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"Ich kann sagen, ein Apfel ist rund, eine Birne ist auch rund, aber eine Birne hat oben so einen kleinen Stummel."

Sinnstiftendes, Sportliches und Musikalisches waren die zentralen Schaltstellen der Defensive, des Mittelfeldes und der Offensive einer dreiköpfigen Mannschaft der Sportfreunde Stiller. Gegenüber fanden sich bei Bier und Stelzen im Schweizerhaus zwei wellbuilt-Goalies, die gekonnt den Ball abschlugen, laufen ließen und der Versuchung des Eigentores widerstehen konnten.

Was tun die Sportfreunde Stiller in Wien, wenn in Belgien und den Niederlanden die Fußball-EM stattfindet?
Flo: Wir konnten uns das nur erlauben, weil heute und gestern keine Europameisterschaftsspiele waren. Samstags spielen wir zwar in Bayreuth, aber da haben wir uns schon Fernseher gesichert. Wir haben keine Monitore, wo Sound rauskommt, sondern wir haben Bildschirme.
Was ist mit der deutschen Mannschaft passiert?
Flo: Ich will darüber nicht reden. Na, wieso sind sie so schlecht; weil im Vorfeld oder in den letzten Jahren keine Nachwuchsarbeit geleistet wurde, weil es möglich ist, in der Bundesliga mit elf Ausländern zu spielen, vier Nichteuropäer und der Rest Europäer. Es ist nicht mehr verpflichtend, daß du überhaupt einen Deutschen auflaufen läßt – was natürlich nichts gegen Ausländer ist, aber die deutsche Nachwuchsarbeit den Bach runtergeht. Das ist die Problematik. Es wurde einfach nicht mehr darauf geachtet, daß irgendwelche deutschen Nachwuchsspieler so wettkampffähig gemacht werden, daß sie in der Lage sind, in der Nationalmannschaft zu spielen. Deswegen muß jetzt der Bruch her, der Gott sei Dank durch das Ausscheiden unumgänglich ist. Das ist völlig in Ordnung, daß es so ist. Es war im Vorfeld erkennbar, daß mit dieser Mannschaft, mit diesem Potential nichts rausspringen kann. Furchtbar ist natürlich die Art und Weise, wie sie sich verabschiedet haben: Saft- und kraftlos, kein Wille erkennbar, kein Einsatz. Das zeugt von null Charakter und ist ätzend. Es ist auch den Fans gegenüber nicht in Ordnung, wenn ich mich so von einem Turnier verabschiede und dann noch den "Anton aus Tirol" betrunken in der Früh um fünf aus dem Fenster singe. Absolut verheerend!
Ein Generationenproblem?
Flo: Ja, in dem Sinne, daß die junge Generation einfach nicht fähig ist, im internationalen Bereich den Gegnern Paroli bieten zu können. Da ist viel zu wenig Arbeit geleistet worden, um die Jungspieler aufzubauen.
Ihr seid Sportstudenten?
Flo: Peter und ich sind Sportstudenten, Rüdiger studiert Politik.
Rüdiger: Ich tippe ganz stark, daß ich mein Bundestagsmandat in achtzig Semestern antreten werde, wenn ich das Vordiplom in 45 Semestern irgendwann einmal erreiche. Ich habe ein unabhängiges Mandat und ich weiß nicht genau, was ich da machen werde.
Flo: Sportliche Partei, wahrscheinlich.
Rüdiger: Vielleicht schlafe ich auch da am Eingang oder so.
Ihr seid Bayern München-Anhänger?
Flo: Nein, Nein! Bist du wahnsinnig! Das ist nur der Peter. Wenn du zu mir sagst, ich bin Bayern-Anhänger, dann blutet mein Herz. Das darfst du nie machen! Der Rüdiger und ich, wir sind Löwen-Anhänger, natürlich - vor dem Herren. Ich habe blaues Blut in mir. Es gibt natürlich öfters Necklichkeiten innerhalb der Band.
