: faithless – backstage :

text: andreas probst

Mit ein Grund, daß Faithless ihre ersten großen Erfolge "Insomia" und "Salva Mea" aus dem 1996er Debutalbum Reverence in den deutschen Dancecharts feiern konnten, liegt sicherlich auch im kosmopolitischen Habitus der Band. Genauso vielfältig wie dieser ist auch das musikalische Konzept, das von Techno über Jazz, Soul und Blues bis hin zum Rock/Pop alle Stilelemente beinhaltet. Dabei liegen die Wurzeln von Faithless in der bunten Londoner Musikszene.

Den Kern des sowohl im Studio als auch live von diversen Musikern unterstützten Kollektivs bilden Produzent und Remixer Rollo, der erfahrene DJ Rapper Maxi Jazz sowie Sister Bliss, die neben einer klassischen Ausbildung am Klavier durch lange DJ Praxis auch produktionstechnisch versiert ist. Das Ergebnis des großen Erfolges war eine vierjährige Reise, die in entlegenste Regionen der Erde führte. Vom nördlichen Polarkreis bis Puerto Rico, oder als Support-Act von Prodigy in Südafrika, überall konnten Faithless neue Fans dazugewinnen. Dazwischen erscheint dann 1998 das eher melancholische Album
Sunday 8pm. Wie immer ist Rollo Armstrong eher bedacht im Hintergrund zu bleiben, remixt diverse Top-Acts und widmet sich seiner Produktionsarbeit, von der auch seine Schwester Dido, loses Mitglied der Faithless-Family, profitieren kann. Im Mittelpunkt aber immer der charismatische Maxi Jazz, der seine unermüdliche Energie aus dem Buddhismus zieht und die nicht minder aktive Sister Bliss. So kommt es in diesem Jahr zum bisherigen musikalischen Meisterwerk und Höhepunkt, dem dritten Album Outrospective. Kein einfaches Album, keine schnöde CD. Ein Werk, eine Symphonie von Farbe und Kontrast mit stillen ruhenden Momenten auf den Punkt gebracht. Das Geheimnis dieser Magie der Töne ist zweifellos in der inneren Harmonie und Stabilität innerhalb des Ensembles zu suchen. Wie immer im Vordergrund die kongenialen Maxi Jazz, mit seiner über den Dingen stehenden buddhistischen nach innen gekehrten Abgeklärtheit vs der agilen weltoffenen nach außen harmonisch aggressiven Sister Bliss. Dahinter ein die sphärischen Fäden ziehender, alles cool kontrollierende, sich selbst übertreffender Rollo. Schwebend über derlei technischen Finessen Schwester Dido, die nach ihrem überaus erfolgreichen Soloprojekt sichtlich gereift ist und einiges Selbstvertrauen getankt hat. Nahtlos gliedert sie sich mit dem mächtigen Melodram "One Step Too Far" im Duett mit Maxi Jazz gesungen ins Gesamtgefüge ein. Neu dabei und von Dido gefeatured die sensationelle Debutantin Zoe Dickson, die das klassische "Crazy English Summer" gekonnt zwischen den Über-Aufhänger "We Come 1" und Maxi Jazz‘ rappende Dancefloor Hommage an "Muhammad Ali" plaziert.
So können die "Liontamer" dank dieses außergewöhnlich weitgreifenden komplexen Albums im Gepäck der teilweisen Unbill einer neuen Tournee und anstrengenden Promo-Verpflichtungen gelassen und ruhigen Auges entgegensehen.

Andreas Probst sprach für wellbuilt mit Sister Bliss und Maxi Jazz.

wellbuilt: Du bist praktizierender Buddhist. Wie bist du dazu gekommen? Wie lange machst du das schon, und wie hat das dein Leben verändert?

Maxi Jazz: Nun, eine ehemalige Freundin hat mich dazu gebracht und es hat mir gleich sehr viel gegeben. Die Übungen sind wie Liegestütze für mich geworden. Zwei mal am Tag, morgens und abends. Es gibt mir eine Menge Kraft, die ich für meine Arbeit brauche. Auf lange Sicht gesehen machen die Übungen dich wirklich stark. Nach vier, fünf Jahren hat es absolut mein Leben verändert. Du findest die Kraft und Harmonie, die in der Natur vorhanden ist in dir selbst wieder, und bringst den Körper in einen natürlichen Rhythmus.

wellbuilt: Bist du auch der Meinung, daß die HipHop/Techno Bewegung wieder mehr politisches Bewußtsein für die Leute gebracht hat, nachdem die Zeit vorher eher hedonistisch und resignierend war?

Maxi Jazz: Ja, wenn man die letzten zehn Jahre des vorigen Jahrhunderts betrachtet, sind viele lange bestehende Institutionen zusammengebrochen. Der Eiserne Vorhang, der Krieg zwischen Protestanten und Katholiken in Nordirland, Israel und die Palestinenser. All diese Institutionen gab es vierzig/fünfzig Jahre, und in den letzten zehn Jahren ist das alles zusammengebrochen. Die Leute hätten vor fünfzehn Jahren gelacht, wenn einer gesagt hätte, die Berliner Mauer wird fallen oder Russland wird in verschiedene neue Länder aufgeteilt. Immer wenn der Schmerz zu groß wird wachen die Menschen auf.

