respekt der Opfer umgehen, aufdringliches Blut; Tränen; Stacheldraht.

Und ein leider zu großes Stück eben dieser Faust-aufs-Aug-Ästhetik findet sich auch in der Programmkomposition von Joe Zawinul, live aufgeführt am 8. August 1998 im Steinbruch des Konzentrationslagers Mauthausen, anläßlich des Beginns der Errichtung des Lagers 60 Jahre zuvor. Teil des Arrangements sind sowohl Texte aus Briefen ehemaliger Häftlinge, vorgetragen von Frank Hoffmann, als auch eingespieltes Tonmaterial, um das Lagerleben zu verdeutlichen.
Und eben gerade diese, teilweise nachträglich aufgenommenen, teilweise originalen Schnitte haben keinen Platz in diesem Gedenkkonzert. Einige Nummern Zawinuls, mit kurz, provokanten Titeln wie "Die Folter", "Die Vollstrecker" oder "Das Gebet", sind gefüllt mit lauter-leiserwerdenden Peitschenhieben, im Studio produzierten Schreien und verhallenden Schlägen. Dazwischen, als Übergang, marschierendes Stampfen von SS-Schuhwerk. Ein verhöhnend, böses Lachen zieht sich hallend über ein zwei Minuten, während eine schmerzverzerrte Stimme mit slawischem Akzent die Peitschenhiebe von 25 herunterzählt. Frank Hoffmanns Text wird von Pistolenschüssen unterstützt, als wüßte keiner, wie Pistolen klingen; ist von Hunden die Rede, bellen sofort Doggen im Hintergrund.
Zuviel Effekte und deren Hascherei; es bleibt einfach zu wenig Zeit um den Briefen zuzuhören, die eigenen Gedanken zu spinnen. Fast peinlich berührt hört man weg, muß die Aufmerksamkeit reduzieren, um nicht abgestoßen zu wirken.
Da muß, gerade bei einmaligem anhören, der Zawinul-Fusion unbewertet bleiben, obwohl – man muß ihn mögen – genauest arrangiert. Er bleibt nur nicht lange im Gedächtnis, da die gespielte SS-Wache beim Tagwachenszenario so plakativ aus der Box schreit, daß man nachhaltig um zartere Stilmittel bittet.

Natürlich stimmt es, daß diese Einblendungen den geschichtlichen Realitäten entsprechen. Nichts wird erfunden oder in die Lieder eingefügt, was nicht so gewesen wäre. Doch muß man sich die Frage gefallen lassen, auf wen diese Konzeption mit dem immerwährenden Untertitel "Niemals Vergessen" abzielt; wer also muß durch die dröhnenden Peitschenhiebe und Fußtritte ermahnt oder erinnert werden. Sicher nicht die Auftraggeber des Werks, die Österreichische Lagergemeinschaft Mauthausen oder die Vereinigung "Mauthausen Aktiv Österreich". Die ehemaligen Häftlinge brauchen keinen O-Ton, um sich ihre Vergangenheit ins Gedächtnis zu rufen. Also sind alle anderen, im speziellen die sooft bemühte junge Generation, die Rezipienten dieser mahnenden Pädagogik. Und es ist Pädagogik, von Stilmitteln zu sprechen wäre zu kurz gegriffen. Doch sie geht zu weit, überfordert, läßt uns wegschauen und verfehlt somit ihr subtiles Ziel.

Größtes Unglück widert uns an, sowohl den, dem es widerfährt, als auch den, der es beobachtet. Wir können in diesen Fällen kein Mitleid empfinden, im äußersten Fall gar nichts empfinden. Das sagte die Jüdin Simone Weil und wollte damit nicht zum Wegschauen aufrufen, sondern verdeutlichen, daß wir nicht anders können, wenn unsere Emotionen überbeansprucht werden. Es ist nicht die Schuld der zart Besaiteten, die vielleicht die Realität nicht ertragen, manchmal wegschauen zu müssen. Doch wenn jemand den erinnernden, also erziehenden Anspruch erhebt, darf er die Grenze nicht überschreiten, die sich zwischen dem Noch-Mitdenken-Können und dem überreizten Abschalten spannt.