Für uns Österreicher ist es während der Champions League furchtbar, immer die Bayern vorgesetzt zu bekommen. Selbst nach Weiterzappen zum deutschen Fernsehen, sind es immer die Bayern, die man zu sehen bekommt.
Flo: Ja, weil die Rapidler immer abkacken – zum Schluß. Aber du weißt ja wie das ist, Bayern Sechziger ist ja wie Rapid Austria. Das ist eine Feindschaft bis aufs Blut. Man kann vergleichen, daß die Austria wie die Bayern sind und Rapid wie die Löwen.
Wer ist nun für die Sportfreunde der EM-Favorit ?
Flo: Mittlerweile Frankreich. Mein ursrprünglicher EM-Tip war Schweden; ich weiß nicht, was mich da geritten hat. Der Rüdiger war aber von Anfang an für Frankreich.
Rüdiger: Weil ich mich im Fußball auskenne.
Stichwort: Neues Album.
Rüdiger: Wir wollten mit dem Album eigentlich einen Punkt hinter drei Jahre Bandgeschichte setzen, wo wir nur unterwegs waren und nicht die Möglichkeit hatten, auch durch den fehlenden Plattenvertrag, eine Platte aufzunehmen. Wir wollten ein buntes Album machen, das trotzdem kracht und nicht langweilig wird. Das, denken wir, ist uns gelungen.
Es sind fünfzehn Lieder auf der Platte, wo jedes sein spezielles Thema behandelt. Sie handeln nicht nur vom Sport. Wenn sportliche Themen angeschlagen werden, dann sind sie nur als Metapher zu sehen, weil uns der Sport sehr viel bedeutet und aus dem heraus die Gedanken entstehen. Wenn du ein Buch von einem bestimmten Schriftsteller liest, dann siehst du auch erst mal, während der Zeit des Lesens, alles durch dessen Brille. Bei Liedern wie 'Hockey‘ ist es so. Der Refrain ist einfach Hockey, in den Strophen geht es darum, morgens aufzustehen, sich mit Freunden zu treffen und Spaß zu haben, nichts anbrennen zu lassen. ,Wir müssen gewinnen‘ baut auf Zitaten von Sportlern auf. Es gibt Liebeslieder, Lieder über Sehnsüchte. Was uns wichtig erscheint, ist, daß ein Gefühl in der Platte entsteht: Ein Gefühl vom Ausbrechen, den Kopf nicht hängen zu lassen, ein bißchen Gas zu geben und nicht immer stehen zu bleiben – ein bißchen eine sportliche Attitüde – vielleicht. Wir sind schon Typen, die kritisch hinterfragen, ihr Leben kritisch hinterfragen können und kritisch führen, aber die sich in dem Ganzen nicht verstecken, nicht zuhause einschließen und keineswegs es sich nicht gönnen würden, auch Spaß zu haben und dem Ganzen etwas Positives abzugewinnen.
Sportfreunde als die lustigen Tocotronic?
Flo: Nein. Der Vergleich ist bei der Musik nicht ziehbar. Die Musik ist anders, weil die Grundeinstellung zur Musik und zur textlichen Verarbeitung auch ganz anders ist. Tocotronic jammern über alles, beschweren sich über alles, lassen den Kopf hängen. Bei uns ist das Gegenteil der Fall. Wir haben eine positive Einstellung zum Leben, was nicht heißt, daß wir immer lustige Texte machen und überall die Sonne scheint, sondern das wir auch nachdenkliche Lieder schreiben und haben, Texte schreiben, die hinterfragt werden sollen und die Themen hinterfragen.
Rüdiger: Ich glaube nicht, daß bei Toco immer nur der Kopf hängen gelassen wird. Die drücken es einfach anders aus. Sie haben eine andere Sicht dazu. Es bleibt jedem selbst überlassen, wie er es findet. Wir haben unsere eigene Einstellung.
