: rechenzentrum : der innere film

text: ernest meyer

Ob auf Clubbings, Galerie-Eröffnungen, Elektronik Festivals oder in Chill Out Lounges, in der letzten Zeit taucht überall in den "Line-Ups" ein seltsam anachronistisch anmutender Bandname auf: Rechenzentrum. Wir wollten es wieder genau wissen und gingen der Sache auf den Grund.

Rechenzentrum : "John Peel Session" : Kitty-Yo via EFA/Ixthuluh

Einstige Projektnamen wie "Landschaften nach der Schlacht", "Heimkehr" (Shitkatapult / Kompakt 2000) oder "Abends, spät in der Zukunft" (Klanggalerie Walter Robotka 2001) machen natürlich neugierig auf mehr.

Drei Rechenschieber sind es also, die im Rechenzentrum Hebel und Schalter drücken und drei ist gerade genug um ein Kollektiv zu bilden.

Mark Weiser (Musik/Komposition), Lillevän (Video) und Christian Conrad (Sounddesign) stellen das Personal Rechenzentrums dar, das Kollektiv. Wir reden hier über Audio/Videokunst, interaktive Mindmachines etc., lauter geile Sachen, von denen wir in den 80ern immer geträumt haben, aber aufgrund unzureichender Technologie verzichten mußten.

Klang ist Farbe ist Gefühl oder so, dachten sich Rechenzentrum und setzten ihre Visionen sofort in die Tat um. Sicher, das ist nichts neues, stehen sie damit doch in einer langen Tradition von Multimeida-Performern, Video-Virtuosen und Klancollagen-Mischern. Das, was die Briten früher Isolationism (Robin Rimbaud aka Scanner) nannten, muß heute ja nicht mehr so downbeat und zappenduster sein, es darf auch getanzt werden. Und das ist ja überhaupt das Erfreuliche an Rechenzentrum, sie sind Genre-übergreifend, jonglieren mit den einschlägigen Stilen mit jugendlicher Experimentierfreudigkeit ohne daß jemals Langeweile aufkommen könnte. Die Tracks gleichen Minatur-Soundtracks und surrend beginnt in unseren Köpfen ein Film zu laufen. Und wir lieben "cut-up".

Songnamen wie "Ahab", "Vom Boot zum Haus" oder "Solaris" kommen ja auch nicht von ungefähr und lassen erkennen, daß hier ebenfalls ein gehöriger Schuß Humor mitwirkt. Fein! So fein, daß auch John Peel nicht umhin konnte und Rechenzentrum dazu bewegen konnte, eine Peel-Session aufzunehmen. Und die kann sich hören lassen. Von Minimal-Clickhouse bis Abstrakt-Techno und wieder Retour spannen Rechenzentrum ihren kompositorischen Bogen und das knistert und knackt und "drone"t und pulsiert ganz vorzüglich. Ab und an ein paar Fieldrecordings Marke "Ich zieh meine dicken Stiefel an und stapfe im Schnee" oder "Holzsägewerk, 1. Stock" daruntergemischt oder als schönen Pseudo-Ambient-Athmosphärenteppich im Intro eingeblendet, sehr liebevoll und abwechslungsreich.

Anspieltipp: Track 9. Ein Techno-Scherzo mit Extrasystolen und einer traurigen Computerstimme, die so gerne ein Lied singen würde, aber irgendwer zieht immer den Stecker raus.
Besondere Empfehlung.

: related links :

www.rechenzentrum.org
www.kitty-yo.com
www.klanggalerie.com
www.shitkatapult.com