: popfakes : statt cornflakes

text: ernest meyer

Vielseitiger und abwechslungsreicher hätte eine heimische Label-Kompilation wohl nicht ausfallen können.. Überdies hinaus erfreut die Tatsache, daß der immerwährende Spruch "In Linz beginnts" noch immer ungebrochene Gültigkeit besitzt. Ein virtueller Lokalaugenschein von Ernest Meyer.

Mit Popfakes wagt sich seit langer Zeit wieder einmal ein österreichischer Musikagent/Produzent an die Öffentlichkeit und präsentiert einige seiner bunten Schützlinge. Daraus resultiert ein Reigen unterschiedlichster Musikkonzepte, von Pop-Artificielle bis hin zu experimentellen cut-ups, Dorfrock a la Drahdiwaberl bis Crossover-Freejazz, kurzum ein echtes Sammelsurium "genialer" Dilettanten, wenn man so will. "Noname" Bands wie "Lampe", "Egotrip", "Geleé royale", "Jomasounds" und "4 experimentelle, die nur 2 sind" (um es einfacher zu machen auf "4 exp 2" verkürzt) machen natürlich neugierig und schon nach dem ersten Probehören wird klar: Viel tut sich im ländlichen Underground, es gibt auch eine Welt ohne Sequenz-Festival oder Mego-Laptop-Geknarze, vielleicht sogar eine, die davon noch nie gehört hat.

Sofort bei www.popfakes.com vorbeigesurft, fiel das Auge des Betrachters der in coolen Farben getauchten Homepage zunächst einmal auf den "Roster", jenen Bereich, wo ausländische Künstler zum Booking angeboten werden. Gleich an erster Stelle ein vertrauter Name: Chris Cutler , Mitbegründer der legendären Canterbury Scene rund um Henry Cow, Zeitgenosse von Peter Blegvad (The naked shakespeare) etc. Lebt der jetzt in Österreich? Was ist hier los? So nach und nach, Klick für Klick stellt sich heraus, daß "Popfakes" viel mehr ist als bloß eine weitere Indie-Kompilation.

Es ist die neueste "Kopfgeburt" Wolfgang Almers, der nebenbei unter www.monochord.com einen gutsortierten Indie/Elektronik-CD-Versand betreibt (man führt Console, Anm) und gemeinsam mit dem in Wiener 20. Bezirk angesiedelten "Wüstenkatz Records" (www.wuestenkatz.cjb.net) ebendiese Popfakes-Label-Kompilation produziert hat. Der ehemalige Konzertveranstalter (KV Kopfsalat) ist gerade dabei mit Popfakes eine Plattform für agenturlose Musiker zu errichten, einen Booking/Mangament-Betrieb auf freiwilliger Basis, ohne Exklusivitätsklauseln. Was es nicht alles gibt. Vor der eigenen Haustüre gewissermaßen.

Jaja, die Arroganz der Großstädter läßt den Blick aufs Ländle nur selten zu, dennoch zahlt es sich in diesem Fall aus wie selten zuvor, entdeckt der interessierte Musiksammler doch einen florierenden Mikrokosmos alternativer Musik. Oder sind vielleicht alle Kreativen im Zuge einer breit angelegten Stadtflucht hysterisch aufs Land gezogen? Elektrischen Strom gibt’s ja inzwischen dort auch um Analog-Synthesizer, Sampler, Rechner etc. zu betreiben.

Auf die unterschiedlichen Stile der Kompilation-Beiträge näher einzugehen, würde den Rahmen sprengen, dennoch seien zumindest ein paar wohlwollende Hilfestellungen gewährleistet, damit man nicht ganz im Dunklen tappt, sollte irgendwer die CD vielleicht einmal antesten wollen, was dringend anzuraten wäre. "Egotrip" (Working Class Hero Andre Zogholy), trat schon mit Größen wie Console (ja, den Console) auf und liefert harsche Electronix gekoppelt mit Casio/Bontempi Melodien , "Lampe" aus Wels knispern durchaus britisch dahin, schöne Harmonien auch hier, klingt gelegentlich wie Isan , Maex Deckers Projekt "Jomasounds" , bereits aufegefallen durch Auftragskompositionen, etwa ein frequenzgesteuertes Videokonzert für die ars electronica 1999 oder Live/DJ Sets an allen erdenklichen Orten von Helsinki , bietet experimentellen minimal dark Ambient plus Clicksandcuts, "Gelée Royale" aus Linz machen laut Wolfgang Almers "ziemlich eigenständigen, deutschsprachigen Elektropop. Schräg klingende Titel wie "In einem Land das Herbert heisst" oder "Spacebrunzer" entfalten sich zu komplexen Popsongs in denen viel mit Elektronik, Gitarren, Synthies und Konservendrums herumexperimentiert wird", "4 exp 2" verstehen sich als Crossover Universal-Freejazz Kappelle (wir stellen uns mal NWO rückwärts auf 45 rpm vor). Pressetext: "Anmerken sollte man vielleicht noch, dass die Band wahlweise in Batman-, Ghostbusters- oder Masters of the Universe-Kostümen auftritt und vor fiesestem 70er-Artrock nicht zurückschreckt".

Popfakes will uns auf- und wachrütteln, um aufs eindrucksvollste klarmachen, daß es da draußen eine unübersehbare Menge "österreichische Bands, die abseits des gängigen FM4-Stromes schwimmen" gibt. An sich ist der FM4 Strom ja noch nicht das Schlimmste, kommt er zumindest inhaltlich dem Einheitsbrei der grassierenden "Format-Radios" nicht bedenklich nahe. Zeit also für alle "DancefloorGuerillas, Literarische Dilettanten, harmoniesüchtige Elektroniker, Alleinunterhalter, Selbstzelebrierer und Frequenzforscher, sich zu stellen dieser Herausforderung, sich aus ihren dunklen Wohnzimmern zu wagen, um die Welt mit Pop zu ködern, aber nur, um uns und auch den Pop auf die falsche Fährte zu locken." (Pressetext)

Popfakes soll uns aber auch zeigen, das Pop(musik), nichts anderes ist als eine Ansammlung bestimmter Ereignisse, bestehend aus der Musik selbst, der Verpackung und der Distribution.
Denn Distribution bestimmt die Verteiler, die Kanäle, somit den Absatz. Und damit dieser sich einfinden möge, gibt’s die bunte Vielfalt im Herbst auch gleich live zu bewundern:

Jetzt schon vormerken und auch hingehen!

Sa. 15.9. Alter Schl8hof Wels
Sa./So. 22./23.9. Innsbruck - Bierstindl, Couch, Electic Pavillon
(aufgeteilt auf 2 Tage und diverse Locations - Popfakes rockt Innsbruck!)
Mo., 1.10. Chelsea Wien
Mi. 10.10. Vitrino Designhaus Klagenfurt (TBC, noch nicht sicher)
Sa., 13.10. KUPRO Sauwald Schärding/OÖ

Die Organisatioren:
http://www.popfakes.com/
http://www.monochord.com/
http://www.wuestenkatz.cjb.net/

Die Künstler:
http://www.servus.at/egotrip/
http://jomasounds.firstfloor.org/index2.html
http://www.8ung.at/4exp2/index.html