: blumfeld : testament der angst

text: ernest meyer

Was auf ersten Anhieb wie eine weitere Folge der legendären Edgar Wallace-Filme klingt, offenbart sich kurz darauf unversehens als ein weiteres gutes Blumfeld-Album. Klar ist aber auch, daß aus der sentimental-aggressiven Stimmung eine sentimental-hedonistische Weltsicht geworden ist. (Vergleiche auch Schlagworte der 1980er Jahre; >Tanzend in den Abgrund<, >lachend ins Verderben< etc).

Blumfeld!. Wer da an saftige Wiesen und blumige Heiden denkt, ist selber schuld. Ein Blick ins Archiv fördert es ans Tageslicht:: >Blumfeld, ein älterer Junggeselle< ist eine >Franz Kafka<-Kurzgeschichte, an den Schulen wenig gelesen, ein weiterführender Lesetip. Was jetzt nicht heißt, sie wäre weniger gut als seine anderen.

Zurück zum >Testament der Angst< .Statt >Blacky Fuchsbergers< sonorer Sprechweise kommen uns hier >Jochen Distelmeyers< Lyrics entgegen, es tut gut, sie wieder mal zu hören. Diese Stimme der Klarheit. Das Album enthält neben Liebsliedern für Erwachsene auch den einen oder anderen Ausreißer, der Titelsong >Testament der Angst< erinnert vage an aggresivere Hits wie >Jet Set< (auf >Le Etat et moi<, 1994), der reifere Hörer mag sich auch an >Joy Division< erinnern, die spielten doch auch so akkurat Guitarre, nein! Nicht die Grunge-Guitarre, die ja für gewöhnlich unten am Schenkel mit weit nach hinten gebeugtem Oberkörper gespielt wird. >Blumfeld< präsentieren ihren präzisen Synchron-Rhythmus-Stil ungezwungen und aufrecht, das Instrument in der Hüfte, und entlocken diesem schön gewobene Harmoniepassagen, vielleicht gibt es ja noch mehr Übereinstimmungen (mit >Joy Division<). Beim Live-Gig wurden jedenfalls beide Bands in Hemd, Krawatte und Seitenscheitel erwischt. Und da liegen immerhin mehr als 20 Jahre dazwischen. Was zweierlei beweist, erstens, daß Modetrends in Zyklen laufen und zweitens, daß immer noch genug Raum für intelligente deutsche Popmusik existiert, die sich nicht scheut, ab und zu politisch zu agieren.

Die Betroffenheit eines denkenden, humanistischen Menschen, der an der Teilnahmslosigkeit seiner Umgebung leidet, ist auch echt, jedoch ist >Jochen Distelmeyer< ein modernerer Mensch als >Ian Curtis< , vielleicht trennt die beiden die Dialektik und vielleicht hätten >Blumfeld< in den 1990er Jahren nicht ihre Zeit mit der Teilnahme an politischen Fernseh- und Radio-Debatten vertun sollen. Sondern mehr Alben aufnehmen wie >Die Ich Maschine< (Der Blumfeld-Erstling, wer den je gehört hat, wird den Vergeich mit > Joy Division< besser verstehen). Natürlich waren und sind >Joy Divison< noch immer der deprimierendere Trip, vor allem, wenn man weiß, wie der endete...>Isolation< liegt uns ja noch immer gut im Gehörgang.

>Testament der Angst<, das neue Album vom >Blumfeld< ist deutlich weniger kitschig als das 3. Album>Old Nobody, 1999<., reicht aber hitmäßig an die ersten beiden nicht heran (z.B.:>Verstärker<, L´Etat Et Moi 1994). Trotzdem Respekt vor dieser schönen, zeitlosen Musik, die nicht etwa seicht, sondern sehr sehr gefühlsbetont vieles gutmacht, was viele schon lange vermissen. Deutsche Texte zu hören, die uns nachdenklich stimmen. Gehört ins Plattenregal!