: "comwear" statt barcode : oder
: die dümmste seite des sommers : www.p2.com

In einer Zeit, wo Individualisten so gemieden werden wie weiland die Leprösen, Emotionen bestenfalls aus den Fernseh-"Soaps" nachgeäfft anstatt selbst entwickelt werden, ist es gar nicht leicht, den Jugendlichen noch mehr ihrer schwindenden Identität zu rauben.

Werbestrategen siegen immer. Durch das jahrelange Konditionieren haben sie uns schon viel einer Brave New World beschert.

Die Kennzeichen: Kritikloses Bewußtsein, Gleichschaltung durch politisches Desinteresse, nur mehr ein Ziel vor Augen, nämlich so wie die Aushängeschilder des "virtuell business", Abzocker wie z.B. Shawn Fanning, in kürzester Zeit Millionen zu machen ohne je gearbeitet zu haben und das alles mit einem Bildungskoeffizienten jenseits von Taxi Orange.

Doch Werbestrategen siegen immer. SMS ist noch immer ein blühendes Geschäft, es kostet nicht viel, daher kann es sich jeder leisten. Auch kleine Beträge summieren sich. Das Geschäft mit dem sog. Flirt boomt auch, chaträume ohne Ende. Wie toll wäre es erst, wenn man jemanden Fremden, den man gar nicht kennt, den man vielleicht attraktiv findet, ein SMS zukommen zu lassen?

No Problem! Vorausetzung dafür jedoch ist, daß der/diejenige eines dieser grauenhaften "comwear” T- Shirts anzieht, die mit Nummern wie "R2D2” auf Brust und Taille bedruckt sind. Was wie ein schlechter Scherz klingt kann jeder ab sofort erwerben. Ich sehe schon wieder Legionen von Trendsüchtigen in die Verteilermärkte pilgern, brav ihren Obulus entrichten um solche Shirts zu erstehen. Um dann mit dem Handy bewaffnet im Beserl-Park zu sitzen um auf ein sms zu warten.

Der Text des Inserats für "comwear", entdeckt im aktuellen Falter, der Stein des Anstoßes, gibt sich emotionslos wie selten:

1. Du erspähst eine/n comwear träger/in nach deiner Fasson.
Fasson...? Hm, warum eigentlich nicht Geschmack? Oder deiner Kragenweite? Fasson bedeutet doch nichts anders als Maß, es kommt also nur auf den "Body" an. Wir wissen ja aus Erfahrung: Allein das Oberflächliche zählt, das, was jeder mit bloßem Auge erblicken kann.

2. Sende ihr/ihm einen SMS mit deiner subtilen Botschaft an Tel.NrXXXXXX
Frage! Warum kann ich nicht gleich auf diese weibliche Person zugehen, wenn ich sie auf der Straße erspähe, denn genau das ist auf der primitiven Abbildung, die den Text begleitet, zu sehen: Ein weibliches Wesen präsentiert kokett ihr quer übers Dekolleteé gedrucktes "R2D2", stemmt dabei herausfordernd ihre beiden Hände gegen ihre Hüfte und wartet geduldig, bis das Männchen, welches groß im Vordergrund skizziert ist, ihre Nummer (des T-shirts) eingibt. Und dann kommt die subtile SMS: "Schöner Mensch! So allein?" Wie gesagt, subtil. Selten so gelacht. Verglichen damit ist ja selbst die abgenudeldste Anbandelmasche "Darf ich dich auf ein Getränk einladen" geradezu von Goetheanischer Schöngeistigkeit.

Freunde, wenn das nur mehr so abläuft, ist die Menschheit aber bald ausgestorben. Was um Himmels willen wäre denn dabei, die Dame des Verlangens einfach anzusprechen, oder sind da draußen nur mehr Karikaturen ohne jegliches Selbstbewußtsein? Das kann doch gar nicht sein, bei soooo viel "sporty" Freizeitaktivität, von Bunji Diving über Beachvolleyball, wenn all das nicht zu mehr Selbstvertrauen führt, wozu macht man es dann? Rätsel über Rätsel.

3. Deine SMS kommt an.
Na hoffentlich, sonst hätte man sich mit dem Geld dafür einen Kaugummi kaufen können, der hält länger.

4. Den Rest brauchen wir nicht zu erklären.
Sehr schade, jetzt wo es endlich spannend wird, lassen sie uns im Stich. Immerhin sind es laut "comwear" nur gezählte 4 muntere Schritte bis zum Flirt, dieser wird übrigens vermittels Händchenhalten dargestellt.
Und ich Ahnungsloer dachte bisher immer, flirten hätte eher etwas mit Verbal-Erotik zu tun als gleich mit "Betatschen-müssen".

Doch zurück zum Thema:

Es ist noch gar nicht lange her, da wurde die Vergabe von Nummern, das Gleichsetzen mit einer Nummer, dem Fabriksarbeiter, dem ewigen Sklaven des Kapitalismus zugeschrieben. Eine Nummer zu sein galt dem modernen Menschen als das Letzte, das, was Persönlichkeit negiert, jede Eigenständigkeit auslöscht. Somit durfte man das Nummerieren von Menschen ruhigen Gewissens als Verachtenswert ansehen. Einige unter uns, ich spüre es genau, finden es auch heute noch als das allerletzte, so auch der Verfasser dieser Zeilen.

Und ich hoffe inbrünstig, daß diese T-shirts und Baseballmützen (würg!) schweineteuer verkauft werden, denn wer so dumm ist, sich freiwillig gegen Geld zur Nummer zu degradieren, der muß einfach abgezockt werden.

: related links :

www.p2.com
www.skim.com
- (von dort stammt ja wohl die Grundidee)