Sister Bliss: Okay, laßt uns nicht allzu sehr ins politische abgleiten, das würde den Rahmen sprengen. Wir haben in vielen Ländern die mit solchen Problemen zu kämpfen haben gespielt, und das findet sich auch immer wieder in Maxis Lyrics. Kehren wir aber zur Musik zurück.

Maxi Jazz: In " We Come 1" geht es um genau dieses Thema. Es ist eigentlich ein Love Song. Ein Love Song für diese Menschen, um ihnen Kraft zu geben.

wellbuilt: Was ist der Unterschied zwischen euren drei Alben?

Maxi: Das erste Album war sehr schnell gemacht. Es herrschte eine gute Stimmung zwischen uns und wir haben viel zusammengesessen und geredet. Reverence war unser musikalischer Einstand. Beim zweiten Album Sunday 8pm hatte sich unsere Welt schon völlig verändert. Wir waren plötzlich Stars geworden und jeder wollte etwas von uns. Da machten wir dieses Album. Es war wie das Leben, das du hinter dir gelassen hast, in das du aber zurück möchtest. Deshalb klingt es vielleicht auch so melancholisch. Für Outrospective haben wir dann ein Jahr vom Touren pausiert. Wir wurden ruhiger und konnten nach außen schauen. Im Grunde dokumentieren die drei Alben unsere Entwicklung als Menschen.

wellbuilt: Ihr habt außer dem technischen Equipment auch einige Live Musiker dabei.

Sister Bliss: Ja, wir sind eine achtköpfige Live-Band. Es macht die Musik aufregender, und Menschen können die verschiedenen Stimmungen auch besser widerspiegeln. Unsere Musik ist auch so komplex geworden, daß wir mehr Leute auf der Bühne brauchen.

wellbuilt: Wechselt ihr die Musiker?

Sister Bliss: Wir haben unsere Stammbesetzung, mit mir und Maxi, auch der Bassist, und manchmal Dido, aber ansonsten haben wir unterschiedliche Line ups. Jeder Musiker macht dann auch mal etwas alleine, und dann kommt man wieder zusammen.

wellbuilt: Wie ist euer Bandname entstanden?

Maxi Jazz: Der Name ist beim ersten Album entstanden.Der erste Track an dem wir arbeiteten war "Salva Mea". Rollo wollte einen Text, der Enttäuschung und Verzweiflung ausdrückt. Ich war selbst gerade in einer solchen Situation und hatte kein Vertrauen in mich selbst. Ich mußte an mir arbeiten und Vertrauen in meine Fähigkeiten entwickeln. So dachte ich über die Menschen, die kein Vertrauen in sich selbst haben nach. Die Ungläubigen. Faithless, das wurde ein Single Projekt. Und als wir dann später das Album machten, sind wir an dem Namen hängengeblieben.

wellbuilt: Was habt ihr vor Faithless gemacht?

Sister Bliss: Ich machte DJ Aufnahmen mit Rollo.

wellbuilt: In London?

Sister Bliss: In London und fast überall auf der Welt.
Maxi Jazz: Ich habe bei einem Piratensender aufgelegt. Mein eigenes Plattenlabel am Laufen gehalten und natürlich gerappt.

wellbuilt: Wie entstehen eure Songs? Woher nehmt ihr die Inspiration?

Maxi Jazz: Es sind verschiedene Eindrücke die etwas bewirken. Manchmal aus dem technischen Bereich. Ein Basslauf, ein Akkordwechsel. Vielleicht beeindruckt ein Drumloop, oder inspiriert ein Stimmensample.
Sister Bliss: Oft sind es auch Situationen, die du selbst erlebt hast. Die möchte ich jemandem beschreiben, oder wenn sie negativ waren aus mir selbst vertreiben. Oder wir inspirieren uns gegenseitig. Rollo, als Kern von Faithless hat einen Songtitel geschrieben, ich sitze am Klavier und spiele einige Akkorde, oder wie Maxi schon sagt, werden wir von einer Stimmung ergriffen, die uns dann weiter führt.

wellbuilt: Wie ist euer Verhältnis zur Musikindustrie, zur Plattenfirma?

Sister Bliss: Wir haben ein sehr gesundes Verhältnis, in dem Sinne, daß wir keine Kompromisse machen. Keiner sagt uns was wir tun sollen, und wir haben die künstlerische Kontrolle. Wir haben auch keinen Manager. Das hat den Vorteil, daß wenn ich über etwas sauer bin, ich mich direkt und persönlich an den Company Chef wende und die Probleme selbst klären kann, ohne Vermittler.

wellbuilt: Wie lange werdet ihr jetzt touren, und was macht ihr danach?

Sister Bliss: Im September starten wir die Europa-Tournee, und dann geht es wieder um die Welt. Australien, Amerika. Viele Festivals und PR-Aktivitäten. Eine Menge harte Arbeit wartet auf uns.

wellbuilt: Good Luck, und vielen Dank für das Gespräch.



Faithless on tour:

07.10.01
Hamburg Congress Centrum
11.10.01 Wien Pepsi Club
12.11.01 Berlin Columbia Halle
13.11.01 Düsseldorf Philipshalle
19.11.01 München Colosseum

: related links :

www.faithless.co.uk
www.dance-world.de
www.in2sound.at