: die happy : frau an der front

text & interview: andreas probst

Spätestens seit ihren zwei Wien-Gigs dürfte auch den letzten Zweiflern klar geworden sein, daß die einzige von vielen "Fachleuten" mystifizierte Gemeinsamkeit zwischen Die Happy und den Guano Apes, in der Formation, also eine Frau im Rampenlicht und drei Mann an Gitarre, Bass und Drums besteht. Vielleicht auch noch darin, beide Gruppen kommen entgegen anders lautender Stories auch ganz gut miteinander aus.

Schade nur, daß sich wie oft im Chelsea das Publikum in Nah-Seher im vorderen, und Fernseher im hinteren Raum teilen muß, was aber letztendlich der guten Stimmung keinen Abbruch tat. Eher nur peinlich, einmal mehr bewies die Wiener Exekutive wenig Fingerspitzengefühl mit ihrem fragwürdigen Verkehrsbehinderungseinsatz. Vielleicht schaffen es die Verantwortlichen ja mal die Zeichen nicht auf Verhinderung sondern Förderung progressiver Kommunikation zu stellen.

Als Marta Jandova Mitte September 1993 nach Deutschland kam, will die gebürtigeTschechin eigentlich Dolmetscherin werden. Doch wie so oft im Leben kommt alles ganz anders. Sie lernt den Gitarristen Thorsten Mewes kennen, es kommt zu einem Vorsingen, und schon ist die erste Die Happy Besetzung perfekt. Neben Marta und Thorsten, Julian Rosenthal am Bass und Marcus Heinzmann Drums. Für Julian springt bald Frede ein und es geht munter weiter. Im Mai `94 fährt die Band nach Tschechien, wo im Studio von Martas Vater die EP Better Than Nothing aufgenommen wird. Das erste legendäre Die Happy Konzert findet am 19.3.1994 in Wippingen bei Ulm statt. Es folgen zahlreiche weitere Auftritte u.a. im Prager Rock Cafe. In Tschechien wird dann auch wieder in Vaters Studio der erste Longplayer Dirty Flowers eingespielt. Als 1997 in Baden-Württemberg die Rockförderung ins Leben gerufen wird ist Die Happy die erste Band, die in den Genuß des Bandpools kommt. Es stehen noch einige Konzerte auf dem Plan, deren Highlights Gigs mit Such A Surge, H-Blockx und Bell, Book & Candle sind. 1998 bringt neben dem Support bei den Guano Apes auch den 1. Preis bei Baden- Württemberg Rockt und erste Kontakte zu Mayor Labels. Aus dem Head of Agreements mit Epic/Sony im folgenden Jahr wird jedoch nichts. Dafür lernt die Band Wolfgang Stach, den Produzenten der Apes kennen und stellt mit ihm einige Demos zusammen. 1999 bringt aber noch andere Veränderungen und Höhepunkte. Schlagzeuger Helmut verläßt die Band und wird durch Jürgen Stiehle ersetzt. Im Mai "Rockt man am Ring" und im September wirft Frede das Handtuch. Dafür kommt Bassist Ralph Rieker und wird fester Bestandteil der Happies. Mitte November werden Kontakte zu BMG Ariola geknüpft, die am 10.12.99 in München mit dem Vertragsabschluß enden. Die Band ist komplett, der Vertrag unter Dach und Fach, so geht es volle Kraft ins Jahr 2000. Open Airs sind die Regel und im August steht die Popkomm auf dem ausgefüllten Programm. Am 2.10. kommt dann endlich die Single "Supersonic Speed" auf den Markt, der das gleichnamige Album und entsprechende Promo-Touren folgen.


Mit einer etwas torurmüden Marta Jandova sprach Andreas Probst für wellbuilt.

wellbuilt: Marta, das ist jetzt Euer zweites Konzert binnen sechs Wochen in Wien. Ihr seid auf Promo-Tour für Euer Album Supersonic Speed. Wie lange schon?

M.J.: Jetzt im Stück touren wir seit Anfang Februar und bis Mitte September werden wir noch unterwegs sein.

wellbuilt: Ist es auf die Dauer nicht sehr streßig immer on the road?

