: elvis – that’s the way it is :

text: christoph bacher

Eigentlich waren sie alle recht emotionslos gekommen. Pressevorführung – das Wort an sich verpflichtet vorbeizuschauen, verpflichtet aber nicht, guter Laune zu sein. So sah man gähnende Gesichter, vom Buffet gesättigte Bäuche und lustlos herumlungernde Gestalten, die wenig gebannt dem einzigen nervösen Menschen der Veranstaltung lauschten. Sein Name: Wolfgang Hahn. Seine Profession: PR-Veranstalter. Eben, der muss nervös sein.

Hahns überschwelliger Einleitungskommentar machte dann die ersten hellhörig. Entweder der Mann ist wirklich ein PR-Genie – dann würde er allerdings nicht in einer winzigen Agentur dahindümpeln – oder er ist von seiner Sache so überzeugt, dass sie etwas Besonderes sein muss. Aber wie kann sie das? Elvis – zugeben einer der größten Musiker des vergangenen Jahrhunderts – ist immerhin fast 25 Jahre tot, der Konzertmitschnitt älter als 30 Jahre. Das lockt doch heute niemanden mehr ins Kino. Warum also der Aufwand? Warum hat Hahn das größte Lichtspieltheater Österreichs gemietet und die halbe Presselandschaft eingeladen, um ein Konzert zu präsentieren, für das selbst die Eltern mancher Anwesender zu jung waren?

Die Antwort folgte prompt: Weil dieses Konzert komplett neu, im zeitgemäßen Stil geschnitten und der Ton digital überarbeitet wurde. Bereits bekannte Nummern werden aus anderen Kamerapositionen gezeigt und bringen neue Details ans Licht. Über zwei Jahre waren Techniker und Cutter mit der Neuaufbereitung dieses legendären Las Vegas-Auftritt beschäftigt. Jetzt wurde das Ergebnis erstmals der Öffentlichkeit präsentiert. Und jetzt hatte Hahn erreicht, was er wollte, alle hatten sich auf ihren Plätzen aufgerichtet, die Köpfe gerekelt und den vollen Bauch vergessen. Wenn das so ist, dann werfen wir doch einen Blick auf Herrn Presley!

Und der kam, wie man es nie erwartet hätte: Elvis, der Las Vegas-Sänger, von Laien als aufgeschwapptes Monstrum erwartet, fesselt bereits in der ersten Szene alle Zuseher. Dünner, kraftvoller und explosiver haben selbst hartgesottene Elvis-Fans ihr Idol noch nicht gesehen. Der Mann schmettert das Medley "Mistery Train/Tiger Man", als würde er der ganzen Welt beweisen wollen, dass es nur einen King gibt.

Und das wollte Elvis 1970 tatsächlich. Acht lange Jahre hatte der Sunnyboy nur schlechte Filme gedreht und Bühnen nur von unten gesehen. 1969 hatte er genug davon und wollte wieder singen. Nicht zu Hause in Graceland für Priscilla und Klein-Lisa Marie, sondern vor Live-Publikum. Also unterzeichnete er einen der höchst dotierten Verträge der Musikgeschichte, um im International Hotel in Las Vegas, 60 Auftritte zu absolvieren. Aus der ganzen Welt reisten damals die Fans an. Darunter solche, die den King bereits aus den 50er Jahren kannten und mit ihm gealtert waren, aber auch andere, die erst zwei Jahre zuvor in Woodstock Janis Joplin zugejubelt hatten. Elvis versammelte alle: Alt-Rock’a’Billys, Jung-Hippies, Hollywood-Stars und Bauarbeiter aus East-Los Angeles. Der König war zurück und das Volk bejubelte seine neuerliche Krönung.

All das macht die erste Sequenz aus "Elvis – That’s the way it is" deutlich. Ein Superstar steht auf der Bühne und verursacht Herzklopfen wie man es vom ersten Rendezvous kennt. Doch der Superstar ist kein abstraktes Wesen mehr, das versteckt in seiner Villa Allüren auslebt. Elvis wird im ersten Teil der Dokumentation bei den Proben für seinen Auftritt gezeigt. Dort albert er herum, fällt beim Klavierspielen vom Sessel und strampelt am Tandem von Studio zu Studio. Dabei ist der Mann im Seidenhemd mit aufgestelltem Kragen der unumstrittene Dirigent. Er sagt dem Gitarristen, wenn er einen Akkord zu tief spielt, dämpft den Drummer, wenn die Geschwindigkeit mit ihm durchgeht und tadelt den Background-Chor, wenn er zu hoch singt. Elvis – oft als musikalischer Teenager abgetan – präsentiert sich als Genie, das genau weiß, wie ein Rock’n Roll-König in den 70er Jahren klingen muß.

