: SONAR 2000 :

7th Barcelona International Festival of Advanced Music and Multimedia Arts

text: mikka blank

Von 15. bis 17. Juni ging in Barcelona das alljährlich stattfindende Internationale Festival für Advanced Music and Multimedia Arts, genannt SONAR, in die siebente Runde.
Ähnlich der Phonotaktik in Wien wird das Rückgrat der Veranstaltung aus live aufgeführter elektronischer Musik gebildet, primär aus dem experimentellen Bereich. Die SONAR geht hier allerdings ein paar Schritte weiter und bietet neben den Konzerten Ausstellungen, Filme, Plattenbörsen, Symposien und Vorträge an. Schauplätze sind das Centre de Cultura Contemporania de Barcelona mit den eher experimentelleren Programmpunkten, während abends ein Messegelände-artiger Gebäudekomplex leicht außerhalb der Stadtmitte den Austragungsort für die publikumsträchtigeren Events darstellt.

Von der, mir nur aus Erzählungen bekannten, Gemütlichkeit der vergangenen Jahre war nur wenig geblieben - Menschenmassen wälzten sich durch die verschiedenen Veranstaltungsorte im Stadtzentrum und die Busse, die die Besucher zum Abendprogramm verbringen sollte, waren heillos überlastet. Vor allem in der Abendleiste war vom Flair des avantgardistischen Festivals nicht allzuviel zu spüren - die Veranstalter, denen es offenbar in den letzten Jahren allzu gemütlich zuging, setzten vor allem in der Abendleiste oft auf stampfende 4/4-Housebeats, um die eine oder andere tanzwütige Meute zum anstrengenden Weg auf das Festivalgelände zu bewegen. So waren zum Beispiel das Trashy-Bums-House DJ-Set von David Morales einer der am besten besuchten Events der gesamten Veranstaltung.

Der Schwerpunkt lag jedoch ganz klar auf anspruchsvoller, elektronischer Kost - so spielten am ersten offiziellen Tag unter anderem der Industrial-Music-Pionier Genesis P. Orrige unter seinem neuen Alias "Thee Majesty + Etant Donnes" und wenig später Marc Almond - für beide Künstler der erste Auftritt seit einigen Jahren. Das Centre de Cultura Contemporania de Barcelona, kurz CCCB, konnte mit Performances und DJ-Sets von Colin Newman, Francisco Lopez, Otomo Yoshihide, Tone Rec. und anderen die Experimentallisten hinreißen, während die House-Fans bei einem Showcase des deutschen Ladomat-Labels und die Easy Listening-Fraktion mit einem DJ-Set des Nairobi Trios unterhalten wurden.
Abends folgten zwiespältige Angelegenheiten - ein klein wenig Verwirrung stiftete der Auftritt von Death In Vegas, die mit todernster Miene eine Psychodelic-Rock-Darbietung auf die erstaunte Menge losliessen, um anschließend Platten aus den Achtzigern aufzulegen.
Super_Collider, der Funk/Blues/Abstract Techno-Hybrid von Jamie Lidell und Christian Vogel konnte musikalisch voll überzeugen, wurden allerdings von einem nicht mal halblustigen Spray-Artist "unterstützt", der die in weiß gekleideten Musiker während des Gigs ansprühte und andere lustige Sachen (haha, sehr witzig) vollführte.

Ähnlich verwirrend auch die ansonsten großartigen Funkstörung: Die eisgekühlten, vertrackten Beatstrukturen und wirklich schönen Melodien der beiden Rosenheimer wurden von einem mitgebrachten Rapper leider völlig demontiert. Gebrüllte Slogans wie "Check it out - this is funkstörung" und "yeah, yeah, yo, yo" passen zur kontemplativen Musik des Duos ungefähr so gut wie Ketchup zu Novelle Cuisine. Direkt im Anschluß konnte man sich wieder mal vom hohen plattenauflegetechnischen Standard der Stereo MC’s überzeugen, doch leider war dieses Vergnügen nur von kurzer Dauer, denn kurz darauf nervte A Guy Called Gerald mit einer völlig überholten Darbietung, irgendwo im Niemandsland von sattsam bekanntem Talkin Loud-Drum & Bass und Acid Jazz Vokals - vor allem zu so später Stunde eher ein Grund für ausgiebiges Gähnen.
Sehr spitze wiederum der Showcase des Münchner DISKO B-Labels: Neben Abe Duque, Gerhard Potuznik und Patrick Pulsinger dürfte das Label mit der Band Dakar & Grinser alle Kinder der Achtzigerjahre auf seiner Seite haben. Das deutsche Duo zitiert charmant und augenzwinkernd Musik, Kleidung und Posing der New Wave-Dekade, kommt dabei ohne aufgesetzte Ironien aus und macht einfach Spaß.