Flo: Ich wollte es nicht schlecht heißen. Tocotronic sind völlig in Ordnung, aber es ist erkennbar, daß die sich eher laufend über etwas beschweren. Ich kenne kein positives Lied von ihnen, wo sie irgendetwas loben oder irgendwas toll finden.
Rüdiger: Das Vergleichthema kann man abhaken, da wir seit vier Jahren unter Beweis stellen, daß wir unsere eigene Sache machen. Wir haben genauso viel gearbeitet an unserem eigenen Ding – bloß auf einem kleineren Level als Toco. Wir gönnen es ihnen völlig. Es ist total korrekte Musik. Man kann das einfach nicht vergleichen. Man kann auch nicht einen Apfel mit einer Birne vergleichen. Ich kann sagen, ein Apfel ist rund, eine Birne ist auch rund, aber eine Birne hat oben so einen kleinen Stummel.
Flo: Du kannst nur sagen, es ist Obst und bei uns ist es eine Art Musik – Rockmusik, Gitarrenmusik.
Rüdiger: Dieser leidige Vergleich zerstört auf Dauer eine Vielfalt, die in der Musik entstehen könnte. Im HipHop ist es so, daß sich die Bands untereinander supporten, daß sie für ihre eigene Musik kämpfen oder sonst irgendwas, einfach damit Musik, hinter der sie stehen, bekannt wird und ein breites Publikum erreicht. Das sollte in der deutschsprachigen Rockmusik endlich auch der Fall sein. Schreiberlinge sollten endlich checken, daß es gut ist, wenn es viele Bands gibt. Auch für Toco ist es gut, wenn es viele Bands gibt, weil sie selber nicht so unter Druck stehen. Das muß man endlich durchbrechen, immer an eine Sache zu denken, immer eine Band hochzuhalten, die jetzt das Momentane ist. Wenn die einen kleinen Durchhänger hat, ist sie plötzlich total scheiße. Dann kommt die nächste Band. Das ist eine gehässige, falsche Art, eine ganz komische Art, die ich auf Dauer nicht verstehe und die ich auch nicht mehr akzeptieren mag.
Wie ist es, als Band aus München zu kommen?
Flo: Man bekommt immer so komische Aversionen entgegen gestreckt. Nördliche Bands, Hamburger Bands vor allem, akzeptieren anscheinend die Entwicklung nicht, die jetzt aus München hervorging. Uns stört das sehr wenig, weil wir wissen, daß auch in München oder im süddeutschen Raum sich jetzt eine Entwicklung getan hat. In München ist man so das Bauernvölkchen vom Lande, dem nichts zugetraut wird, aber ich denke, daß wir den da oben mal gezeigt haben oder zeigen werden, daß auch die Rockmusik durchaus aus dem Süden kommen kann oder daß auch die österreichischen Bands – Naked Lunch, 99, Heinz aus Wien – dort oben mal auf die Pauke hauen. Es ist leider so, daß wir Südländer einen schwierigen Stand in dem Metier haben. Wir sind die, die mehr Temperament haben und die nicht so langweilig wie die Norddeutschen sind.
Rüdiger: Das war früher so.
Peter: Ich glaube, daß du da einen Komplex hast.
Rüdiger: Es ist schwierig, wenn du in der Stadt groß wirst und Musik machst, für die es keine Lobby gibt, keine Infrastruktur, keine Plattenfirmen und wenig Bands, die bereit sind, zusammenzuarbeiten. In Hamburg zirkuliert das. Da arbeiten alle Musiker zusammen und vielleicht gehört dieser Lokalpatriotismus einfach dazu: Daß man sich abgrenzt und dadurch noch mehr Kreativität und Austausch entwickelt, indem man ganz genau weiß: Wir kommen da her und wir halten zusammen. Das gibt es in anderen Städten weniger, in München wirklich nicht.

So bleibt zu hoffen, daß das Team Stiller gegnerischen Teams gegenüber weiterhin Torerfolge verzeichnen kann und 'Cordoba‘ für sich zu verbuchen vermag.
Wer sich im Sport nicht auskennt, besuche: www.sportfreunde-stiller.de