: rocko schamonis literarischer rundumschlag :
oder : von der verarschung der welt

text : thomas weber

"Im Großen und Ganzen (...) ist das Haltbarkeitsdatum für einen Popstar irgendwann ab dreißig überschritten und man wendet sich anderen Dingen zu." – So schließt Rocko Schamoni seine mit knapp 160 Seiten verhältnismäßig schmal ausgefallene Familiensaga "Risiko des Ruhms". Damit rechtfertigt er vor seinen Lesern – mehrheitlich wohl Mittzwanziger, die ihn als singenden `King´ Rocko Schamoni kennen – quasi im Nachhinein sein Romandebüt. Er selber ist knapp über dreißig. Eben noch auf der Showbühne (seine letzte Platte "Showtime" erschien im Vorjahr und zeigte ihn engelsgleich mit aufgeklebten Flügeln am Cover) und jetzt schon als Pfeife rauchender Biedermann im gutbürgerlichen Schriftstellerarbeitszimmer...

Keine Frage, Rocko Schamoni ist und bleibt Showmensch. Der (abgedankte?) King intelligenter deutschsprachiger Popmusik kommt auch als Schreiber einer fiktiven Familenstory nicht ohne waghalsige Selbstinszenierung aus. Da ist es dann nicht weiter verwunderlich, daß sich die Familienmitglieder des Erzählers nach und nach vom Plot verabschieden.
Da Schamoni immer wieder belegbare Stationen seiner eigenen Biographie in die Handlung einflechtet, führt er am eigenen Leib vor, was es braucht um den perfekten Mythos zu kreieren (vgl. Elvis "The King" Presley).
Dabei hält er sich weder an chronologische noch an logische Vorgaben. Des Erzählers Familie konvertiert schon zu Romanbeginn zum Wahlnomadentum ("Als uns langweilig wurde, beschlossen wir weiterzuziehen."), und genauso wankelmütig wackelt immer wieder auch der gesamte Erzählstrang. Schamoni schreibt in assoziativen Ketten und springt geschickt von Gedanke zu Gedanke. Dabei ist sein Protagonist widersprüchlich wie nichts sonst: mal wandelndes Lexikon, dann wieder die personifizierte Naivität. Dieser vom Leser erst einmal zu bewältigende Spagat macht die Lektüre nicht selten zum spannenden Unterfangen. Entdecken und beschreiben sie doch vollkommen unbefangen Dinge, die wir sonst tagtäglich beim Namen nennen.

Sowohl sprachlich als auch inhaltlich spielt Schamoni mit Klischees – und weil es ihm so viel Spaß macht, gleich auch mit deren Antithesen. Wie zufällig haucht er dabei so mancher längst totgeglaubten Platitüde neues Leben ein. "Sir Stefan war ein ganz lieber", heißt es etwa, als der Held auf einem Schiff voll einfühlsamer, sensibler Seemänner anheuert. So lieb sind sie sogar, daß sie einander ihre kleinen Wehwehchen beichten und dabei in Tränen ausbrechen. Natürlich entpuppt sich die ganze Besatzung schließlich als homosexuell und ist zu schwach um das Schiff im Sturm auf Kurs zu halten.

So amüsant, zynisch und selbstverliebt Schamonis Roman-Debüt auch sein mag, die Momente verspielter Irritation treffen auch den Leser. Als repräsentative Behausung baut sich der zwischendurch auf einer Insel gestrandete Neo-Robinson nicht etwa ein "Nusshäuschen", sondern ein "Nüsschenhaus". Über solche Feinheiten mögen oberflächliche Leser vielleicht gar nicht stolpern, Freunde verspielter Andeutungen merken jedoch recht bald, daß Schamonis Buch weit mehr zu bieten hat als nur sprachliche Onanie. Immer wieder werden Motive der Weltliteratur verarscht und Witze lakonisch zerstört. Wer Schamoni als Songwriter kennt, weiß ohnehin, daß ein Schamoni im Regal fast zwangsläufig einen bleibenden Wert darstellt. Aber auch wer noch nicht das Vergnügen hatte, King Rocko live zu sehen, sollte den Versuch wagen. Denn erstens liegt dem Taschenbuch eine Mini-CD mit den vermutlich besten Songs des letzten Albums bei. Und zweitens ist es hin und wieder einfach bezaubernd, mit Rocko Schamoni auf geistige Tauchstation zu gehen. "Wir beobachten die Fauna um uns herum und uns läuft das Wasser im Munde zusammen. Die Helme sind wohl nicht ganz dicht."

Rocko Schamoni: "Risiko des Ruhms", Roman, rororo 2000, ca. ÖS 109,-
Rocko Schamoni: "Showtime", Doppel-CD, Trikont 1999

http://www.rockoschamoni.de
http://www.trikont.de

http://www.rororo.de

Interview mit Rocko Schamoni