Nach knapp einer Stunde, inzwischen sitzen alle Gäste der Pressepräsentation aufrecht in ihren Sesseln, ist es endlich soweit. Richard Strauß‘ "Also sprach Zarathustra" kündigt den Konzertbeginn an. Und die Herzen pochen, als wäre man live dabei. Die Lichter gehen aus und auf der 120 Quadratmeter großen Leinwand spielt sich Unglaubliches ab. Frauen toben und kreischen wie es selbst Ricky Martin noch nicht erlebt hat, als ein sichtlich gutgelaunter King mit liebevoll-zynischen Lächeln die Bühne betritt. Die folgenden eineinhalb Stunden kann man kaum beschreiben. Egal ob "That’s all right Mama" oder "Hound Dog" (a very tender love song), fast minütlich fürchtet man, dass die Leinwand explodiert. Die Cutter haben aus dem 30 Jahre alten Konzert tatsächlich einen Film geschnitten, der den Anschein erweckt, als wäre er gestern aufgenommen worden. Schnelle Kamerawechsel, vom Close up zur Totalen, ein Schwenk ins Publikum – es scheint als wäre der King noch mitten unter uns und hätte den Sprung ins neue Jahrtausend spielend geschafft.

Naheliegenderweise lässt Elvis dabei keinen Hit aus. Von "Heartbreak Hotel" schwenkt er zu "In the Ghetto", auf "All shook up" folgt "Don’t be Cruel." Doch der King legt keinen Wert darauf, sein Konzert runterzuspulen, wie es zeitgenössische Pop-Fritzen gerne machen. Er nimmt sich Zeit, treibt seine Späße und bei der Edel-Schnulze "Love me Tender", glaubt man seinen Augen nicht zu trauen. Elvis legt das Mikrophon beiseite und steigt hinab zum kreischenden Publikum – voll improvisiert. Die Band im Hintergrund weiß nicht, was sie tun soll, auf einen Fingerzeig spielt sie einfach kopfschüttelnd weiter. Den Bodyguards steigen die Schweißperlen auf die Stirn, doch Elvis läßt sich nicht beirren. Er begrüßt gaffende Männer mit lässigem Schulterklopfen und umarmt ohnmächtige Mädchen mit einem verschmitzen Grinser. Die Zahl der Küsse, die er in diesen knapp vier Minuten austeilt, ist in der Menscheitsgeschichte wahrscheinlich unvergleichlich. Ein König gibt sich volksnah, völlig unerwartet.

Nach einer Runde durch die gesamte Halle kehrt Elvis zurück auf die Bühne. Ein Band seines Jump Suits hängt abgerissen zu Boden, seine Haare sind wild zersaust, doch man sieht: Der Mann fühlt sich wohl. "Polk Salad Annie" – und der King ist wieder in seinem Südstaaten-Element. Harte Rock-Rhythmen, zynische Blicke und Bewegungen, die vermuten lassen, woran das Schlitzohr gerade denkt. "Oh Lord have mercy!"

Schauplatzwechsel von der Leinwand in den Kinosaal. Dort fällt es den Zusehern schwer, nach jeder Nummer nicht mitzuklatschen. Ab und zu entkommt einer Dame ein leichtes "Pfoo" – ist sie erschöpft oder erregt? Niemand hat Zeit darauf zu achten. Schließlich singt Elvis gerade Dusty Springfields "You don’t have to say you love me" – eine der besten Nummern des Konzerts. Schlag auf Schlag, Hit auf Hit, Schnitt auf Schnitt – selbst Unsentimentale denken sich wohl: "Das hätte er sehen müssen."

Nach den Hits "Suspicous Minds" und dem Schlußlied "Can’t help falling in love" fallen die knapp 100 Zuschauer zurück in ihre Sessel. Elvis has left the building – und kein Anwesender im Kinosaal will sich damit zufrieden geben. "Können wir das noch einmal sehen", ruft einer aus der letzten Reihe, der zu Beginn der Veranstaltung noch gedroht hat, wegzupennen. Keine Chance. Wenn der King weg ist, bleibt nur die Erinnerung – und das Warten auf die Kinopremiere. Am 7. September ist es soweit. Dann können alle ihre Blue Suede Shoes herausholen und Elvis erleben, wie ihn selbst zu Lebzeiten niemand gesehen hat.
Der König ist tot, es lebe der König!

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