M.J.: Ja und nein. Es ist nicht wirklich streßig aber manchmal überkommt einen schon etwas Heimweh weil man eigentlich nie alleine ist. Wir sind zehn Leute. Vier auf der Bühne, Busfahrer, Techniker und das auf engstem Raum. Da will jeder dann einfach mal seine Ruhe haben.

wellbuilt: Touralltag, ein wirklich interessantes aber ausgiebiges Thema auf das wir vielleicht ein andermal eingehen können. Wieviel Jahre habt Ihr Stage-Erfahrung? Wann war Euer erstes Konzert?

M.J.: Unser erstes Konzert hatten wir 1994, nicht mal ein halbes Jahr nachdem wir die Band gegründet hatten.

wellbuilt: Auf Euren Konzerten fällt vor allem neben Deiner intensiven Bühnenpräsenz Deine Suche nach dem engen Kontakt zum Publikum auf. Du sprichst die Leute fast persönlich an und liebst das Feedback.

M.J.: Ja, das ist mir sehr wichtig. Ich suche die Nähe zu meinem Publikum, brauche den Energieaustausch.

wellbuilt: Was macht da den Unterschied von kleineren Clubs wie z.B. dem U4 oder hier im Chelsea zu großen Hallen oder Open-Airs aus? Hast Du Deine Vorlieben, bereitest Du die Auftritte anders vor?

M.J.: Nein, nicht wirklich. Beim Ende der Open-Air Saison freuen wir uns auf die Club-Gigs und wenn die uns dann zu viel werden steht ja schon wieder eine neue Open-Air Saison auf dem Programm.
Eines ist uns so lieb wie das andere. Beides hat etwas für sich. Bei den Festivals ist das Klima meistens angenehm und man trifft auf andere Bands. Alles passiert viel gemeinschaftlicher. Das Ganze ist wie eine große Party und wir können mit den anderen abrocken. Ein echtes Sommer Party-Feeling. In den Clubs spielt man meist alleine oder nur mit einer Vorband. Da kommen wir dann richtig ins Schwitzen und können zeigen was wir so alles drauf haben.

wellbuilt: Also ist es schon so, daß die Club-Gigs vom musikalischen Wert her im Vordergrund stehen?

M.J.: Ja sicher, der Sound ist komprimierter. Das einzige was ich nicht mag, wenn in kleinen Clubs die Bühne zu hoch ist. Da bin ich zu weit weg von den Leuten.

wellbuilt: Wagst Du manchmal den Sprung ins Publikum wie unlängst Coby Dick von Papa Roach, der sich todesmutig von den sicher drei Meter hohen Boxentürmen in die Menge stürzte?

M.J.: Nein, hab ich mich noch nicht getraut. Habe ich zu viel Angst davor.

wellbuilt: Wie seht Ihr Eure musikalische Weiterentwicklung? Der Sound, den Ihr spielt ist doch eher trendabhängig. Spricht vor allem das jüngere Publikum an. Wollt Ihr daran etwas verändern? Habt Ihr noch andere Ideen im Background?

M.J.: Das entwickelt sich alles mit der Zeit. Man wird ja indirekt von dem beeinflußt was man hört, Dingen, die um einen geschehen. Das geht bei uns oft in eine unterschiedliche Richtung. Ralph und ich sind zur Zeit eher auf dem ruhigen Trip. Wir hören ganz gerne leisen englischen Pop, ruhig plätschernde Sachen. Während unser Schlagzeuger und der Gitarrist eher nach vorne powern. Aber im Grunde wird die Richtung gleich bleiben, wir werden unseren Musikstil nicht verändern. Was aber nicht heißt, daß wir uns anderen Einflüssen verschließen.

wellbuilt: Wie wichtig war für die Entwicklung von Die Happy die Unterstützung von der Rockstiftung Baden-Württemberg und SWR 3?

M.J.: Musikalische Förderungsorganisationen gibt es ja viele in Deutschland, aber nicht alle haben den richtigen Weg eingeschlagen. Die Rockstiftung und SWR 3 leisten da wirklich Großartiges und Richtungsweisendes.

wellbuilt: Wie kam der Kontakt zustande?

M.J.: Der hat sich so entwickelt. Wir haben damals gerade in Karlsruhe gespielt und einer von der Stiftung kommt von dort. Der SWR 3 unterstützte das auch alles und wir waren die erste Band, die sie in den Pool genommen haben. Denen hat unser Demo so gut gefallen, daß sie gleich gesagt haben >Ihr seid genau die Band die wir suchen<.

wellbuilt: Was macht die Rockstiftung genau?