Am zweiten Tag folgten die Granden der neuen Elektronik - tagsüber Showcases von Labels wie Mute Records, die mit Add N To (X), Speedy J, Pan American, Goldfrapp, Echoboy und V.V.E. (das Projekt der minimalistischen Finnen Pan_Sonic mit FM Einheit, vormals Einstürzende Neubauten) ein beeindruckendes Line-Up zu bieten hatten, Jon Wozencroft demonstrierte den Gehalt seines Labels TOUCH mit einem DJ-Set, Steve Beckett spielte seine persönlichen Lieblingstracks der mittlerweilen zehnjährigen Geschichte seines Labels Warp Records und Lopez & Akita spielten gegen und mit dem Mego Laptop Orchestra.
Höhepunkt des Nachmittags war aber sicherlich der Showcase des relativ jungen Labels ~scape. Burnt Friedmann klingt in seinem von blubbernden und knacksenden Sounds dominiertem Set collagiert und gleichzeitig rhythmisch. Labelchef Stefan Betke alias Pole begnügt sich mit einem DJ-Set, bestehend nur aus Old-School- bzw. Roots-Reggae, wobei die meisten Besucher sicher lieber eines seiner dynamisches Livesets gehört hätten. Seine Übersetzungen von Reggae und Dub in zeitgenössiche Bleeps, Plonks und Brzzl’s funktioniert vor allem im Live-Kontext, aber diesmal gings ihm wohl eher um die Demonstration seiner Wurzeln, was leider ein wenig den Eindruck vom gestrengen Oberlehrer hinterließ. Kit Clayton beendete den Showcase mit einem Liveset ähnlich seinen beiden Vorgängern, mit einer erfrischenden Übersetzung von Reggae in vollelektronische Musik.

Abends konnten die Chicks On Speed wahrscheinlich zum ersten Mal in ihrer Karriere vor einem ungefähr 3000 Personen Publikum spielen, was deren Darbietung natürlich auch nicht besser macht.
Hüpfen, Kreischen, Lustig sein - zur zugegeben teilweise sehr guten Musik von Potuznik, Pulsinger, Kamerun und Konsorten - wer’s mag, soll seinen Spaß daran haben.
Anschließend böllerte der Kanadier Richie Hawtin mit einem massenkompatiblen Techno-Set drauflos, während auf der Bühne vor der Halle Autechre einen der besten Gigs seit langem spielten.
Das auf Warp Records beheimatete Duo verzichtete diesmal auf den Kunst-Überbau der letzten Arbeiten und ließ an ihre ausgezeichneten ersten Alben erinnern - wirklich kein Fehler.

Tag 3 und die Potenz des Line-Ups nimmt nicht ab:
Die sanften Sounds der Gentle People, Bergmann und Akasha kollidieren mit den mathematischen Strukturen von Bauer & Rehbergs Retrospektive ihres Labels Mego. Russel Haswell, Hecker und
V/VM brizzeln, rauschen, knacken und knattern, während der Höhepunkt des Tages, nämlich die Performance der britischen Band COIL, völlig überlaufen ist. Fast kommt es zu Handgreiflichkeiten beim Einlaß, da dieser Auftritt für viele Besucher einer der Hauptgründe für die Reise war. Warum dieser Event, der den ersten Auftritt der Band seit zirka 10 Jahren bedeutet, auch in einer Kapelle mit einem Fassungsvermögen von 100 Personen stattfinden muß, kann auch nur unzufriedenstellend mit Atmosphärik und Intimität argumentiert werden.
Doch es fehlt nicht an Highlights - die Performance von Matthew Herbert, dem Helden des subitlen britischen House bietet einen mehr als nur würdigen Abschluß des Festivals. Elegante Songs mit verschachtelten Beatstrukturen, eine exzellente Sängerin und die Live-Sampling-Einlagen von Herbert selbst, bei denen er sich zuerst einer leeren Mineralwasserflasche, dann einer Cola-Dose und schließlich eines Plastiksacks bedient, machen den Gig zu einem tatsächlichen Höhepunkt des Festivals.

Ein Resumee zu ziehen, ist mehr als schwierig - einerseits bombastisches Line-Up und die schöne Kulisse der Stadt Barcelona, andererseits schwache Infrastruktur und der Massencharakter des diesjährigen Festivals machen eine Wertung nicht einfach. Wer zur SONAR 2001 fahren möchte, dem sei jedenfalls geraten, so früh als möglich Hotel und Flug zu buchen, sowie sich vor Ort einen Motorroller auszuborgen.

http://www.sonar.es