M.J.: Das ist ja das Tolle. Da werden Seminare abgehalten von Leuten, die wirklich aus der Branche kommen. Man nimmt eine Band, die wird dann ein oder zwei Tage lang produziert. Die anderen können dabei sein, sich das anschauen und sehen wie so etwas in der Praxis abläuft. Oder die Bands müssen einige Songs vor allen Fachleuten spielen und hinterher wird dann genau analysiert. Was ist okay, was nicht. Außerdem bringt es den Leuten eine Menge Connections.

wellbuilt: Gibt es auch finanzielle Unterstützung?

M.J.: Nein, die gibt es nicht. Es ist eher wie eine Schule in der die Grundlagen gelegt werden.

wellbuilt: Das alte Thema Plattenlabel. Inwieweit seid Ihr abhängig, welchen Spielraum habt Ihr bei den Produktionen?

M.J.: Bei den Produktionen haben wir absolut freie Hand. Dank des Vertrauensverhältnis zwischen Plattenfirma und Produzent liefen die Arbeiten am Album völlig reibungslos. Viele Gruppen gehen deshalb nicht zu einem Major Label weil sie Angst haben umgewandelt zu werden. Der Meinung bin ich aber nicht. Man kann es natürlich mit sich machen lassen, aber wenn du es nicht willst passiert es auch nicht. Ein Kompromiß findet sich immer.

wellbuilt: Euer Produzent Ralph Quick. Wie ist die Zusammenarbeit mit ihm? Ist er so etwas wie der fünfte Die Happy? Gibt es ja oft bei Bands. Die Beatles hatten einen Georg Martin, oder Loog-Oldham bei den Stones.

M.J.: Er ist unser Vater, sagen wir mal. Wir nennen ihn unseren Papa obwohl er noch sehr jung ist.

wellbuilt: Es gibt ja auch junge Väter. Marta, Deine Texte sind sehr lyrisch, spiegeln Dein Innerstes wider. Sind auf Dich bezogen. Lebensfragen, Beziehungserfahrungen. Z.B. "Higher Ground" und "Show Me Heaven". Oder psychedelische Reisen wie "One Million Times". Wird sich das bei neuen Produktionen ändern? Gibt es vielleicht politische oder sozialkritische Texte?

M.J.: Das ist nicht so unser Ding. Natürlich interessieren mich diese Themen auch aber nicht um sie auf der Bühne weiterzugeben. Da bin ich zu wenig politisch orientiert. Auf der Bühne zu stehen ist für mich sehr persönlich. Ich zeige meine innersten Gefühle. Wenn ich politisch sehr engagiert bin, wäre es der richtige Weg entsprechende Texte zu haben. Ich bin ein eher sensibler Mensch und reagiere auf alle möglichen Sachen oft zu emotionell. Deswegen ist es für mich wichtig den Leuten, Dinge die ich sehr schön finde, die aus meiner Seele kommen, zu erzählen.

wellbuilt: Wo wir schon beim Thema sind. Wann gibt es ein neues Album von Euch?

M.J.: Wir arbeiten daran. Es soll bis Ende des Jahres fertig aufgenommen sein und dann im Frühjahr nächsten Jahres herauskommen.

wellbuilt: Was machst Du bei all diesen Anstrengungen um Dich fit zu halten? Yoga, Joggen, autogenes Training?

M.J.: Ich versuche ein wenig Sport zu betreiben, Muskelaufbau usw. Ist aber unter Tour-Bedingungen nicht immer einfach.

wellbuilt: Euer Video zu Supersonic Speed habt Ihr ja mit viel Spaß in Berlin gedreht. Sind das Eure Ideen, schreibt Ihr das Buch selbst?

M.J.: Nein, da fehlt uns noch die Erfahrung. Wir wußten ja gar nicht wie man so etwas angeht. Den Song bekommt eine Produktionsfirma, die dann verschiedene Vorschläge dazu präsentiert. Wir überlegen dann welches Treatment uns am besten gefällt. Ich finde man muß eine zündende Idee haben. Wenn ich die nicht habe, ist es nicht so schlimm einen Regisseur damit zu beauftragen. Der ist ja doch etwas outstanding und wird nicht so beeinflußt wie die Musiker selber.

wellbuilt: Marta, vielen Dank für das interessante Gespräch.